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Die Welt zwischen den Buchdeckeln

Seit meine Achtjährige freiwillig früher ins Bett geht, um vor dem Einschlafen noch lesen zu können, ist es offiziell: Ida ist ein Bücherwurm. Anfängerschrift? Einfache Inhalte? Erstleser-Niveau? Nix da! Es müssen schon echte Schinken sein, je dicker, desto besser. Mit ihrer Lust auf Bücher hat die Grosse ihre sechsjährige Schwester angesteckt. Eva will das nun auch lernen, aber bitte plötzlich!

Ich könnte jetzt schreiben, dass das zu erwarten war – immerhin gehören wir zum klassischen Bildungsbürgertum. Ich habe aber so meine Zweifel. Zumal ich Eltern kenne, die trotz akademischer Abschlüsse weder ein Zeitungsabo noch ein Bücherregal, geschweige denn einen eReader besitzen. Ob die eigenen Kinder das Lesen für sich entdecken, hängt von anderen Faktoren ab: Die Kleinen müssen vor allem erleben, dass die Grossen lesen. Wenn Mami und Papi dauernd und freiwillig (!) den Kopf in Zeitungen und Bücher stecken, wird die Sache spannend. Das, was Mami so gerne macht, muss irgendwie interessant sein, und so weiter. Zumindest wäre das meine Theorie.
Herr Leinenbach und ich, wir sind Buchstabenjunkies. Da wir schon lange auf ebooks umgestiegen sind, sieht man es unserem Bücherregal nicht so an, unser Altpapierberg spricht aber Bände.

Zweite Strategie: Vorlesen. Wir wissen alle, wie wertvoll das ist. Mami und Papi schenken ihren Kindern dabei nicht nur Geschichten, sondern auch Nähe und Aufmerksamkeit. In der Praxis kommt das Ritual aber in vielen Familien zu kurz, beziehungsweise findet schlicht nicht statt. Es reicht nicht, einmal im Jahr (sagen wir an Heiligabend) eine halbe Stunde lang ein Buch hervorzukramen. Vorlesen erfordert Ausdauer – auf beiden Seiten.

Manche Erwachsene fürchten sich vor den Kindergeschichten, wollen ihre Zeit nicht mit irgendeinem Quatsch verplempern. Denkfehler! Wissen Sie, wann ich das letzte Mal beim Lesen Tränen gelacht habe? Das war nicht bei Thomas Melles grossartigem Roman «Die Welt im Rücken». Nein, es war gestern Abend, als ich Ida und Eva aus «Ella in der Schule» (von Timo Parvela) vorlas. Beim vorletzten Mal schmökerten wir im ersten Band von «Pippa Pepperkorn» (von Charlotte Habersack), als es passierte. Und davor war es «Liliane Susewind» (von Tanya Stewner), die mir die Tränen in die Augen getrieben hatte. Okay, in dem Fall aus Rührung, aber das zählt, denke ich, auch, oder? Und übrigens: Alle drei Bücher sind definitiv auch was für Jungs!

 

Erschienen in MM-Ausgabe 50
12. Dezember 2016

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Die Kolumnistin

Bettina Leinenbach

Bettina Leinenbach (40) ist Journalistin und zweifache Mutter.

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