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Bröckelnde Zähne

Ida machte den Mund auf: «Aaah!» Die Zahnärztin nickte zufrieden. Keine Löcher in Sicht, das Zahnfleisch gesund und die Zahnstellung auch manierlich. Ich wollte mich schon freuen, da sagte die Fachfrau «ähm... » und winkte mich zu sich. Sie zeigte auf einen der neuen, bleibenden Backenzähne: «Sehen Sie das?» Hmm, mal überlegen. Nein, ich sah nichts. Zumindest kein tiefes, schwarzes Loch. Da bewegte die Frau die Leuchte über dem Behandlungsstuhl minimal. Der Neuankömmling hinten rechts war eben noch strahlend weiss gewesen.
Doch nun sah ich einen Fleck, ungefähr so gross wie eine Linse und in der Farbe von umgerührtem Milchkaffee. «Das», sagte die Ärztin, «ist eine Stelle, an der Schmelz ungenügend ausgebildet wurde. Die Fragezeichen über meinem Kopf waren offensichtlich nicht zu übersehen. Daher sprach sie weiter. Sie erzählte, dass sie das immer öfter bei jungen Patienten sehen würde, dass es zwar kein komplett neues Phänomen sei, dass die Häufung in den letzten Jahren aber sehr auffällig sei. Und woher kommt das? Die Zahnärztin zuckte mit den Schultern. «Wenn wir das wüssten …»

Die Zahnkrankheit heisst Molar-Inzisor-Hypomineralisation, kurz MIH. Wobei Krankheit irgendwie das falsche Wort ist. Die Kinderzähne sind in der Regel korrekt angelegt. Das Problem entsteht in der Phase, in der die weichen Zahnkeimlinge mit Schmelz überzogen werden. Die Milchzähne sind seltener betroffen als die bleibenden. Heisst: Der Schaden entsteht irgendwann im Babyalter, wenn die zweiten Zähne bereits im Kiefer schlummern und sich der Schmelz ausbildet. Fehlbildung wäre das passendere Wort.
Die meisten Kinder haben Glück im Unglück. An den betroffenen Stellen ist doch ein mehr oder weniger ausgeprägter Überzug vorhanden – nur eben nicht so widerstandsfähig wie gedacht. Ein kleinerer Teil der Patienten hat aber von Anfang an kaum Schmelz auf den bleibenden Zähnen. Bei diesen Kindern bröckeln die Beisserchen, die eigentlich ein Leben lang halten sollten, wie Mailänderli.

Merkwürdigerweise sind meistens nur die Backenzähne (= Molaren) und/oder Schneidezähne (Incisoren) betroffen. Die Flecken in den Farbtönen Weiss, Gelb, Beige und Braun sind nicht nur unschön. Die Areale sind auch besonders schmerzempfindlich. Kalte Flüssigkeiten, heisse Speisen oder simples Zähneputzen – alles wird direkt an den Zahnnerv weitergetrommelt. Logisch, dass auch das Kariesrisiko im Bereich der Schmelzdefekte stark erhöht ist.

Nach dem ersten Schock (und glauben Sie mir, es war einer) suchte ich alle möglichen Informationen zum Thema MIH zusammen. Meine eigenen Zähne sind makellos durchgestossen, die meines Mannes ebenfalls. Und nun hatte unsere Erstgeborene dieses Problem. Was war da schiefgelaufen? Eins kann ich mittlerweile sagen: Die Fachleute tappen diesbezüglich wirklich im Dunkeln. Klar, es gibt Hypothesen. Aber immer wenn ein neuer Auslösefaktor diskutiert wird, tauchen Fragezeichen auf.
Beispiel Antibiotika. Manche Medikamente aus dieser Gruppe greifen nachweislich in den sensiblen Prozess der Zahnschmelzbildung ein. Wenn also ein Kind im Babyalter eine Mittelohrentzündung hatte, die antibiotisch behandelt werden musste, konnte es passieren. (Natürlich hatte unsere Grosse Mittelohrentzündungen. Mehrmals.) Aber warum gibt es dann diese eine deutsche Studie, in der die Autoren eindrucksvoll aufzeigten, dass die Kinder aus Landkreis A, die überdurchschnittlich häufig mit Antibiotika behandelt wurden, auffallend weniger Bröckelzähne hatten, als aus dem Landkreis B, wo nachweislich seltener Antibiotika verschrieben wurden? Yup, so ging es mir auch.

Nächste Hypothese: Muttermilch. Gestillte Babys nehmen Unmengen von Schadstoffen auf, die in Mutters Fettreserven gespeichert waren (sagen Skeptiker). Das kann es aber auch nicht sein. Stillkinder sind signifikant weniger häufig betroffen als Schoppenkinder. Schoppen, Schoppen, Schoppen – da war doch was? Richtig. Weichmacher in den Flaschen. Könnte das die Ursache sein? Da sich meine Kinder beide standhaft geweigert haben, aus der Flasche zu trinken, fällt das zumindest für meine Familie als Erklärungsgrund weg.
Next one: Infekte im Kleinkindalter. Wir alle wissen, wie anfällig Babys für Atemwegserkrankungen sind. Wäre es denkbar, dass mehrere, wiederkehrende Infekte zu Atemnot geführt haben? Und dass dies wiederum die empfindlichen Schmelzbildungszellen bei der Arbeit gestört hat? Luftnot im Oberkiefer? Diese Erklärung könnte in unserem Fall zutreffend sein. Ida wurde als Kleinkind zwei Mal stationär wegen Infektasthmas behandelt. Und ja, sie hatte starke Atemnot. Aber haben die Kids von heute mehr Husten und Sauerstoffmangel-Phasen als die Kinder von früher? Ich glaube es nicht.
Was bleibt sonst als Erklärungsmodell? Ernährung? Stress? Andere Umweltgifte? Was, wenn die MIH schon immer existierte, es uns aber erst jetzt auffällt, weil Karies viel weniger Thema ist? Könnte es sein, dass die Schmelzdefekte der älteren Generationen nicht ins Gewicht fielen, da die Zahnfäule alle Defekte wegfrass? Fragen Sie mich nicht. Das Ganze ist mysteriös.

Aber zurück zu Ida. Es ist genau ein Jahr her, als ich mich gemeinsam mit der Zahnärztin über ihren Mund beugte. Damals war nur ein Backenzahn betroffen. Die unteren Schneidezähne sahen gut aus, die oberen waren noch nicht da. «Möglich, dass auch die Schaufeln betroffen sein werden», warnte uns die Kinderzahnärztin vor. Kurz vor diesem Weihnachtsfest waren wir erneut zur Kontrolle. Ida zeigte voller Stolz ihre neuen Schaufeln. Keine braunen Bröckelflecken in Sicht, Glück gehabt. Als Eva wenig später auf den Behandlungsstuhl kletterte und der Ärztin ihre erste Zahnlücke präsentierte hielt ich die Luft an. Noch lässt das neue Beisserchen auf sich warten. Herr Leinenbach und ich, wir drücken schon mal die Daumen.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 1
3. Januar 2017

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Die Kolumnistin

Bettina Leinenbach

Bettina Leinenbach (40) ist Journalistin und zweifache Mutter.

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