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Basejumping

Das Lauterbrunnental ist berühmt für seine spektakulären Wasserfälle, seine steilen Felswände – und für die Basejumper, die dort gelegentlich vom Himmel fallen. Als wir neulich aus der Seilbahn stiegen, die uns vom Bergdorf Mürren wieder ins Tal gebracht hatte, ging mir all das durch den Kopf. Ich schaute nach oben. Sprangen diese Vogelmenschen eigentlich auch in der Dämmerung? Und wie gross war die Wahrscheinlichkeit, dass einer auf mich, auf uns, plumpsen würde? Just in dem Moment knickte mein linker Fuss um, und ich fiel ins Leere. Verwackelte Bilder, Minifilmriss. Ich weiss noch, dass ich dachte: Ich werde nun zu Boden gehen, ohne Fallschirm oder Wingsuit, davor vor den Augen vieler Passanten – wie cool!

Als ich auf dem kalten Asphalt zu liegen kam und meine Kinder «Mami, Mami!» schreien hörte, als ich in viele fremde Gesichter blickte, die auf mich herabblickten, als Herr Leinenbach versuchte, zu mir durchzukommen, war klar, dass mir das gerade wirklich passiert war. Ich schloss die Augen und murmelte «alles gut, alles gut». Was glatt gelogen war.

Aber genau das brauchten wir jetzt, insbesondere meine Töchter. Der Unfall überforderte nicht nur mich, sondern auch die Zuschauer. Die Anteilnahme war gross, der Aktionismus grösser. Gehirnerschütterung? Ambulanz? Rega? Eine Passantin forderte ihren Mann auf, in ihrer Handtasche nach den «homöopathischen Notfalltropfen» zu suchen. Das war süss und sehr bizarr zugleich.

Als sich die Menschenmenge endlich aufgelöst und ich es humpelnd zum Auto geschafft hatte, kamen die Tränen. Viele Tränen. Das blutende Knie, das pochende Handgelenk und der vertretene Fuss waren nicht sehr angenehm. Der Schock war das grössere Problem. Und die Scham, die Überforderung. Mütter knicken nicht um und fallen vom Trottoirrand. Sie landen auch nicht der Länge nach auf dem Boden des Lauterbrunnentals. Mann, was für ein beschissener Tagesabschluss.

Als ich wenig später von einem sehr freundlichen Apotheker in Interlaken verarztet wurde, wurde mir bewusst, dass ich mich bei keinem meiner Helfer bedankt hatte. Das hole ich jetzt nach: Danke, dass Ihr da wart, danke, dass Ihr bei uns geblieben seid, bis ich wieder stand. Ich werde das Tal und seine Bewohner in guter Erinnerung behalten. Und die Gefahr, die von Basejumpern ausgeht, wird eindeutig überbewertet. Denke ich jetzt mal.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 51
19. Dezember 2016

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Die Kolumnistin

Der ganz normale Familienwahnsinn

Bettina Leinenbach (40), Journalistin und zweifache Mutter, schreibt wöchentlich für das Migros-Magazin und Migrosmagazin.ch.

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