Content: Home

Wann war vorgestern?

Ob das meine Tochter sei, fragt Christof. Eine flüchtige Begegnung am Bahnhof nur, er eilt auf den Zug. Wir, meine Tochter und ich, kommen gerade vom Perron, sie ist von einem siebenmonatigen Welschlandaufenthalt heimgekehrt. «Ja, das ist sie», antworte ich und schaue seitlich an ihr hoch: eine junge Frau, längst grösser als ich. «Meine ist noch so …», sagt Christof und deutet mit einer Wiegebewegung an, dass seine Tochter kaum länger als sein Unterarm ist.

Bänz Friedli (52) Seine Ella kam vor wenigen Wochen erst zur Welt. «Sie war vorgestern ‹so›», sage ich, auf Tochter Anna Luna deutend, und mache nun meinerseits die Wiegebewegung, wie sie Fussballer zuweilen nach einem Torerfolg machen, um ihre schwangere Freundin zu grüssen, «mir ist, sie sei vorgestern noch ein Bébélein gewesen …»
Worauf Christof sich an sie wendet: «Diese Sprüche magst du, gäu?»

Und ich weiss: Mein Satz war doppelt dumm. Ihm gegenüber, weil junge Eltern nicht dauernd hören wollen, wie schnell es dann gehe, womöglich mit der Bemerkung garniert: «Geniess die kurze Zeit!». Ihr gegenüber, weil eine junge Frau ungern vor anderen Leuten daran erinnert wird, dass sie «eben noch» in den Windeln lag. Christof hat recht, meine wohlmeinenden Ratschläge sind überflüssig.
Und doch hätte ich ihm just dies gern gesagt, er solle es geniessen. Doch dazu war die Begegnung zu kurz, wir haben uns bloss gekreuzt, ohne richtig stehen zu bleiben.

Er solle seiner Tochter beim Nichtstun zuschauen, hätte ich ihm gesagt, solle sich mit ihr in Bilderbücher vertiefen, Lego-Steine zusammensetzen und es als Gnade betrachten, wenn der Weg zum 70 Meter entfernten Einkaufsladen eine Stunde dauere, weil die Tochter jedes Steinchen umdrehe, an jedem Grashalm rieche. Er solle sich seine beruflichen Ziele nicht jetzt, sondern in 15 Jahren wieder setzen, hätte ich ihm gesagt. Er solle der Beziehung zu seinem Kind Raum geben.

Unsere Tochter dünkt es nicht, sie sei eben noch klein gewesen – es war ja ihr ganzes Leben. Für mich hingegen war ihr Heranwachsen rasch. Freilich hätte ich Christof auch gesagt, wie grossartig es ist, erwachsene Kinder zu haben, mit ihnen über Kinofilme wie «Die göttliche Ordnung» diskutieren zu können, über Putin, Trump und Erdogan, das Referendum gegen die Energiestrategie und den neuen Song der Toten Hosen.

Doch zum Glück blieb all dies unausgesprochen. Denn Christof wird es selbst merken. Und er wird, ehe er sichs versieht, einem jüngeren Kollegen raten: «Geniess es, meine Tochter war eben noch ‹so›» – und wird dazu eine Wiegebewegung machen.


Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
Abonnieren: Hörkolumnen mit RSS-Client
Website: www.baenzfriedli.ch

 

Erschienen in MM-Ausgabe 16
18. April 2017

Text
Bilder
  Mag ich   Kommentare  0

 Drucken  E-Mail

Die beliebtesten Artikel der Rubrik

 


Kommentar verfassen


0 Kommentare

  • Sie haben diesen Kommentar bereits gemeldet