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Sich mal was gönnen …

Unser Wohlstand basiere auf dem Elend ­anderer Länder, erklärte ein Buchautor – ­dessen Namen ich verpasst hatte – am Radio; kurz vor Silvester wars, ich war mit dem ­Abhängen des Weihnachtsschmucks beschäftigt. Seit Jahrzehnten lebe der industriali­sierte Westen auf Kosten ärmerer Regionen, beute er deren Bodenschätze aus, lasse er ­deren Menschen unter unwürdigen Bedingungen schuften. Unsere Jeans, unsere ­Sportschuhe – sie werden in Asien zu Hungerlöhnen gefertigt, teils von Kindern, die täglich giftigen Chemikalien ausgesetzt sind. Sieben-Tage-Wochen sind die Regel, Überstunden bleiben unbezahlt.

Bänz Friedli (51) denkt an Mani Matter. «Was Sie darlegen, ist alles nicht besonders neu …», wirft die Moderatorin leicht gelangweilt ein. – «Nein», antwortet der Befragte, «aber das ist es ja gerade. Wir wüssten es längst besser, handeln aber nicht danach.» Er insistiert: Unser ökologischer Fussabdruck sei viel zu gross. Wollten alle Menschen so ­leben wie wir – so oft duschen, so viele Fernreisen unternehmen, so viel Fleisch essen –, die Ressourcen reichten nicht aus, der Planet würde kollabieren.

Die Fragestellerin hatte recht, neu ist dies alles nicht. Wir wissen längst darum, eigentlich. Neu ist nur, dass uns das Verdrängen zunehmend schwerfällt. Wenn ich mal wieder ein Paar Turnschuhe kaufe, einfach so, weil sie mir gefallen und weil ich es mir leisten kann, tue ich es mit schlechtem Gewissen. Dürfen wir uns überhaupt noch freuen? Uns mal was gönnen? Noch Feste feiern? Ferien machen?
Seit einigen Monaten fällt die Frage in jeder Runde. Darf es uns überhaupt gut gehen? Vor vielen, vielen Jahren schon fasste einer das Dilemma in einen einzigen, vordergründig simplen Satz: Mani Matter. «Dene, wos guet geit, giengs besser, giengs dene besser, wos weniger guet geit – was aber nid geit, ohni dass’s dene weniger guet geit, wos guet geit.» Genial einfach zeigte er die ganze ­Vertracktheit auf, und in letzter Zeit muss ich fast täglich an seine Zeilen denken.

Am Neujahrstag titelt die «NZZ am Sonntag», als wollte sie mich trösten, gross: «Uns Schweizern ging es noch nie so gut wie Anfang 2017.» Eben.
Uns gehts viel zu gut. Wir sind so verwöhnt, wenn bei uns ein Gewitter mal Geröll und Äste auf die Strasse spült, wird dies von städtischen Teams weggeputzt, noch ehe der nächste Tag anbricht. Neuschnee wird immer sofort geräumt. Ausser letzten Montag. Da kam der erste Schnee der Saison so über­raschend, dass die stark abfallende Strasse neben unserer Siedlung über Stunden weiss bedeckt blieb. Das halbe Quartier ­vergnügte sich spätabends beim Schlittelplausch. War das eine Freude! 

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
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Website: www.baenzfriedli.ch

 

Erschienen in MM-Ausgabe 2
9. Januar 2017

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