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Irgendwo in Tennessee

Diana gestorben? Lady Diana? Das gibts doch nicht! Die Liebste und ich, noch kinderlos und tags zuvor in Amerika gelandet, hielten an einem Sonntagmorgen an einer Texaco-Tankstelle irgendwo in Tennessee an, und neben der Zapfsäule hing die Schlagzeile, dass die britische Prinzessin tödlich verunfallt sei. Ich sage noch: «In den europäischen Zeitungen hat es nicht für die Sonntagsausgabe gereicht, hier schon – dank der Zeitverschiebung», steige wieder in den gemieteten Ford Mustang …

Bänz Friedli blickt 20 Jahre zurück.

... und weg waren wir. Einfach fort und weg, viele Wochen lang. Keine Ahnung, was im Büro los war. Keinen Schimmer, welche Resultate mein Fussballverein erzielte. Null Erinnerung an den Schweizer Herbst. Wir waren ja weg. Unerreichbar weit weg. An die Gischt erinnere ich mich, die im Atchafalaya-Sumpf vom Bootsbug aufspritzte, an Blues unter freiem Himmel und rabenschwarzen Kaffee, an schnurgerade Highways und The Chemical Brothers ab Tonbandkassette. Und an den freundlichen Cop in Austin, den ich mit einem 20-Dollar-Schein dazu bewegen konnte, unseren Mustang wieder herunterzukurbeln, den er im Parkverbot schon mit seinem Abschleppkran aufgegabelt hatte.

Nicht auszudenken, welchen Sturm von Entrüstung und geheucheltem Beileid Dianas Tod heute auslösen würde, sekundenschnell in alle Erdteile verbreitet. Unsere Reise durch den amerikanischen Süden hat er damals nicht weiter überschattet. Wir hatten ihn schon vergessen, als wir bei Marjorie und Coerte eincheckten, einem älteren Paar, das in Lafayette, Louisiana, ein Bed and Breakfast betrieb. Aus ihrer Küche schickte ich meinem Chef ein Fax, wegen irgendeines Versäumnisses.

Sonst hatten wir nie Kontakt mit Zuhause. Wir waren immer voll und ganz dort, wo wir gerade waren. Im Lokal, das auf Stelzen über dem Brackwasser gebaut war und wo wir «blackened catfish» assen. Im Spielcasino auf einem Mississippidampfer. Bei Marjorie und Coerte. Der war ein bärtiger Kerl von vielleicht 70 Jahren, liess sich Kurt rufen, Kurt wie Cobain, und raunte zum Abschied salopp: «Drop me a line on the internet!» Ich wusste nicht mal genau, was das war, «im Internet schreiben», darum hab ich den Satz nie vergessen.

Im vergangenen Jahr, auf Stippvisite in Louisiana, habe ich Coerte wiedergesehen. Er geht gegen die 90 und sieht noch immer aus wie mit 70. Wir wollen gerade ins Gespräch kommen über einen Bootsunfall, den er gehabt hat, da blinkt auf meinem Handy die Mitteilung auf: «Anfrage für Anlass in Sursee», und ich gäbe viel darum, noch einmal so losgelöst zu sein wie damals, neunzehnhundertsiebenund … Verdammt! Ist noch gar nicht so lang her. 

Bänz Friedli live: 22.3. Möhlin AG, 23.3.; Winterthur, Casinotheater, «Satirisch gut essen»

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Erschienen in MM-Ausgabe 12
20. März 2017

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3 Kommentare

Heidi G. [Gast]

Geschrieben am
21. März 2017

Lieber Bänz, Sie sprechen mir aus dem Herzen. Wie schön war es Wochen vor der Reise im Lonely Planet zu blättern und zu planen und dann eine richtige Strassenkarte aus PAPIER auf der Schoss zu haben... Da kommt gleich ein bisschen Wehmut auf.
Liebe Grüsse von einer alten Globetrotterin

Eva K. [Gast]

Geschrieben am
20. März 2017

Ich kenne sie auch noch, die Zeiten, wo man immer gerade da war, wo man war. Auch an den Konzerten geht es nicht mehr ohne Handy. Wie ich darauf komme? Weil ich einen Link brauche um loszuwerden, dass man nie, aber auch wirklich gar nie, auch nicht in der NZZ am Sonntag, Ed Sheeran als "schlecht aussehend" beschreiben soll ;-) Man muss damit rechnen, dass es nicht gut ankommt bei Töchtern, die Zeitung lesen und am Abend das Konzert besuchen :-).

 

Bänz Friedli

Geschrieben am
20. März 2017

Als ich es dann so gedruckt las, dünkte mich auch, «kein klassischer Beau» wäre diplomatisch gewesen. Herzig ist er nämlich. Meine eigene Tochter hingegen hat sich am «schlecht aussehend» nicht gestört … ;-)

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