Content: Home

Herzbube, chancenlos

Nie im Leben hätte er – wir nennen ihn hier Res – sich im Web nach einer neuen Liebe umgeschaut. Der doch nicht! Kontaktfreudig und jovial, wie er ist. So oft, wie der unter die Leute kommt! Bei so vielen Frauen, wie er ­ihnen in seinem Berufsalltag begegnete …! Und überhaupt: Res sehnte sich in jener Zeit gar nicht nach einer Partnerin. Er hatte es gut unter einem Dach mit seinen bald erwachsenen Söhnen. Eine Männer-WG, sozusagen. Bis eines Tages einer der Söhne aus dem Haus eilte und ihm über die Schulter zurückrief: «Papa, kannst für mich weiter jassen?»

Bänz Friedli (52) erzählt eine wahre Geschichte.   (Bild: Vera Hartmann) Weiter jassen? Im Internet, auf einer Site, wo Wildfremde mit Wildfremden in aller Welt das helvetische Kartenspiel pflegen: Schieber, Differenzler, Coiffeur, was auch immer. Res also setzte sich an den Computer seines Sohnes und spielte die angefangene Partie weiter. So etwas hatte er noch nie gemacht, und gegen die unbekannte Jasserin – Webname: Susann – hatte er keinen Stich. Auch im nächsten und übernächsten Spiel nicht.
Der Nachmittag ging schon zur Neige, als Susann ihn in der Chatfunktion fragte, wie alt er eigentlich sei. «Meinst du jetzt mich oder ihn?», tippte Res ein. «Wie ‹ihn›?», kam es zurück. Und er musste sie aufklären, dass sie mit zwei verschiedenen Männern gejasst habe, mit einem Jüngling und mit ihm, dem mittelalterlichen Vater. Im Jassjargon: mit Bube und König.

Susann sass zu dieser Zeit in Ungarn, wo sie sich ein Haus gekauft hatte. Eine Weltenbummlerin. Zuvor hatte sie schon im Mittleren Westen der USA gelebt. Nur durchs Jassen blieb sie der Heimat verbunden. In den folgenden Wochen verabredeten sich die beiden immer öfter zum Jassen im Netz. Res erzählte seinem Sohn nichts davon. Auch nicht, dass in diesen Spielstunden immer weniger gejasst und immer mehr «geplaudert» wurde. Schriftlich, über viele tausend Kilometer hinweg.
Bis die beiden sich in Prag trafen, und es war Liebe auf den … Nicht auf den ­ersten Blick, nein. Die Liebe war in ­diesem Fall schon vor dem ersten Blick ­entflammt. Dass Susann und Res an jenem Abend ein Doppelzimmer nehmen würden, lag auf der Hand.

Seither sind viele Jahre vergangen. Susann und Res sind unzertrennlich. Sie zog zu ihm, fand einen Job, die Söhne sind längst ausgeflogen. Eben haben die beiden eine schöne neue Wohnung mit Sicht über die Stadt bezogen. Manchmal, abends, holt Susann die Jasskarten hervor. Res und sie setzen sich zu einem Spiel hin, trinken ein Glas Wein und lachen über sich selbst. Im Jassen hat er noch immer keinen Stich. 

Bänz Friedli live: 18. 5. Thun (ausverkauft), 19. 5. Burgdorf BE (ausverkauft), 20. 5. Bergdietikon AG

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
Abonnieren: Hörkolumnen mit RSS-Client
Website: www.baenzfriedli.ch

 

Erschienen in MM-Ausgabe 20
15. Mai 2017

Text
Bilder
  Mag ich   Kommentare  1

 Drucken  E-Mail

Weitere Artikel zum Thema

 

Die beliebtesten Artikel der Rubrik

 


Kommentar verfassen


1 Kommentar

Rusty 66 [Gast]

Geschrieben vor
2 Wochen

Vielen Dank, dass du diese zauberhafte Liebesgeschichte mit uns geteilt hast. Wer nicht krampfhaft sucht, der wird gefunden. Diese Erfahrung mache ich in meinem Alltag ständig - sei es mit liebevollen, interessanten Menschen, die ich kennen lerne, mit Hilfe, die ich in der Not bekomme oder mit tollen Dingen, die mir zufliegen.

  • Sie haben diesen Kommentar bereits gemeldet