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Hier stecken die «versteckten» Jobs

Das Jobangebot auf Suchplattformen täuscht: Viele Stellen werden intern oder über informelle Kanäle besetzt. Der Stellenmarkt-Experte Urs Klarer kennt die Hintergründe und sagt, wie man Jobs findet.

Ende 2016 schlug der Jobvermittler Metapage Alarm: Eine Studie habe ergeben, dass zwei von drei Stellen in der Schweiz nie öffentlich ausgeschrieben würden: «In der Schweiz existiert ein versteckter Stellenmarkt: Es sind deutlich mehr Stellen offen, als es auf Jobplattformen den Anschein hat.» Diese Jobs würden jedoch nur auf den Firmenwebsites publiziert.

Die Gründe dafür seien die enormen Kosten, der grosse Aufwand und die bescheidene Sichtbarkeit, wenn man sie auf den Plattformen ausschreibe. Die Studie listet bekannte Grossfirmen auf, die die meisten ihrer Stellen nur auf der eigenen Website ausschreiben, darunter Novartis (94%), UBS (88%) und ABB (84%).

Der Stellenmarkt-Monitor Schweiz an der Universität Zürich kommt zu einem anderen Ergebnis: Laut einer repräsentativen Umfrage in Schweizer Unternehmen werden mindestens 50 Prozent aller offenen Stellen auf Jobportalen ausgeschrieben und bloss knapp 20 Prozent nur auf der Firmenwebsite. Von einem «versteckten Stellenmarkt» könne man nicht sprechen, da die Stellen auf der Firmensite ja grundsätzlich frei zugänglich seien. Zudem würden auch solche Inserate von diversen Seiten gescannt und über entsprechende Portale quasi zweitpubliziert. Allerdings stellt der Stellenmarkt-Monitor auch fest, dass 19 bis 28 Prozent aller offenen Stellen «intern oder auf informellen Wegen» besetzt werden.

Weitere Informationen: www.blog.markenjobs.ch und www.stellenmarktmonitor.uzh.ch

«Man muss sich klar werden, was man will und was man zu bieten hat»

Urs Klarer (49) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Stellenmarkt- Monitor Schweiz am Soziologischen Institut der Universität Zürich.

Eine Studie ist kürzlich zum Schluss gekommen, dass viele offene Stellen in der Schweiz gar nicht offiziell ausgeschrieben werden, und spricht von einem «versteckten Stellenmarkt». Gibt es so was tatsächlich?

Nicht wirklich, zumindest nicht in diesem Sinn. Stellenangebote auf einer Unternehmenswebsite sind aus unserer Sicht durchaus eine Form von öffentlicher Ausschreibung. Zwar gibt es Stellen, die ohne Ausschreibung besetzt werden, aber interne oder informelle Besetzungen sind nichts Neues. Die Frage ist, wie sinnvoll es für beide Seiten wäre, eine grosse Ausschreibung durchzuführen, wenn es bereits geeignete Kandidaten gibt.

Offenbar werden sogar mehr Stellen ausgeschrieben als früher.

Ja, insgesamt hat sich die Anzahl nicht ausgeschriebener Jobs verringert, auch wegen des Internets. Ausserdem sind viele Stellen so anspruchsvoll geworden, dass die Unternehmen in einem weiteren Radius suchen, um geeignete Bewerber zu finden. Die Suchintensität bei hochspezialisierten Jobs ist in der Regel viel grösser.

Aber auch Sie sagen, dass bis zu 28 Prozent aller Stellen intern oder informell besetzt werden. Das ist nicht gerade wenig.

Schon, aber meiner Ansicht nach ist das kein Skandal. Für Firmen können interne Besetzungen sinnvoll sein, denn so geht ihnen das Know-how im Betrieb nicht verloren, das die Mitarbeitenden erworben haben. Auch informelle Besetzungen spielen eine Rolle, in jüngerer Zeit auch über die sozialen Netzwerke.

Knapp ein Fünftel aller Stellen wird nur auf den Firmenwebsites ausgeschrieben. Weshalb?

Das hat den Effekt, dass vor allem diejenigen die Anzeige sehen, die sich für das Unternehmen und seine Arbeit interessieren oder sowieso damit zu tun haben, etwa Zulieferer oder Kunden. Je nach Art der Stelle gibt es durchaus Chancen, gute ­Bewerbungen zu erhalten – und falls nicht, besteht noch immer die Möglichkeit einer weitergehenden Ausschreibung. So kann die Firma zunächst mal Insertionskosten, die Anzahl Dossiers und den Bearbeitungsaufwand tief halten.

Welches Vorgehen raten Sie einem Stellensuchenden, damit er möglichst alle offenen Stellen findet?

Alle zu finden, sollte vielleicht gar nicht das Ziel sein, sondern vor allem passende. Ich bin kein Berater für Stellensuchende. Aber ich denke, man muss sich auch klar werden, was man will und was man zu bieten hat. Reichen die Qualifikationen? Muss man sich vielleicht erst noch weiterbilden? Natürlich sollte man auch das persönliche Netzwerk nutzen, dadurch kommt man unter Umständen zu Informationen, bevor die Stellen öffentlich ausgeschrieben werden.

Wie wichtig sind Jobnetzwerke wie Xing und LinkedIn?

Wir gehen davon aus, dass es in den sozialen Netzwerken immer noch eher darum geht, gefunden zu werden, als selbst zu suchen. Jobvermittler bearbeiten auf diesen Plattformen intensiv die Bereiche mit grosser Personalnachfrage, zum Beispiel Pflege oder technische Spezialisten.

Was raten Sie Bewerbern, die «zu alt» sind, zu wenig Arbeitserfahrung oder einen Migrationshintergrund haben?

Dazu könnten die Beratungsstellen für Stellensuchende sicher mehr sagen. Anhand der Daten des Stellenmarkt-Monitors wissen wir, dass die Anforderungen in fast allen Bereichen gestiegen und zum Teil sehr hoch sind. Auch hier kann also Weiterbildung hilfreich sein. Ich denke, dass es wichtig ist, flexibel zu sein, auch bei den Ansprüchen. Aber selbst dann kann es schwierig werden. Manchmal braucht es auch einfach ein bisschen Glück.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 5
30. Januar 2017

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Zahlen und Fakten

53% aller offenen Stellen werden auf den Jobsuchportalen ausgeschrieben.

19% aller offenen Stellen werden lediglich auf den Firmenwebsites ausgeschrieben.

3,5% betrug die Arbeitslosenquote in der Schweiz Ende Dezember 2016. Das entspricht 159 372 beim RAV gemeldeten Arbeitslosen. Anfang 2016 lag die Quote bei 3,6 Prozent.

Quelle: Stellenmarkt Monitor Schweiz, Seco

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