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Eveline Widmer-Schlumpf über Pro Senectute, Politik und Punks

Am 1. April übernimmt die frühere Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf das Präsidium der Pro Senectute, die 2017 hundertjährig wird. Ein Gespräch über die Pflege Hochbetagter, die gefährdete Solidarität zwischen den Generationen – und darüber, was von ihrer Zeit als Punk noch übrig ist. Exklusiv online: «Das Quiz zur Pro-Senectute-Geschichte».

Eveline Widmer-Schlumpf, eigentlich wollten Sie sich nach dem Rücktritt aus dem Bundesrat aus der Öffentlichkeit verabschieden. Wieso machen Sie für Pro Senectute eine Ausnahme?

Ich sagte damals, dass ich mir ungefähr ein Jahr Zeit nehme, um zu entscheiden, was ich weiter tun möchte. Inzwischen habe ich drei Bereiche gewählt, in denen ich mich engagiere: Der grösste und prominenteste ist Pro Senectute. Es hat mich schon immer beschäftigt, was man tun muss, damit das Leben auch nach der Pensionierung erfüllt ist. Daneben engagiere ich mich in Graubünden für die Kinder- und Jugendbetreuung und für Kinder mit Herzfehlern – auch weil wir selbst ein solches haben.

Aber die Anliegen von Pro Senectute sind Ihnen besonders wichtig?

Ja, denn wir müssen dafür sorgen, dass die Generationen gegenseitig Verständnis füreinander bewahren. Ich selbst bin so aufgewachsen. Meine Grosseltern haben eine zentrale Rolle in meiner Kindheit gespielt. Sie haben uns gehütet und auch sonst geholfen, wenn die Eltern stark ausgelastet waren. Später hat meine Mutter mich sehr bei meinen Kindern unterstützt – anders wäre es mir gar nicht möglich gewesen, mein Lebensmodell so umzusetzen. Wenn die Generationen einander nahestehen, profitieren alle Seiten.

Wenn die Generationen einander nahestehen, profitieren alle.
Was machen Sie als Präsidentin genau?

Ich organisiere und leite die Sitzungen des Stiftungsrats, pflege Kontakte, arbeite bei Projekten mit, es sind vielfältige Aufgaben.

Haben Sie bestimmte Ziele, die Sie erreichen wollen?

Das Bewährte fortsetzen und mithelfen, die Organisation den sich stets wandelnden Bedürfnissen anzupassen. Ältere Menschen sind heute viel länger gesund und mobil als früher und möchten auch dann noch zu Hause bleiben, wenn sie schon sehr alt sind. Dafür müssen wir weitere und auch neue Unterstützungsformen entwickeln.

Zum Beispiel?

Es gibt schon heute Pilotprojekte, etwa intergenerationelle Wohnformen, mit denen im Grunde die Grossfamilien von früher simuliert werden. Vielversprechend scheint mir auch die Zeitvorsorge, dass sich also jüngere Leute oder jüngere Alte mit Zeit um sehr alte Leute kümmern und dafür ein Zeitguthaben ansparen, für das sie selbst im Alter Unterstützung in Anspruch nehmen können. Ein spannender Ansatz. Wir müssen heute neu denken, was morgen funktionieren soll. Wenn man bedenkt, dass im Jahr 2030 doppelt so viele Menschen über 80 Jahre in der Schweiz leben wie heute, wird schnell klar, dass es auch viele Freiwillige brauchen wird, um die notwendige Unterstützung sicherzustellen. Organisationen wie Pro Senectute werden hier eine wichtige Rolle spielen.

Auf Facebook und Twitter bin ich nicht – wenn ich mich öffentlich äussern will, stehen mir andere Kanäle zur Verfügung.
Funktioniert denn die Solidarität zwischen den Generationen noch?

In den Familien selber funktioniert diese Solidarität sicher, vielleicht sogar stärker als früher. Für viele Grosseltern ist es selbstverständlich mitzuhelfen. Gesellschaftlich hingegen scheint es zwischen den Genera­tionen grössere Spannungen zu geben – darauf müssen wir unser Augenmerk richten. Aber auch da gibts bereits interessante Projekte, wenn etwa Schüler oder Studentinnen Leuten über 70 beibringen, wie man Computer oder Tablets verwendet.

Nutzen Sie selbst diese Geräte?

Ja, aber auch ich habe dabei stark von meinen Kindern profitiert, die immer wieder geholfen haben. Auf Facebook und Twitter bin ich hingegen nicht, ich habe nicht das Bedürfnis, mich dauernd öffentlich zu zeigen und zu äussern. Wenn ich das will, stehen mir andere Kanäle zur Verfügung.

«Ich kämpfe für das, was ich für wichtig und richtig halte.»

Pro Senectute wird dieses Jahr 100. Was ist das Wichtigste, das sie geleistet hat?

Die Stiftung war zentral für die Einführung der AHV und später auch für die 2. Säule. Als diese materielle Grundversorgung sichergestellt war, kam der Aufbau der diversen Dienstleistungen für ältere Leute, wie wir sie heute kennen: von Sportkursen bis zur Unterstützung bei der Steuererklärung und dem Anliefern von Mahlzeiten. Alles mit der Idee, dass möglichst viel Senioren zu Hause alt werden können, möglichst autonom und ohne isoliert zu sein.

Können sich auch ärmere Alte diese Angebote leisten?

Die Tarife sind wirklich günstig, so dass sich das alle leisten können. Eine Gymnastikstunde kostet zum Beispiel im Kanton Luzern 5 Franken, seine Steuererklärung ausfüllen lassen kann man ab 50 Franken.

Zukunftsgerichtete Lösungen zu finden und nicht nur solche für tagesaktuelle Probleme, scheint tendenziell schwieriger zu werden.
Sind Sie zufrieden mit dem Entscheid zur Reform der Altersvorsorge?

Ja, es braucht unbedingt ein Gesamtpaket, in dem 1. und 2. Säule gemeinsam reformiert werden, bei dem es auch einen sozialen Ausgleich gibt. Im Zentrum steht aber nun die Frage, wie man die Jungen davon überzeugen kann, dass dieses System gut ist und sie später auch selbst davon werden profitieren können. Entscheidend ist, jetzt ein Zeichen zu setzen, dass wir es auch heute noch schaffen, ein so grosses und wichtiges Projekt umzusetzen. Wohlbemerkt eines nicht für die heutigen Alten, sondern für diejenigen, die in 10, 20, 30 Jahren ins Pensionsalter kommen.

Grosse Projekte sind in der Politik schwierig geworden?

Zukunftsgerichtete Lösungen zu finden und nicht nur solche für tagesaktuelle Probleme, scheint tendenziell schwieriger zu werden, ja. Statt das Aktuelle bis zur Bewusstlosigkeit zu diskutieren, sollten wir uns lieber damit auseinandersetzen, was in fünf oder zehn Jahren wichtig ist. Genau das versucht diese Reform. Meine persönliche Strategie in Bern war immer, dazu beizutragen, Lösungen zu finden, selbst wenn sie vielleicht nicht unter jedem Aspekt optimal sind. Hauptsache, sie finden die Zustimmung der Mehrheit. Auch ein Entscheid, den man vielleicht später noch anpassen muss, ist besser als kein Entscheid.

Wie gross ist der Einfluss von Pro Senectute bei politischen Diskussionen?

Pro Senectute hat sich sehr für das Gelingen der Reform als Gesamtpaket engagiert, Unterlagen und Berechnungen geliefert sowie wichtige Diskussionen angeregt.

Steigt der Einfluss mit einer ehemaligen Bundesrätin an der Spitze?

Der war durch das grosse Netzwerk der Stiftung auch schon bisher gut, das habe ich als Politikerin selbst erlebt. Wer an der Spitze steht, ist diesbezüglich nicht so entscheidend.

Den Grundstein für das Scheitern der Unternehmenssteuerreform an der Urne habe schon das Parlament gelegt, sagt Widmer-Schlumpf.

Dass Sie immer noch Einfluss haben, hat Ihre Intervention bei der Abstimmung über die Unternehmenssteuerreform im Februar gezeigt. Es gibt einige, die glauben, Ihre Stellungnahme habe den Grundstein gelegt für den Erfolg des Nein-Lagers.

Dieser Grundstein ist schon im Parlament gelegt worden. Und ich habe keine Abstimmungsempfehlung abgegeben. Die mediale Wirkung hat mich überrascht, zumal andere ehemalige Bundesratsmitglieder sich auch immer wieder zu aktuellen Themen äussern.

Denken Sie denn, dass es jetzt eine bessere Lösung geben wird?

Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Wie lange werden Sie Präsidentin von Pro Senectute sein?

Es gibt eine klare Amtszeitbeschränkung, zweimal vier Jahre, da wäre ich dann 69. Ob ich wirklich so lange bleibe, kann ich heute noch nicht sagen. In den USA kann man allerdings auch mit 70 noch Präsident werden.

Diese Phase von Frieden und Stabilität, die wir nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa auch dank der EU erlebt haben, ist nicht einfach selbstverständlich.
Beunruhigt Sie die aktuelle Weltlage?

Schon, ja. Man muss sich bewusst machen, dass diese Phase von Frieden und Stabilität, die wir nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa auch dank der EU erlebt haben, nicht einfach selbstverständlich ist. Jetzt sind wir Zeugen einer Entwicklung, die zu viel Unruhe und vielen Fragen führen wird. Meine Generation hat sehr privilegiert gelebt. Das verpflichtet uns nun, uns darum zu kümmern, was mit der nächsten Generation passiert.

Wie gut ist die Schweiz aufgestellt angesichts der aktuellen Unruhe in der Welt?

Wir haben eines der besten politischen Systeme überhaupt. Vielleicht schlägt das Pendel mal auf die eine oder andere Seite. Aber es gleicht sich letztlich immer wieder aus. Diese enorme Stabilität hilft nun auch in unruhigen Zeiten. Das ist es auch, was die Schweiz für grosse Unternehmen so anziehend macht – mehr als tiefe Steuern.

Vermissen Sie etwas aus dem Bundesrat?

Vergangene Phasen meines Lebens sind abgeschlossen, ich schaue lieber vorwärts. Insgesamt war es eine gute Zeit.

Ich bin sehr geerdet, kann mich gut distanzieren und zwischen persönlichen und sachlichen Dingen differenzieren.
Die SVP hat nach Ihrer Wahl in den Bundesrat eine innige Feindschaft zu Ihnen gepflegt. Wie schwierig war das für Sie?

Das hat mich schon belastet. Aber ich habe gelernt, damit zu leben. Und ich konnte dennoch als Bundesrätin auch mit der SVP immer professionell zusammenarbeiten.

Was half Ihnen dabei?

Ich denke, ich bin sehr geerdet, kann mich gut distanzieren und zwischen persönlichen und sachlichen Dingen differenzieren. Natürlich hat meine Familie mir auch immer Rückhalt gegeben und mich als berufstätige Mutter immer unterstützt. Wobei ich auch gerne Hausfrau war und bin, ich betrachte diese Arbeit als wichtig und wertvoll, gerade auch für eine Familiengemeinschaft. Schon vor der Hochzeit haben mein Mann und ich diskutiert, wer in welchem Bereich seinen Beitrag leisten will. Für mich war klar: Für die Kinder muss immer genügend Zeit da sein.

Und heute hüten Sie Ihre Enkel.

Regelmässig und sehr gern – das gibt mir wirklich viel. Manchmal ist es natürlich auch anstrengend. Dem Fünfjährigen habe ich kürzlich gesagt: Hör zu, ich bin alt, ich muss jetzt ein bisschen meine Ruhe haben. Seither fragt er mich immer, ob ich denn nun heute alt sei oder ob wir etwas machen könnten. (lacht)

Die Alt-Bundesrätin hütet heute ihre Enkel und liebt es, mit ihnen zu lärmen und zu toben.

Hütet Ihr Mann auch?

Er hat schon früher bei den eigenen Kindern immer mitgeholfen. Den fixen Tag pro Woche mit den Enkeln mache ich allein, aber ich nehme sie auch regelmässig zu uns nach Hause, und dann ist er jeweils stark engagiert. Er steht ja noch voll im Berufsleben...

Was machen Sie alles mit den Kindern?

Viel Musik. Wir haben Schwyzerörgeli, Handorgeln, ein Klavier, eine Klarinette, Flöten, Trommeln...

Das können Sie alles spielen?

Ich spiele Klavier, Handorgel und Flöte. Für die anderen Instrumente ist unser Sohn zuständig, er hat Musik studiert. Die Kinder können ­natürlich noch nicht wirklich spielen – wir lärmen einfach ein bisschen zusammen. Das finden sie super. Ansonsten gehen wir raus und bewegen uns. Ich bin ein Bewegungsmensch.

Man muss lernen, auch über Dinge zu reden, die vielleicht nicht so angenehm sind.
Haben Sie mit Ihrer Familie darüber geredet, was Sie erwarten, wenn Sie später einmal Hilfe brauchen?

Ja, immer wieder. Man muss lernen, auch offen über Dinge zu reden, die vielleicht nicht so angenehm sind. Ich habe bei meiner Mutter gesehen, wo die Grenzen liegen, jemanden zu Hause zu pflegen. Wenn man zu 100 Prozent pflegebedürftig ist, braucht es ausgebildetes Personal. Deshalb: Solange mein Mann und ich mobil sind, lassen wir uns gern zu Hause von unseren Kindern unterstützen; wenn die Situation sich verschlechtert, nehmen wir professionelle Hilfe in Anspruch. Dabei kann Pro Senectute eine grosse Hilfe sein.

Früher waren Sie offenbar mal ein Punk – mit allem Drum und Dran?

Ja, während des Gymnasiums habe ich mich ziemlich stark angemalt. Für meine Eltern war das eine schwierige Phase. (lacht)

Punk steht für Rebellion: Ist davon bei Ihnen noch etwas übrig geblieben?

Vielleicht in meiner Art, für etwas zu kämpfen, das ich für wichtig und richtig halte. Da setze ich mich ein, auch wenn es nicht dem Mainstream entspricht.

Hören Sie manchmal noch die Punkmusik von damals?

Nein, das nicht. Aber mein Spektrum ist breit, von Klassik über Jazz bis zur Volksmusik. Und wenn ich meine Enkel bei mir habe, läuft manchmal auch lautere Musik, das passt perfekt zum Springen und Toben.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 13
27. März 2017

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Zur Person

Alt-Bundesrätin und Präsidentin von Pro Senectute

Eveline Widmer-Schlumpf (61) wurde 2007 in den Bundesrat gewählt und führte dort zuerst das Justiz-, später das Finanzdepartement. 2015 trat sie zurück. Die Bündner Rechtsanwältin ist die Tochter von Alt-Bundesrat Leon Schlumpf. Sie ist mit einem Bauingenieur verheiratet, hat drei Kinder und bald sechs Enkel. Gerade zieht sie mit ihrem Mann aus ihrem Einfamilienhaus in Felsberg GR in ein neu gebautes Generationenhaus in der Nähe um.

Pro Senectute

100 Jahre für das Alter

Die 1917 gegründete Stiftung Pro Senectute ist die grösste Fach- und Dienstleistungsorganisation für das Alter in der Schweiz. Sie verfügt landesweit über 130 Beratungsstellen, wo Seniorinnen und Senioren kostenlose Sozialberatung erhalten. Zudem offeriert sie Kurse aller Art – von Bildung bis zu Sport – und bietet eine breite Palette von Dienst­leistungen an. Diese Angebote werden von rund 700 000 Pensionierten und deren Angehörigen genutzt. Seit dem 1. Januar 2017 kooperieren Pro Senectute Schweiz und die Migros in den Bereichen Detailhandel und Gesundheit.

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7 Kommentare

Ursula Schüpbach [Gast]

Geschrieben am
1. April 2017

Es gibt ein Problem, was Eveline Widmer-Schlumpf betrifft: Sie schwätzt zu viel von ihren Kindern daher. Hab es selbst erlebt: Sie ist dermassen auf ihre biologischen Kinder und Grosskinder fixiert, dass sich jede Diskussion über so eine Dominanz erübrigt.

Werner René Zwicky [Gast]

Geschrieben am
31. März 2017

Also Ihre Fragestellung ist hier tatsächlich etwas komisch und die vorgeschlagenen Lösung stimmen überhaupt nicht. Aus dem Text geht nicht hervor, wann genau die PS gegründet worden ist. M.E. müssten Sie 2 oder 3 Daten vorschlagen, wie z.B. 1. Januar, 1. Juni oder 23. Oktober 2017. Die PS wird ja am 23. Oktober 2017 100-jährig. Die Frage WANN GENAU WIRD DIE PRO SENECTUTE 100-JÄHRIG hat mit den angebotenen Lösungen 1916, 1917 oder 1918 gar nichts zu tun. Die Lösung ist ja eben er 23. Oktober 2017, oder irre ich mich ?

 

MM onlineredaktion

Geschrieben am
31. März 2017

Sie haben Recht. Ich habe die Frage nochmals umformuliert – jetzt sollte es klar sein. Viele Grüsse, Reto

W R [Gast]

Geschrieben am
31. März 2017

Ich war fast 24 dieser 100 Jahre Mitarbeiter bei PS in Bern. Mit 56 Jahren wurde ich entlassen, infolge Kosteneinsparung und Umstrukturierung. Auch das ist Pro Senectute (Region Bern).

 

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