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Ortrud Grön: «Träume sind absolut logisch»

Für eine der renommiertesten Traumforscherinnen der Welt ist klar: Träume sind keine Schäume, sondern Wegweiser, die uns die Richtung für ein glücklicheres Leben anzeigen. Hatten auch Sie schon spezielle Träume? Verraten Sie den sonderbarsten, lustigsten oder sinnfälligsten in einem Kommentar (unten).

Ortrud Grön, wozu träumen wir?

Träume wollen uns helfen, uns von Ängsten zu befreien und Probleme zu lösen. Sie zeigen uns, wo wir das Leben noch nicht richtig begriffen haben. Gerade mit beunruhigenden Träumen sollte man sich darum intensiv befassen.

Träume sind also keine Schäume oder Nervengewitter, sondern nächtliche Wegweiser?

Ja! Träume sind kostbare Begleiter auf dem Weg durchs Leben. Ich habe fast ein halbes Jahrhundert mit sehr vielen Menschen Traumarbeit gemacht. Und jeder kriegt seine ureigenen Lehren, die ihm helfen, sich tiefer zu verstehen.

Sie haben Tausende eigene Träume gesammelt und studiert. Träumen Sie immer noch?

Ja, aber viel, viel weniger. Je mehr man sich das Leben bewusst gemacht hat, umso weniger muss man über Träume seine eigene Wahrheit suchen.

Woher kommt Ihre Faszination für die Welt der Träume?

Vor etwa 50 Jahren steckte ich in einer tiefen Krise und wusste nicht mehr weiter. In einem Traum stand mein Reitpferd vollkommen verlaust im düsteren Stall und liess den Kopf hängen. Ich erzählte dem Psychotherapeuten Karlfried Graf Dürckheim von diesem Traum, er machte mich auf dessen Botschaft aufmerksam. Da begriff ich, dass ich vor lauter Pflichten keine Freude mehr an mir selbst empfand.

War das Pferd deshalb schlapp?

Ja, wer reitet, weiss, wie schön es ist, mit einem Pferd über Wiesen zu preschen. Ein galoppierendes Pferd steckt voller Vitalität, Kraft und Freiheit. Aber unter der Last der Pflichterfüllung war meine Vitalität nahezu zusammengebrochen. Dass mir der Traum dies mit dem armen Pferd aufzeigte, hat mich so fasziniert, dass ich versuchte, Gegensteuer zu geben und wieder mehr Freude in mein Leben zu bringen. Nach einem Jahr gebar ich im Traum ein Fohlen.

Träume zeigen den Weg in die Liebe zum Leben.
Ein gutes Zeichen?

Das Fohlen zeigte mir, dass ich meine Bedürfnisse inzwischen wahrnahm und eine neue Freiheit in mir heranwuchs. Ich war so glücklich, dass der Traum uns über Gleichnisse solche Antworten gibt. Seither hat mich die Faszination von Traumbildern nicht mehr losgelassen.

Träume zeigen uns also den Weg ins Glück?

Ich würde sagen, sie zeigen den Weg in die Liebe zum Leben – Glück zu fühlen, ist das höchste Ziel. Träume wollen die Selbstbefreiungskräfte und die persönliche Kreativität im Menschen bewusst machen helfen. Und je mehr ich das Leben wirklich liebe, umso kreativer werde ich.

Aber wie können Sie sich so sicher sein, dass Ihre Interpretation vom Träumen korrekt ist? Verarbeitet unser Gehirn im Schlaf nicht vielleicht doch ganz banal Ereignisse in unserem Leben, teils wirr und ganz ohne Botschaft?

Ich interpretiere den Traum nicht, sondern erarbeite ihn gemeinsam mit dem Träumenden. Zwischen der Gleichnisbedeutung der Bilder und den persönlichen Assoziationen des Träumers dazu erkennen wir gemeinsam den Hinweis, welcher Weg noch nötig ist, um die Unzufriedenheiten in seinem Leben aufzulösen. Denn darauf antwortet der Traum.

Bei Traumforschung denken viele ja zunächst einmal an Freud und Jung.

Sie haben die Grundlage für alle Traumschulen gelegt. Durch meinen Pferdetraum wurde ich auf die Gleichnisbedeutung der Bilder aufmerksam und habe mich dann mit folgenden Fragen beschäftigt: Was ist auf der materiellen Ebene das Wesentliche des im Traum gezeigten Bildes? Und wie kann ich auf der seelisch-geistigen Ebene die Entsprechung dazu finden?

Wie können wir unsere Träume lesen? Können Sie ein Beispiel geben?

Das Merkmal eines Hundes zum Beispiel ist seine Liebe und Treue zu seinem Herrn. Wenn der Hund im Traum verletzt ist oder aggressiv wird, dann weiss ich, dass ich mit meiner Treue und Liebe zu mir selbst nicht gut umgehe. Ist der Hund aus meiner Kindheit, muss ich mich mit dieser Zeit auseinandersetzen. Ist es eine bestimmte Hunderasse, wird der Träumende aufgefordert, sich mit deren spezifischen Fähigkeiten zu beschäftigen. Denn alles, was mir im Traum begegnet, sind Anteile von mir selber.

Träume wollen uns provozieren und zum Nachdenken bringen.
Auch der Chef im Traum, der mich nervt?

Ja, Personen im Traum verkörpern meistens Eigenschaften von uns selber. Was hat denn dieser Chef für eine Eigenschaft? Eine, die mir entweder Kummer macht oder die ich toll finde. Dann muss ich mir überlegen, ob ich diese Eigenschaft nicht auch habe und mich mit ihr in mir selbst auseinandersetzen.

Man könnte Hunde und Chefs doch auch ganz anders interpretieren.

Das Wesentliche eines Chefs sind seine Eigenschaften und Handlungen. Das Wesentliche eines Hundes ist die Liebe und Treue zum Menschen. Es geht darum, das Wesentliche in einem Bild zu erfassen.

Folgen Träume eigentlich einem Ablauf?

Ja, Träume sind absolut logisch. Alle Szenen sind zu einer Aussage miteinander verknüpft. Häufig gibt es einen Dreierrhythmus. Der erste Teil des Traums beschreibt das Problemumfeld, der zweite zeigt auf, wie ich mit dem inneren Zwiespalt zwischen Gefühlen und Gedanken umgehe, und im dritten Teil geht es um den Weg zur Problemlösung.

Aber meist sind Träume doch wirr und chaotisch, und man kann sich nur noch an Teile erinnern, wenn überhaupt.

Träume sind weder wirr noch chaotisch. Jedes Bild schildert ein wichtiges Detail zu dem Problem. Durch ihre seltsamen Inhalte und die Vielzahl der Bilderszenen wollen uns die Träume provozieren und zum Nachdenken bringen. Alle Bildinhalte, an die wir uns beim Aufwachen erinnern, sollten wir sofort aufschreiben, denn jedes Bild ist wichtig. Es gibt aber auch viele Träume, die beim Aufwachen unerreichbar verschwinden.

Wovon träumen Sie denn eigentlich noch?

Ganz tief in meinem Herzen habe ich vor allem noch einen Wunsch: Träume sind für mich ein Gespräch mit Gott. Dieses Vertrauen möchte ich den Menschen vermitteln.

Und für die, die es nicht so mit Gott halten?

Ich bin mir sicher: Fast jeder Mensch, der sich als nicht gläubig betrachtet, hat sich zumindest schon einmal gefragt, ob es nicht doch eine höhere Ordnung gibt. Und sicher ist, dass die Schöpfung ein Wunder ist. In jeder Hinsicht – an Ordnung, an Genauigkeit. Wenn ich allein meinen Körper kennenlerne, wie jede Zelle arbeitet, da ist ja alles durchgedacht. Wer hat denn da gedacht? Selbst Wissenschaftler wie Werner Heisenberg kommen am Ende nicht darum herum, nach dem Geist der Schöpfung zu fragen. Er sagte: «Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch; aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.»

Dann verstehen Sie die Träume als Liebesbriefe von Gott an den Menschen?

(lacht) Das ist neu ausgedrückt. Aber im tiefsten Inneren stimmt das.

Machen Sie mit

Hatten Sie auch schon seltsame oder spezielle Träume? Erzählen Sie uns in einem Kommentar davon.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 31
28. Juli 2014

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6 Kommentare

Hedi Wörle [Gast]

Geschrieben am
19. September 2014

Ein ganz tiefes D A N K E !

Jedes Wort, Seelennahrung pur!

Mirjam Stadelmann

Geschrieben am
15. August 2014

wer die Träume am besten 'deuten' kann, ist derjenige/diejenige, der/die den Traum hatte. Es ist etwas weit her geholt, zu behaupten, wenn ein Mensch die 'Wahrheit' gefunden habe, hätte er die Träume nicht mehr nötig. ich finde es wunderschön, nachts im Schlaf zu träumen (wenn es ein schöner Traum ist)

Verena Sägesser-Louis [Gast]

Geschrieben am
11. August 2014

Ich sitze auf dem Clo, meiner Schwester vis-à-vis und gebäre ein Mädchen, das ich mit gefalteten Händen auffangen kann. Das Baby lächelt mich an, es hat grüne Augen, ist ganz klein und mollig. Ich denke, dass das Tageslicht mich aus dem Traum geweckt hat, weil es hell ist im Zimmer. Aber als ich dann die Augen richtig aufmache, ist es noch dunkel draussen, aber ich bin glücklich. Meine Hände sind zwar leer, aber immer noch gefaltet.
Ich bin 80 Jahre alt und Mutter von 5 Kindern, während meine Schwester, die morgen an Brustkrebs operiert wird, kinderlos ist.

 

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