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«Ich wurde zum Brückenbauer geboren»

Toni «el Suizo» Rüttimann (48) ist seit 28 Jahren auf Wanderschaft und hat für arme Menschen in der ganzen Welt über 700 Brücken gebaut. Seit 2008 hilft er hauptsächlich in Myanmar und bereist dazu die entlegensten Winkel.

Toni Rüttimann, Sie arbeiten seit rund sieben Jahren in Myanmar. Wie hat sich das Land in der vergangenen Zeit verändert?
Heute gibt es bessere Strassen und Busse, Natelempfang und in Yangon ein ziemliches Verkehrschaos. Jahrelang wünschte sich die Bevölkerung sogenannte Freiheit, und jetzt steckt sie in ihren Autos im Verkehr fest und ärgert sich.

Wie nehmen Sie die Burmesen wahr?
Die Mehrheit der Bevölkerung sind Buddhisten. Und deshalb ist es für sie eher verständlich, wenn ein fremder Mann wie ich auftaucht und sagt, wir können helfen, die ersehnte Brücke mit ihnen zu bauen. Mir wird sofort geglaubt. Buddha sagte schon vor 2500 Jahren, dass jene, die Strassen, Brücken oder Brunnen bauen, speziell gesegnet sind, weil sie so vielen Menschen dienen. Deshalb bauen in Myanmar alle mit – von den Bauern über Mönche, Soldaten bis zu Ministern und Generälen, um so einen Beitrag für andere und somit für ihre Seele zu leisten. In anderen Ländern wie in Indonesien, das moderner als Myanmar ist, fragt die Bevölkerung oft, was denn der Trick hinter meinem Angebot ist, gratis Brücken zu bauen.

Sie bauten schon Brücken in rund einem Dutzend verschiedener Länder. Was macht Myanmar speziell?
Für Touristen ist sicher die Shwedagon-Pagode in Yangon sehr eindrücklich und die Tempel in Bagan. Myanmar ist gut 16 Mal grösser als die Schweiz. Der Landweg von Myeik im Süden bis Puta-O ganz im Norden beträgt über 2000 Kilometer, was etwa Zürich–Istanbul entspricht. Dementsprechend vielfältig sind die Landschaft, das Volk und das Klima. Eindrücklich sind auch die mächtigen Flüsse Chindwin in der Provinz Sagaing, die an Indien grenzt, der Ayeyarwaddy quer durch die Mitte des Landes und der Salween im Shan-Staat, der im Norden an China, im Osten an Laos und im Südosten an Thailand grenzt.

Wie erleben Sie den Alltag?
Die Sprache finde ich persönlich sehr schwierig. Ich habe sie nicht genug gelernt, obwohl ich Thai, Khmer und Indonesisch spreche. Ich bin öfters mal 18 Stunden im Bus unterwegs, und es ist ganz normal, tagelang keine Internetverbindung zu haben. Die Menschen auf dem Land arbeiten hart, sind arm und trotzdem recht zufrieden. Mit wenig auskommen und glücklich sein: Das kann man sicher auch in Myanmar lernen. Aber ich bin ja unterwegs, um Brücken zu bauen, und wenn man mal vor Ort angelangt ist, dann ist unser Mikrokosmos Fluss, Arbeit mit der Bevölkerung und Materialien ziemlich überall gleich.

Worauf muss man als Reisender in Myanmar achten?
Im Buddhismus ist auch der Kopf zu respektieren. Deshalb sollte man Köpfe von Kindern nicht berühren. Wenn man einen Tempel besucht, zieht man die Schuhe aus und sollte langärmlige Kleider tragen. Englisch ist nur in den Städten verbreitet. Auf dem Land kann das für Touristen recht frustrierend sein. Die Lösung: die Sprache lernen, mit einem Übersetzer reisen oder sich mit Hand und Fuss verständigen. Wer als Rucksacktourist durchs Land reist, braucht Zeit. Oft findet man keine für Ausländer autorisierte Unterkunft, fixe Fahrpläne sind selten. Zudem machen die Behörden noch nicht das ganze Land für Touristen zugänglich.

Ich arbeite ich seit 14 Jahren in Südostasien.

Wie kam es zur Begegnung mit Myanmar?
Mein Weg ist eine ziemlich natürliche Entwicklung. Ich bin gleich nach der Matura mit 19 Jahren vom Engadin nach Ecuador ins Erdbebengebiet gereist, um zu helfen. Damals hatte ich keine Ahnung vom Brückenbauen. Als Schweizer Bub aus den Bergen konnte ich Ski fahren und ein paar Sprachen sprechen. Geholfen haben mir unter anderem meine Sprach- und meine Mathematikkenntnisse aus der Schulzeit. Die ersten 14 Jahre verbrachte ich in Lateinamerika, nun arbeite ich seit 14 Jahren in Südostasien. Ein kambodschanischer Flüchtling hatte mich 2001 an einem Vortrag in der Schweiz um Hilfe gebeten. Und nach Kambodscha, Vietnam und Laos wollte ich ganz einfach dem nächsten Nachbarland helfen, und so kam ich nach Myanmar.

Sie haben in Ihrer Karriere schon 712 Brücken erbaut, die fast zwei Millionen Menschen helfen. Sie sind für Menschen, Tiere, Töffs, aber nicht für Autos konstruiert. Wieso?
Unsere Brücken wären genug stabil für einzelne Autos. Aber meine lokalen Mitarbeiter und ich wollen den Menschen helfen, ihre Mühsal lindern, und nicht die Aufgabe der Regierungen übernehmen. Wir bauen lieber sechs Fussgängerbrücken als nur eine Strassenbrücke.

Wie hat die Regierung in Myanmar zu Beginn reagiert?
Ich erhielt innerhalb von vier Tagen die Erlaubnis, nachdem ich dem Senior General Than Shwe einen Brief geschrieben habe. Die Regierung half uns sofort mit einem Platz zum Schweissen in einer Schiffswerft in Yanong – mit Schweissern und Kran, mit Importerlaubnissen, Jahresvisum und einigem mehr. Vor acht Jahren war es aber auch sehr heikel, überhaupt die geschenkten Seile aus der Schweiz und die Röhren aus Argentinien und Italien ins Land einzuführen, weil Myanmar unter dem Embargo der USA und der EU litt.

Warum bauen Sie eigentlich Brücken für die Armen?
Aus drei Gründen: Erstens, weil ich das Leiden der Leute hinter den Flüssen sehe und weiss, wie wir es lindern können. Zweitens, weil ich zum Brückenbauer geboren wurde. Ich schaue zurück und erkenne deutlich den Weg. Drittens, und das ist mir am wichtigsten, weil ich es wirklich tun will. Und dies jeden Tag. Unsere Geschichte zeigt klar, dass ein Mensch in unserer Welt viel verändern kann.

Der Adele-Duttweiler-Preis 1997 der Migros war eine praktische Hilfe.

Was gibt Ihnen Ihr Beruf?
Es ist ja kein Beruf, sondern mein Leben. Es ist ein grosses Glück, zu wissen und zu leben, wofür man auf diesem Planeten ist. Dann braucht es auch keine Auszeichnung, obwohl uns damals der Adele-Duttweiler-Preis 1997 der Migros eine praktische Hilfe war.

Im April 2002 erkrankten Sie in Kambodscha an einer heimtückischen Infektion und waren innert 72 Stunden vom Kopf an abwärts gelähmt. Zwei Jahre lang kämpften Sie sich ins Leben zurück. Was ging Ihnen in diesen dunklen Stunden durch den Kopf?
Ich erinnerte mich sofort an die wahre Geschichte und den Film «Lorenzos Öl». Und mein zweiter Gedanke war: nochmals ein Hindernis. Ich hatte schliesslich das Glück, in einer Klinik der Prinzessin Sirindhorn von Thailand ausserhalb von Bangkok aufgenommen zu werden. Man wusste, dass ich für die Kambodschaner gratis arbeitete und hat mich gesund gepflegt. Viele Monate war ich gelähmt und habe lange davon geträumt, einst wieder auf meinen zwei Beinen stehen zu können. Eines Tages schaffte ich es tatsächlich wieder. Seither sind Aufstehen und Gehen für mich nichts Selbstverständliches. Wenn ich im Transit in einem Busbahnhof oder sonstwo die Nationalhymne von Thailand höre, stehe ich auf, weil mir die Thais ein neues Leben geschenkt haben. Die Zeit der Lähmung hatte auch etwas Gutes: Ich entwickelte ein Programm, mit dem ich vom Laptop aus Brücken bauen kann. So bauen wir heutzutage gleichzeitig etwa 50 Brücken pro Jahr in Myanmar, Indonesien und Ecuador.

Sie sagten einmal, Sie verdankten beim Brückenbauen auch der Schweiz sehr viel, weil Ihnen allein die Schweizer Seilbahnen 460 Kilometer ausgemusterte, aber tadellose Seile schenkten.
Ja, seit 2005 erhalten wir kilometerweise Schweizer Seilbahnseile aus allen Landesteilen, vom Wallis bis Graubünden. Vorher waren es Bohrturmseile der Erdölfirmen in Ecuador, Kolumbien und Texas. Sogar für die paar Wochen im Jahr, in denen ich in der Schweiz unterwegs bin, gibt mir der Verband der Schweizer Seilbahnen jeweils ein Generalabonnement. Und niemand verlangt Werbung oder sonst etwas von mir als Gegenleistung. Sie verstehen, dass es mir wichtig ist, mich nicht zu verkaufen, frei und unabhängig zu sein. Deshalb bin ich auch nicht angestellt – weder von einer Firma, Religion, Regierung noch von einer Nichtregierungsorganisation.

Sie sind seit 28 Jahren auf Wanderschaft. Wo befindet sich Ihr offizieller Wohnsitz?
Ich habe keinen Wohnsitz und bin Migrant, ein Wanderarbeiter. Gemeldet bin ich bei der Schweizer Botschaft in Bangkok, weil diese auch für Kambodscha und Laos zuständig ist und bis vor Kurzem es auch für Myanmar war. Aber ich habe weder ein Haus noch eine Niederlassung und wechsle alle paar Wochen das Land. Mein nötiges Minimum trage ich in zwei Taschen. In der einen befindet sich mein Laptop und mein Büro, in der anderen die Kleider. Das ist schwer vorstellbar, aber eben meine Lebenshaltung.

Was haben Sie für Zukunftspläne?
Noch eine Brücke zu bauen. Und dann noch eine. Und vielleicht noch eine. Meine lokalen Kollegen und ich haben im Moment genügend Material für je ein Dutzend Brücken in Myanmar, Indonesien und Ecuador. Ausserdem befinden sich in eben diesen drei Ländern 38 Brücken im Bau. Aber ich hoffe, bis zu meinem letzten Tag auf die eine oder andere Art Brücken zu bauen.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 4
25. Januar 2016

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1 Kommentar

Matthias Tapernoux [Gast]

Geschrieben am
27. Januar 2016

sehr guter Artikel ! Ich kenne Toni seit er 1988 in Ecuador die ersten Brücken baute. Er ist eine bewundernswerte Person und es ist eine Ehre sein Freund zu sein. Es gibt wenige Leute auf dieser Welt die so selbstlos wie er sind und immer ans Helfen zu denken. Die Welt wäre ein besserer Ort wenn es mehr Menschen wie Toni gäbe !

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