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Macht Pendeln krank?

Arbeitswege werden immer länger und die Pendlerströme haben sich in den letzten 25 Jahren massiv verlagert. Doch Wirtschaftspsychologe Christian Fichter hält nichts von der Behauptung, dass Pendeln krank macht – ganz im Gegenteil.

Neun von zehn Erwerbstätigen in der Schweiz sind 2015 gependelt. Durchschnittlich benötigten sie pro Weg 30 Minuten. Dies zeigen die neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik: Die Zahl der Personen, die innerhalb des Wohnorts zur Arbeit reisten, nahm zwischen 1990 und 2015 um 11 Prozent ab. Gleichzeitig nahmen die Pendler, die den Wohnkanton für die Arbeit verlassen mussten, von 12 auf 20 Prozent zu. Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der Pendler von 2,9 auf 3,9 Millionen erhöht. Letzteres ist allerdings wenig überraschend, hat doch die Einwohnerzahl in der Schweiz von 6,7 Millionen auf 8,4 Millionen zugenommen.

Diese Werte lösten Schlagzeilen aus: «Ab 50 Minuten macht Pendeln krank» zitierte«20 Minuten» Ökonom Bruno S. Frey (75). Der deutsche Soziologe Norbert F. Schneider (61) sagt im «Spiegel»: «Wir wissen, dass eine Fahrtdauer von mindestens 45 Minuten so belastend ist, dass die Gefahr gesundheitlicher Schäden deutlich zunimmt. Schon ab einer halben Stunde Fahrzeit kann es öfters stressig werden.»

Dem widerspricht Wirtschaftspsychologe Christian Fichter (46). Er behauptet, dass die Bereitschaft zu einem längeren Arbeitsweg den Traum vom Eigenheim eher ermöglicht, was wiederum zum Glücklichsein beitragen kann. Entscheidend fürs Wohlbefinden sei, dass man seine Pendlersituation akzeptiere. Doch wenn einem diese missfalle, müsse man etwas ändern – falls dies die Arbeits­situation zulasse.

«Pendeln ermöglicht es, die günstige Wohnung mit dem Traumjob zu kombinieren»

Christian Fichter (46) ist Wirtschaftspsychologe und Forschungsleiter der Kalaidos Fachhochschule Schweiz in Zürich.  (Bild zVg)

Christian Fichter (46) ist Wirtschaftspsychologe und Forschungsleiter der Kalaidos Fachhochschule Schweiz in Zürich.

In der Schweiz pendeln 3,9 Millionen Menschen. Jeder Zehnte nimmt einen Arbeitsweg von über einer Stunde auf sich. Macht das krank?

Es wird immer wieder behauptet, dass Pendeln stresst, krank macht und das Sozialleben belastet. Diese Behauptungen sind statistisch schlecht gestützt: Es gibt zwar solche Zusammenhänge, aber keine Kausalität. Anders gesagt: Die höheren Krankheitszahlen oder Scheidungsraten haben nicht mit dem Pendeln zu tun, sondern mit der Berufstätigkeit an sich.

Pendeln ist also kein Problem?

m Gegenteil: Wer einen längeren Arbeitsweg in Kauf nimmt, kommt dem Traum vom preiswerteren Eigenheim oder vom Superjob näher, hat deshalb mehr Geld und kann sich besser erholen. Natürlich ist das nicht bei allen Pendlern so. Aber wer das für sich so umsetzen kann, ist viel lockerer unterwegs. Wem das zu nervig ist, der sollte versuchen, Job oder Wohnung zu wechseln.

In der Schweiz sind immer mehr Pendler immer länger unterwegs. Weshalb?

Viele finden in den Städten keine befriedigende Wohnsituation mehr – und umgekehrt auf dem Land keinen Traumjob. Eine florierende Wirtschaft beeinflusst die Preise im Immobilienmarkt. Diese Entwicklung muss man mit einer gewissen Sorge beobachten.

Wieso?

Weil die Pendelzeiten tendenziell steigen. In unserer Studie, bei der wir in Zusammenarbeit mit der SRF-Sendung «Einstein» 1600 Pendler befragt haben, stellten wir fest, dass ab einer Pendelzeit von 50 Minuten die Zufriedenheit sinkt. Wobei 45 Minuten im Stau mit dem Auto schlechter beurteilt werden, als wenn wir 90 Minuten produktiv im Zug arbeiten.

Eine Lösung wäre das Homeoffice.

Ja und Nein. Ein oder zwei Tage pro Woche von zu Hause aus zu arbeiten, ist gut. Aber es gibt auch eine negative Komponente: Man verliert den Kontakt zu den Kollegen. Virtuelle Präsenz, beispielsweise mit Skype, kann nicht die physische ersetzen.

Man kann den angeblichen Glücksverlust nicht mit Geld aufrechnen.
Die Ökonomen Bruno S. Frey und Alois Stutzer glauben, dass Pendeln ein Glückskiller ist. Personen mit einem Arbeitsweg von einer Stunde müssen 40 Prozent mehr verdienen, um den Glücksverlust zu kompensieren. Teilen Sie diese Theorie?

Nein. Ich schätze meine Kollegen Frey und Stutzer. Aber erstens kann man diesen angeblichen Glücksverlust nicht mit Geld aufrechnen, und zweitens ist es ja so, dass durch das Pendeln die günstige Wohnung und der gutbezahlte Job erst kombiniert werden können. Unsere Befragten waren ausserdem weniger zufrieden, wenn sie finanziell für das Pendeln entschädigt worden sind, weil sie das Pendeln erst durch die Kompensation als Nachteil empfunden haben.

Klagen wir nicht auf sehr hohem Niveau? In Asien oder in Nord- und Südamerika müssen viele stundenlange Anfahrten in Kauf nehmen.

Es geht uns tatsächlich sehr gut. Doch im Vergleich zu vor 30 Jahren haben wir längere Arbeitswege. Trotzdem sind in der Schweiz wahrscheinlich über 50 Prozent der Pendler zufrieden – sie schätzen vielleicht nicht das Pendeln selbst, aber die Kombination von Traumhaus und Traumjob.

Was belastet stärker: die Anreise mit der Bahn oder mit dem Auto?

Am zufriedensten sind die Velofahrer. Vermutlich, weil sie am meisten Kontrolle über ihre Situation haben. Wer mit dem Auto im Stau steckt, kann daran fast nichts ändern.

Was raten Sie in diesem Fall?

Sich in Gelassenheit üben. Laut Forschungen ärgert man sich mit Heavy Metal im Stau mehr als etwa mit Klassik. Im Zug lohnt es sich, mal aus dem Fenster zu schauen, mit Mitreisenden zu reden oder zu arbeiten, statt ständig aufs Smartphone zu blicken.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 16
18. April 2017

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Zahlen und Fakten

3,9

Millionen Menschen pendelten 2015 in der Schweiz. Sie müssen zum Erreichen des Arbeitsplatzes das Wohngebäude verlassen.

14,5

Kilometer beträgt die mittlere Länge des Arbeitswegs (nur Hinweg). Das ist ein Plus von zwölf Prozent gegenüber 2010.

52

Prozent pendelten mit dem Auto, 30 % mit den ÖV, 16 % waren zu Fuss oder mit dem Velo unter­wegs und 2 % mit motorisierten Zweirädern.

Quelle: Bundesamt für Statistik

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2 Kommentare

Beat Müller [Gast]

Geschrieben vor
3 Tagen, 18 Stunden

So ein Stuss! Ich habe noch von niemandem gehört, der pendelt, um sich ein Eigenheim eher leisten zu können. Wenn jemand pendelt, dann tut er das, weil er dazu gezwungen ist.
Geniessen könnte man das Eigenheim ja eh nicht, denn die Zeit dafür ginge beim Pendeln drauf!

Jeannine Schmid [Gast]

Geschrieben vor
6 Tagen, 2 Stunden

Christian Fichter hat vermutlich noch nie gependelt, ansonsten würde er nicht so einen Schwachsinn von sich geben.

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