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«Leider laufen heute viele Leute halb tot durch die Gegend»

Die Amerikanerin Susan Neiman gehört zu den führenden Philosophinnen der Gegenwart. In ihrem Buch «Warum erwachsen werden?» plädiert die dreifache Mutter in Zeiten des Jugendwahns fürs Erwachsensein. Und warnt davor, sich von den Verlockungen des Konsums einlullen zu lassen.

Susan Neiman, was denken Sie, wenn Sie einen 45-jährigen Mann in Sneakers, Shorts, einem knalligen T-Shirt und mit bunten Kopfhörern sehen?

Wenn er ein interessantes Gesicht hat, fällt mir das zuerst auf. Der französische Schriftsteller Albert Camus sagte, nach 40 sei man für das eigene Gesicht verantwortlich. Also: Toll, dass der 45-Jährige mit seinem Äusseren spielt. Erwachsenwerden heisst nicht, nur grau und schwarz zu tragen oder nicht mehr Motorrad zu fahren. Ich plädiere dafür, dass man aufs Intensivste lebt, solange man noch am Leben ist.

Wie sieht ein interessantes Gesicht aus?

Es ist ein waches Gesicht, das Neugierde ausstrahlt. Leider laufen heute viele Leute halb tot durch die Gegend, ihre Augen glänzen nicht mehr. Das ist allerdings keine Altersfrage: Es gibt eine Fotografie von Picasso, als er gegen 90 Jahre alt war, da strahlt er immer noch sehr viel Energie aus. Albert Einstein war auch so: ein Mensch, der jede Minute lebte. Gesichter anzuschauen ist aber heute gar nicht so leicht, weil viele Leute immer nur auf ihr Handy starren.

Sie haben mal gesagt, etwas vom Wichtigsten am zunehmenden Alter sei, dass einem nichts mehr peinlich ist.

Absolut. Mit der Zeit wird man selbstbewusster und selbstbestimmter und muss nicht darauf achten, wie andere einen sehen.

In Ihrem Buch «Warum erwachsen werden?» schreiben Sie, dass viele Menschen ewig jung bleiben wollen. Woher kommt dieser Jugendwahn?

Wir verklären unsere Jugendzeit zwischen 18 und 28 Jahren. Im Rückblick sagen viele, das sei die schönste Zeit ihres Lebens gewesen – und vergessen dabei, wie schwer sie ­eigentlich ist. Ich erinnere mich ziemlich genau, wie das bei mir war: Ich musste herausfinden, wer ich bin, war wahnsinnig unsicher und erkannte meine eigenen Fähigkeiten nicht. Ich fühlte mich unter Druck, denn es war die Zeit der ersten lebensverändernden Entscheidungen in Beruf und Familie.

Weshalb dieser Druck?

Druck hat jeder, der seine Stärken nicht kennt. Doch ich führte ein unkonventionelles Leben. Ich hatte mit 14 die Schule verlassen. Ich demonstrierte gegen den Vietnamkrieg, las dann Nietzsche, Sartre und die Biografie von Simone de Beauvoir und beschloss, Philosophin zu werden. Dann zog ich nach New York, später nach Cambridge und studierte in Harvard, derweil ich meinen Lebensunterhalt mit Kellnern verdiente. Damals studierten wenige Frauen Philosophie. Ich war immer unsicher, ob ich es schaffen würde, und beim Doktorieren war ich die einzige Frau meines Jahrgangs. Diese Unsicherheit im Sozialen, aber auch in der Liebe war belastend.

Warum verklären wir diese Zeit vor 30?

Dahinter steht eine unterschwellige Botschaft unserer Gesellschaft: Danach wird alles noch viel schlimmer. «Peter Pan» erzählt die Geschichte eines Jungen, der niemals erwachsen wird, er ist ein Rebell, der die konforme Erwachsenenwelt ablehnt und lieber Abenteuer erlebt. Man könnte das auch anders sehen: Vielleicht wird die Gesellschaft bewusst infantilisiert, weil ihre Mitglieder dann einfacher zu managen sind. Wir haben kein attraktives Bild vom Erwachsensein, sehen nur noch den Zerfall. Dazu kommt ein Überfluss an Technik, die uns den Kopf verdreht und uns vergessen lässt, dass wir die wichtigsten Wahlmöglichkeiten aus den Händen geben. Schon der deutsche Philosoph Kant sagte, die Regierungen wollten nicht, dass wir erwachsen werden.

«Wir verklären unsere Jugendzeit zwischen 18 und 28 Jahren.»
Der westlichen Kultur fehle es heute an Werten, mit Ausnahme von Kapitalismus und Konsum, sagten Sie einmal.

Europa ist auf der Aufklärung aufgebaut, die durchaus Werte bietet, etwa: Jeder hat ein Recht auf ein gutes Leben. Aber mit der neoliberalen Ideologie des Wachstums zerstören wir unsere Lebensbasis. Das weiss mehr oder weniger jeder. Eine globale Gesellschaft kann nicht nur mit dem Verkauf von Apple-Produkten funktionieren. Wir brauchen keine Ökonomen, die uns sagen wollen, wie die Welt funktioniert, auch keine Reli­gion. Obwohl Papst Franziskus ein richtiger Aufklärer ist – selbst für mich als Jüdin –, weil er viele Probleme der Welt erkennt und benennt.

Ihr Rezept zum Erwachsenwerden lautet vereinfacht: reisen, lesen, Sprachen lernen, arbeiten.

Ein Rezept fürs Selbstdenken – den Kern des Erwachsenwerdens – gibt es nicht. ­Sicher aber bildet Reisen, und Sprachen lernen ist wichtig. Leider spreche ich nur Englisch, Deutsch und Hebräisch. Eine meiner Töchter spricht sieben Sprachen. Und ja, Klassiker sollte man lesen, die «Ilias» von Homer, «Krieg und Frieden» von Tolstoi und unbedingt die «Bibel», ob man religiös ist oder nicht.

Erwachsenwerden ist schön, schreiben Sie im Buch. Gilt das auch fürs Altwerden?

Kommt darauf an, wie man alt wird. Wenn man bitterarm und alt ist, ist das schrecklich. Letztes Jahr wurde Angela Merkel 60. Prompt wurde spekuliert, wann sie zurücktrete, und die Frage aufgeworfen, weshalb sie so lange an ihrem Stuhl klebe. Das hat mich geärgert, obwohl ich kein Fan von ihr bin. Beim Regieren ist das Alter ein Vorteil!

Im Berufsleben gehört man aber oft schon mit 50 zum alten Eisen.

In Deutschland kann kein Professor nach 52 berufen werden. Dabei ist Wissenschafter einer von vielen Berufen, wo man mit dem Alter besser wird. Doch es liegt an der Gesellschaft, das zu erkennen. Diskriminierungen gegenüber Älteren sind so schlimm wie gegenüber Frauen oder Schwulen.

Sie kritisieren auch den materialistischen Wohlstand in unseren Breitengraden, all die Autos, Computer und Smartphones. Sollen wir demnach nur zu Fuss gehen und auf Geräte verzichten?

Alles ist eine Frage des Masses. Im Sommer beispielsweise mache ich bewusst Schreibferien. Das heisst, ich arbeite möglichst ohne Internet. Natürlich gehe ich dabei ein paar Mal pro Woche ins Internetcafé. Aber so kann ich vermeiden, permanent abgelenkt zu werden. Deshalb hasse ich es auch, dass es heute fast keine Handys mehr gibt, mit denen man nur telefonieren kann. Als ehemalige Raucherin weiss ich, wie man süchtig wird. Internet ist wie Alkohol: Es gibt mehr Menschen, als man denkt, die abhängig sind und es nicht zugeben wollen.

Wie soll eine Mutter ihrer 14-jährigen Tochter beibringen, vernünftig mit digitalen Medien umzugehen?

Ich bin selbst Mutter von drei Kindern. Man soll versuchen, die Wahlmöglichkeiten für das Kind zu begrenzen, obwohl das natürlich schwierig ist. Am wichtigsten ist, die eigenen Werte vorzuleben. Wir sind pausenlos damit beschäftigt, aus einer grossen Auswahl materieller Dinge jene zu wählen, die wir haben möchten, und übersehen dabei, dass wir die wirklich grossen Fragen gar nicht selbst entscheiden. Wer nur immer auf sein Handy schaut, soll sich nicht wundern, wenn die Kinder das nachmachen.

Inzwischen bin ich zur grossen Verehrerin Albert Einsteins geworden, der nicht nur Physiker, sondern ein moralischer und politischer Denker war.
Sie sagen, dass überbehütende Mütter das eigenständige Denken behindern.

Das ist richtig, wobei die Erziehung auch in der Verantwortung der Väter liegt. Aber Kinder könnten viel mehr Verantwortung übernehmen, als man in unserer Gesellschaft erwartet. Meine Kinder konnten mit acht alle schon Mahlzeiten kochen und Wäsche waschen. Wir geben Kindern meist nur symbolische Aufträge. Mädchen sollen mit Spielteekannen spielen, die Jungs mit Automodellen. Das ist veraltet. Irgendwann müssen die Kinder lernen, wie man Tee kocht.

Wie haben Sie es geschafft, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen?

Durch den frühen Tod meines Mannes hatte ich als alleinerziehende Mutter keine Wahl. Zurücklehnen und von der Sozialhilfe leben kam nicht in Frage. Ich habe bei der Erziehung bestimmt nicht alles richtig gemacht. Im Nachhinein wünschte ich mir, ich hätte mehr Zeit mit meinen Kindern verbracht. Ich versuche, das jetzt zu kompensieren, und verbringe viel Zeit mit ihnen. Man soll nicht nur auf die Last des Kinderkriegens schauen: Meine Kinder haben mir sehr viel gegeben.

Weshalb sind Sie Direktorin des Einstein-Forums geworden?

Das Forum ist eine erstklassige interdisziplinäre Denkfabrik, die nicht vom Elfenbeinturm aus agiert. Inzwischen bin ich zur grossen Verehrerin Albert Einsteins geworden, der nicht nur Physiker, sondern ein moralischer und politischer Denker war.

Aber Einsteins Umgang mit Frauen war ja nicht gerade sehr galant.

Ein Klischee! Einsteins erste Frau Mileva war geisteskrank, hatte ein lahmes Bein. Aber sie war die einzige Frau, die Physik studierte. Zeigen Sie mir mal einen Professor, der in einer Frau eine Kameradin sieht! Seine zweite Frau Elsa hat ihn gesundgepflegt, als er schwer krank war. Aber sie teilte keine Werte oder Lebensvorstellungen. Einsteins Ehen waren beide traurig.

Ins Einstein-Forum kommen Denker, Künstler und Politiker aus aller Welt, um Ideen auszutauschen. Welcher Zeitgenosse beeindruckt Sie am meisten?

Für mich ist Bob Dylan der grösste Dichter des Jahrhunderts und bestes Beispiel für würdiges Altern. Wer nur sein Lied «Blowin’ in the Wind» kennt, hat 50 Jahre seiner ­Wirkung verpasst. Es wird ja immer spöttisch über die Grössen der Rockmusik gesprochen. Doch Leonard Cohen, Bob Dylan oder Bruce Springsteen sind grossartig und aktiv. Für mich sind sie Vorbilder, wie man bis ins hohe Alter kreativ sein kann.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 41
5. Oktober 2015

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Zur Person

Philosophin und Autorin

Susan Neiman (60) ist seit 2000 Direktorin des Einstein-Forums in Potsdam, eines der wichtigsten intellektuellen Zentren Deutschlands. Die Amerikanerin wurde in Atlanta geboren und wuchs in einer jüdischen Familie auf. Mit 14 verliess sie die Schule und lebte und arbeitete in Kommunen. Später studierte sie Philosophie in Harvard und an der Freien Universität Berlin.

Bevor sie die Leitung des Einstein-Forums übernommen hatte, war sie Professorin für Philosophie in Yale und an der Universität von Tel Aviv. Neiman ist unter anderem Autorin von «Slow Fire: Jewish Notes from Berlin», «Das Böse denken», «Fremde sehen anders» und zuletzt von «Warum erwachsen werden?». Sie lebt seit über 20 Jahren in Berlin und ist Mutter dreier erwachsener Kinder.

Susan Neiman: «Warum erwachsen werden?», Verlag Hanser Berlin, bei Ex Libris für Fr. 19.55 erhältlich.

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5 Kommentare

Viktor Hofstetter [Gast]

Geschrieben am
10. Oktober 2015

Welch ein Genuss im MM vom 05.10.2015 ein Interview zu lesen, das auch diesen Namen verdient. Nicht nur sind die Antworten von Susan Neiman sehr klar und anregend; Reto E. Wild versteht es dem Gespräch auch einen sehr erhellenden Gang zu geben. Dass man einige Tage vor den Wahlen Aussagen wie : „Aber mit der neoliberalen Ideologie des Wachstums zerstören wir unsere Lebensbasis. Das weiss mehr oder weniger jeder“ und : „Man könnte das auch anders sehen : Vielleicht wird die Gesellschaft bewusst infantilisiert, weil ihre Mitglieder dann einfacher zu managen sind“, zu lesen, sollte eigentlich jedem/r veranwortungsvollen WählerIn zu denken geben. Und nicht nur ihnen auch den vielen, die sich um ein Amt in Bern bewerben. In Anlehnung an den Titel des Interviews, frage ich mich wie viele „Halb-Tote werden da nach Bern gesandt ? nur weil sie es verstehen mit schönen Worten und viel Geld den Leuten Sand in die Augen zu streuen. Auch das klare Statement : „Internet ist wie Alkohol : Es gibt mehr Menschen, als man denkt, die abhängig sind und es nicht zugeben wollen“, sollte eigentlich all den unsinnigen Debatten über den vernüftigen Gebrauch der Social-Medias etwas mehr Tiefe geben.
Natürlich hat mein Herz gejubelt, als ich auf die Frage : Welcher Zeitgenosse beeindruckt Sie am meisten ? die grossartige Antwort gelesen habe : „Für mich ist Bob Dylan der grösste Dichter des Jahrhunderts und bestes Beispiel für würdiges Altern.“ Dass dann auch noch Leonard Cohen und Bruce Springsteen neben Albert Einstein erwähnt werden, macht für mich Susan Neiman zu einer zeitgenössischen Denkerin und Philosophin, die uns allen noch viel zu sagen haben wird.
Viktor Hofstetter

Michael Klein [Gast]

Geschrieben am
10. Oktober 2015

Jugend ist was schönes - Altsein, Erwachsensein ist nur anstrengend. Bin 61 und meine tollste Zeit war die in den 70igern - Ende Schule und das Studium fiel da hinein. Es gab kaum eine Verantwortung, ausser das ich die Schule - das Abitur schaffen wollte. Die Musik war toll, es gab phantastische Konzerte und vor allem - der Körper war auf der Höhe seiner Leistungs- und Belastungsfähigkeit. Fast jeden Tag hat man neue Erfahrungen gemacht. Es waren auch negative dabei, aber die sind in den tiefen meiner Tagebücher verschwunden. Präsent blieben nur die positiven - der erste Urlaub ohne die Eltern, fremde Länder kennengelernt, das erste eigene Auto und die ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht.
Offensichtlich war die Autorin ziemlich fremdbestimmt, wenn sie von einem Druck von lebensverändernden Entscheidungen spricht. Muss man eine Familie gründen ? Nein, man muss nicht, man kann. So kann man auch verstehen, wenn sie das Erwachsenensein toll findet - da ist so schön viel geregelt, man ist umgeben von Ansprüchen an einen, die man erfüllen muss und so braucht man nicht mehr selber aktiv zu sein oder - oh graus - selber zu denken. Letzendlich kann man dann als Philosoph unendlich darüber philisophieren, warum das so ist und man nicht mutig genug ist, sein eigenes Leben zu führen.

Erwin Schmäh [Gast]

Geschrieben am
6. Oktober 2015

Was meinen Sie mit Erwachsensein? Was beinhaltet erwachsenwerden und was nicht? In Ihren Ausführungen finde ich dazu keine konkreten Hinweise. Einverstanden wir unterliegen einem Jugendwahn und manche kleiden sich wie Pubertierende. Dazu weigern sich viele der erwachsenen Welt entgegen zu gehen und mit Verantwortung zu handeln. Aber durch welches Bewusstsein und Qualitäten erkennt man einen Erwachsenen, so wie Sie sich das vorstellen?

 

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