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Kampf gegen Kindsmisshandlung

Um Kinder besser vor Misshandlungen und sexuellem Missbrauch zu schützen, will der Bundesrat die Meldepflicht ausweiten. Die Vorlage ist umstritten. Aus Sorge vor falschen Interventionen vertraut man auf die Verantwortung der bisher zuständigen Amtsträger.

Die Ausweitung der Meldepflicht bei Verdacht auf Kindsmisshandlung oder -missbrauch steht in diesen Tagen im Nationalrat zur Debatte. Derzeit sind in den meisten Kantonen nur Amtsträger wie Sozialarbeiter und allenfalls Lehrer verpflichtet, Verdachtsfälle an die Behörden zu melden. Nun will man alle Personen in die Pflicht nehmen, die beruflich mit Kindern zu tun haben – etwa im Hort, im Spital oder in der Kirche.
Die Vorlage geht auf die inzwischen zurückgetretene SP-Nationalrätin Josiane Aubert (69) zurück. Beim Bundesrat stiess der Vorstoss der Waadtländerin auf offene Ohren. Aber anders als Aubert will die Regierung ehrenamtlich tätige Personen von der Meldepflicht ausschliessen, etwa Trainer von Sportvereinen.
Trotzdem lehnte die Kommission für Rechtsfragen die Vorlage mit zwölf zu zehn Stimmen ab.

Stimmen der Kritiker
«Wird die Meldepflicht ausgeweitet, steigt das Risiko für Fehler», ist SVP-Kommissionsmitglied Pirmin Schwander (54) überzeugt. Schon heute würden die Kinderschutzbehörden (KESB) mit Gefährdungsmeldungen überhäuft. Dabei sei zu beachten: «Eine falsche Intervention kann eine Familie über Jahre traumatisieren.»
Auch betroffene Berufsgruppen äussern Einwände: «Wir begrüssen die Suche nach einer landesweiten Regelung, aber eine Meldung an die KESB ist nicht in jedem Fall die geeignete Massnahme», sagt etwa Andrea Hohl-Seiler (49), Co-Präsidentin des Verbands Kinderärzte Schweiz. Dadurch würden andere, niederschwellige Lösungsansätze allenfalls verhindert.

«Nehmen wir mehr Leute in die Pflicht, können wir tragische Schicksale verhindern»

Yvonne Feri (50) ist SP-Nationalrätin und Präsidentin der Stiftung Kinderschutz Schweiz.  (Bild zVg)
Yvonne Feri, bisher gilt die Meldepflicht für Sozialarbeiter und andere Amtsträger. Die Stiftung Kinderschutz Schweiz unterstützt die Ausweitung auf weitere Personenkreise. Was spricht dafür?

Die ausgeweitete Meldepflicht kann den Fachleuten Orientierung bieten. Heute gibt es viele Unsicherheiten beim Vorgehen, etwa bezüglich des Datenschutzes oder des Berufsgeheimnisses – zumal in jedem Kanton wieder etwas anderes gilt.

Aber schon heute kann jeder, selbst Nachbarn oder Bekannte von betroffenen Kindern, einen Verdacht an die Behörden melden. Warum braucht es eine Meldepflicht?

Damit man nicht einfach wegschauen kann. Eine Meldung braucht unter Umständen Mut. Wenn eine Meldepflicht besteht, handelt man eher. Zudem weiss man: Bereits ein Gesetzesartikel, etwa zur gewaltfreien Erziehung, wie sie in nordischen Ländern vorgeschrieben ist, kann viel bewirken.

Orientierung und Sensibilisierung könnte man auch schaffen, indem man die betroffenen Fachleute weiterbildet.

Die Weiterbildung in Sachen Misshandlung und sexueller Missbrauch ist heute bei vielen Berufsgruppen eine freiwillige Sache. Die Meldepflicht müsste zwingend von einer besseren Schulung begleitet werden.

Gegner der Vorlage befürchten unter anderem die Zunahme von Falschmeldungen.

Im Kanton Waadt, in dem bereits heute eine ausgeweitete Meldepflicht besteht, kennt man keine solchen Probleme. Man darf nicht vergessen: Hier geht es um den Schutz von Kindern. Sie können sich nicht selber wehren. Nehmen wir mehr Leute in die Pflicht, können wir tragische Schicksale und lebenslanges Leiden verhindern. Zudem weiss man, dass viele, die im Kindesalter misshandelt oder sexuell missbraucht worden sind, später selber zu Tätern werden. Umso wichtiger ist es zu handeln.

Wann genau ist Handeln angesagt: Reicht schon eine Ohrfeige?

Das genau zu definieren, ist tatsächlich schwierig. Schnell ist man bereit zu sagen: Wenn einmal die Hand ausrutscht, ist das nicht so schlimm, aber je nachdem, wie stark der Schlag war und in welchem Kontext er stand, kann auch eine Ohrfeige schlimme Folgen haben.

Ist eine Meldung in jedem Fall die geeignete Massnahme? Werden dadurch nicht alternative Lösungsansätze verhindert?

Personen, die dem Berufsgeheimnis unterstehen, sollen gemäss der Vorlage nicht verpflichtet, aber berechtigt werden, eine Meldung zu
machen. Das heisst, Ärzte oder Therapeuten können nach wie vor das Gespräch mit den Eltern suchen – und sie etwa davon überzeugen,
Unterstützung anzunehmen.

Wie steht es mit dem Vertrauensverhältnis gegenüber dem Kind, das unter Umständen leidet, wenn die erwachsene Bezugsperson zu einer Meldung verpflichtet wird.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Vertrauen durch die Meldepflicht nachhaltig zerstört wird. Man handelt schliesslich zum Wohl des Kindes und kann dadurch seine Situation langfristig verbessern.

Die Folgen einer unterlassenen Meldung bleiben unklar und können kaum sanktioniert werden. Besteht nicht die Gefahr, dass man da einen Papiertiger kreiert?

Im Moment hat man bewusst auf Bussen verzichtet. Wenn es aber einmal zu einer Klage kommen würde, kann sich das durch einen
Gerichtsentscheid auch ändern.

Was raten Sie Laien, die einen Verdacht hegen?

Unbedingt hinschauen, beobachten und im Zweifelsfall melden.

Yvonne Feri (50) ist SP-Nationalrätin und Präsidentin der Stiftung Kinderschutz Schweiz.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 17
25. April 2016

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Zahlen und Fakten

21 von 26 Schweizer Kinderkliniken haben sich im Jahr 2014 beim Erfassen von Kindsmisshandlungen beteiligt.

1405 Fälle haben die Ärzte dieser Kliniken insgesamt protokolliert.

3 Kinder starben 2014 infolge einer Misshandlung. Alle waren jünger als zwei Jahre.

Quelle: Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie

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9 Kommentare

Andrea Mordasini, Bern [Gast]

Geschrieben am
26. April 2016

Dass Kinder nach wie vor gesetzlich schlechter geschützt sind als der stärkere Erwachsene, gibt mir schon sehr zu denken und darf nicht sein. Berichte über geschlagene, misshandelte und missbrauchte Kinder machen mich, eine zweifache Mutter, enorm traurig und wütend zugleich. Was für Erwachsene Tabu ist, muss erst recht und zwingend auch für die Jüngsten sein. Alles andere fühlt sich für mich falsch und verkehrt an. Wehr-, hilf- und schutzlose Kinder zu schlagen und ihnen so Schmerzen zuzufügen - egal ob aus Frust, Wut, Überforderung oder gar als Straf-/Erziehungsmassnahme - ist schlecht, feige, schäbig und erniedrigend. Kinder möglichst gewaltlos zu erziehen, hat nichts zu tun mit antiautoritärer laisser faire Kuschelerziehung, sondern mit Respekt und Anstand gegenüber den Kindern und Einsicht und Vernunft seitens der Eltern. Wie sollen Kinder lernen, andere, vor allem schwächere, nicht zu schlagen, wenn sie vom xfach stärkeren, überlegenen Erwachsenen geohrfeigt werden? Wie sollen sie Respekt lernen und haben vor den "Grossen", wenn diese ihnen respektlos begegnen und sie schlagen? Schläge fördern keinen Respekt, sondern Angst! Und Angst sollen unsere Kinder vor uns nie haben. Sie sollen nicht zu Lügnern werden, sondern uns stets vertrauen und alles anvertrauen dürfen, egal was sie plagt, sie auf dem Gewissen und angestellt haben. Es ist an uns Erwachsenen, Kinder vor körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt zu bewahren und zu beschützen – das sind wir ihnen schuldig! Deshalb müssen Menschen, die Kindern Gewalt antun, bestraft werden. Belangt werden müssten aber auch all jene, die mangels Zivilcourage lieber feige und tatenlos weg- bzw hinschauen, statt frühzeitig einschreiten, um einem Kind in Not zu helfen – und zwar wegen unterlassener Hilfeleistung.

Pedja M. Diethelm [Gast]

Geschrieben am
26. April 2016

Wenn die Meldung einer Klndesmisshandlung an die Kesb geht, ist man ja nicht sicher ob es bei denen weiter geht. So wie die ihre "Macht" ausüben und ganze Familien zerstören, indem sie einzelne oder mehrere Kinder aus Familien reissen. Diese Kinder sind für ihr Leben traumatisiert! Welcher Bürger mit Gewissen, will sich diese Schuld aufladen?!?

 

M. Aya [Gast]

Geschrieben am
1. Mai 2016

Werden psychisch und physisch misshandelte Kinder im Elternhaus denn nicht traumatisiert? Warum soll "die Familie", also ein Zugehörigkeit aus vorwiegend biologischen Gründen" mehr Schutz verdienen als ein verhältnismässig schwaches Individuum wie ein misshandeltes Kind? Wird ein Kind innerhalb der Familie misshandelt und nehmen weder Eltern, ein Elternteil oder ein sonstiger Erwachsener das Kind nicht aktiv in Schutz, ist die Familie für das Kind zur Hölle geworden. Und diese verdient dann leider keinen Schutz mehr. Dann geht der Schutz des Individuums vor!
Psychische und physische Gewalt ist traumatisierend und Traumatas hinterlassen Spuren in Alltag, Beziehung, Gesundheit und werden an die nächste Generation weiter gegegben. Darum ist der Staat dazu verpflichtet seine Bürger vor Gewalt zu schützen unabhängig davon ob es Kinder oder Erwachsene sind.
Aber so mancher in der Schweiz, setzt sich lieber gegen Tierquäler und für Haustiere ein als gegen misshandelnde Erwachsene und für das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit eines Kindes.
Vielleicht sollte man das Wort "Kind" mit "Katze oder Hund" austauschen. Ich bin mir sicher, es käme dann nicht zu derart absurden Argumentationen, warum man Kinder vor Gewalt nicht zu schutzen braucht!

 

M. Aya [Gast]

Geschrieben am
1. Mai 2016

Neben dem Interview stehen "Zahlen und Fakten": Allein 2014 haben sich 21 (von 26 angwfragten) Kliniken ander Erfassung von Fällen der Misshandlung von Kindern beteiligt. Allein von dieser Seite kam es in einem Jahr zu über 1400 Meldungen. Vermutlich muss man dazu aber nich eine Dunkelziffer von schätzungsweise 10-30% hinzuzählen. Logischerweise widerspiegeln diese Zahlen einzig Misshandlungsfälle die körperlich festgestellt wurden. Zahlen zu psychischer Misshandlung liegen mir leider keine vor.
Zum Bereich Kindesschutz gehört aber auch der sexuelle Missbrauch. Geht man davon aus, dass jedes 4. - 6. Kind sexuelle missbraucht wird, haben Zahlen von Zehntausenden.
Wenn das kein Grund ist die Kindesschutzmassnahmen zu intensivieren, weiss ich auch nicht.
Ganz abgesehen davon, dass in all diesen Fällen nicht gesagt ist, dass der oder die Täter auch in der Kern-Familie zu suchen sind. Täter können in der Nachbarschaft, im Jugendtreff, in der Schule oder Freizeit, bei Behörden, Kollegen oder Freunden aktiv sein. Und wer Misshandlungen bei einem Kind feststellt oder davon erfährt, sollte auch entsprechend handeln müssen, im Sinn des Kindeswohls. Solange der Täter/die Täterin nicht in der Familie steckt, werden auch keine Familien auseinander gerissen. Nur wer selbst etwas zu verbergen hat, kann sich gegen die Meldepflicht aussprechen.

Beatrice Marasco [Gast]

Geschrieben am
26. April 2016

Einen Ausbau des Kinderschutzes finde ich immer grundsätzlich gut, jedoch nützen die ganzen Meldungen und Meldeverpflichtungen nichts, wenn auf der anderen Seite die zuständigen Ämter nicht dazu verpflichtet werden, innerhalb eines sinnvollen Zeitraums auf diese Meldungen zu reagieren (hier gehörte eine gesetzlich vorgegebene Frist hinein, die nicht mit "Überlastung" von gewissen Amtspersonen entschuldigt und ohne feste Zusage einfach verschoben werden kann!) und ihr Vorgehen bei Abklärungen bzw. die Effizienz und Intensivierung von Abklärungsabläufen zu hinterfragen.

 

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