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Die Panische Angst überwunden

Evelyne Coën trieb eine schreckliche Kindheit an den Rand der Verzweiflung, doch in die Knie zwingen liess sie sich nicht. Heute unterstützt die 70-jährige Menschen, die genau das möchten, was sie geschafft hat: ihrem Dasein eine neue Richtung geben.

Evelyne Coën, Ihre Kindheit und Jugend müssen schlimm gewesen sein: Ihre Mutter war Mitglied der Zeugen Jehovas und terrorisierte die ganze Familie. Alle paar Monate mussten Sie wegen Engagements Ihres Vaters, eines jüdischen Musikers, umziehen. Drei Jahre haben Sie in Heimen verbracht. Nicht nur dort erlebten Sie Gewalt, Missbrauch und Ausgrenzungen. Was war am schlimmsten?

Das Verlassenheitsgefühl in den Heimen. Niemand sagte mir, wann ich wieder rauskommen würde und nach Hause konnte. Ich fühlte mich schrecklich allein und vermisste meine Familie.

Warum mussten Sie überhaupt ins Heim?

Wegen der vielen Reisen bin ich viersprachig aufgewachsen – meine Eltern hofften, dass ich dort wenigstens eine Sprache richtig lernen würde. Als ich neun Jahre alt war, hatte ich schon sechsmal die Schule gewechselt. Mir war jegliche Basis abhandengekommen, ich beherrschte keine Sprache richtig.

Ihre Eltern waren offenbar nicht sehr auf Ihr Wohlergehen bedacht. Sie haben Sie gedemütigt und alles abgewertet, was Sie sich als Jugendliche erträumten.

Ja, aber es gab auch schöne Momente. Ich habe jahrelang mit meinem Vater auf der Bühne gestanden und gesungen. Das war etwas vom Tollsten für mich. Dort hat er sich wirklich wie ein Vater verhalten. Wenn ich mal den Rhythmus verloren hatte, musste er sich mit seiner Geige nur zu mir herabbeugen, einen Ton spielen, und ich war wieder im Takt. Solche Erlebnisse haben mich über Wasser gehalten.

In Ihrem Buch erzählen Sie fast beiläufig, dass Ihre Mutter Sie als kleines Mädchen einem fremden Paar ins Bett gelegt habe, damit sich diese Leute mit Ihnen sexuell vergnügen konnten. Wieso haben Sie Ihre Mutter nicht gehasst, sondern sogar noch vermisst, als sie im Heim waren?

Meine Eltern waren die einzigen Menschen, die ich hatte. Also war ich zu Loyalität gezwungen. Wenigstens kam es bei den Übergriffen nicht zu körperlicher Gewalt. Aber als Kind empfand ich natürlich ein starkes Unbehagen.

Alles, was Ihre Familie ausmachte, liess Sie zum Gespött der anderen Kinder werden. Sie verhöhnten Sie als Judenkind, Musikerkind, Zigeunerkind, Sektenkind. Was haben Sie in solchen Momenten gefühlt?

Abgrundtiefe Angst. Dessen ungeachtet habe ich mich in allen Schulen, die ich besuchte, nach Kräften gewehrt, auch handgreiflich. Ich war das meistgefürchtete Mädchen, weil man wusste, dass ich losschlug, wenn man mich beleidigte oder tätlich angriff. Ich hasste zwar die Prügelei, aber ich wusste mir nicht anders zu helfen.

Waren Sie oft verzweifelt?

Oh ja, als Kind fast immer – und dazu ­unglaublich verschüchtert. Vor allem vor ­Männern hatte ich panische Angst, die sich erst im Erwachsenenalter gelegt hat.

Ich hatte panische Angst, vor allem vor Männern.
Trotzdem waren Sie mit knapp 21 bereits Mutter zweier Kinder. Mit 27 standen Sie allein mit den beiden da – geschieden und nahezu mittellos. Und dann?

Ich habe einen enormen Lebenswillen und sage mir immer: Wenn man will, kann man auch. Als ich selber Mutter wurde, wollte ich vor allem, dass meine Töchter glücklich sind. Das war mein Antrieb und hat mir Kraft gegeben.

Haben Sie manchmal auch gebetet?

Ich habe immer nur für andere gebetet. Die Zeugen Jehovas dürfen ja keine eigenen Wünsche haben und für sich selbst beten. Was mir aber seit jeher viel Trost gibt, ist die Natur. Ich erlebe unglaubliche Glücksgefühle, wenn ich stundenlang durch den Wald streife, am liebsten mit einem Hund. Dann tanke ich Energie.

In Ihrem Buch widmen Sie den Tieren ein eigenes Kapitel.

Weil ich Tiere über alles liebe. Als ich im Bündnerland wohnte, war ich oft auf den Spuren der Wölfe unterwegs. Grossartig! Tiere machen mir keine Angst – im Gegensatz zu den Menschen.

Immer noch?

Sagen wir es so: Ich habe immer die Warnlampen eingeschaltet. Mein Urvertrauen ist zerstört, aber der Wille, vertrauen zu können, ist nach wie vor intakt.

Wie sind Sie letztlich doch noch zu einem Schulabschluss und einer Ausbildung gekommen?

Weil die ständigen Schulwechsel mich völlig aus der Bahn geworfen hatten, engagierten meine Eltern einen Privatlehrer für mich, der mich zwei Jahre lang unterrichtete, bis ich den Sekundarschulabschluss hatte. Ich hätte aufs Gymnasium wechseln können, aber mein Vater fand, dass er keine studierte Tochter brauche. Ich solle Schallplattenverkäuferin lernen, dann könne ich seine Platten verkaufen. Das habe ich dann auch gemacht.

Als Sie 1992 Ihre Beratungsfirma gründeten, stiessen Sie mehrheitlich auf Skepsis: Es fehle Ihnen an den nötigen Diplomen, hiess es. Was hat Sie so sicher gemacht, dass Ihr Weg der richtige war?

Vorher hatte ich – auch das ohne Diplom und Abschluss – als Personalberaterin bei einer grossen Stellenvermittlung gearbeitet. In dieser Zeit habe ich rund 400 Interviews mit Managern aus der Industrie, Bankern, Architektinnen, Lehrerinnen und Arbeitern geführt. Dabei merkte ich, dass viele Menschen ihren Beruf ausüben, obwohl sie ihn überhaupt nicht mögen. Wenn ich fragte, was sie wirklich gern machen würden, reagierten die allermeisten mit Resignation: «Was wollen Sie? Sie sehen ja, was ich gelernt habe.» Wenn ich ihnen dann zu verstehen gab, dass meine Frage ernst gemeint sei, kamen plötzlich verborgene Wünsche und Visionen zum Vorschein. Einer wollte schon immer gern Musik machen, eine Frau eine Leitungsposition bekleiden, ein Banker eine halbjährige Auszeit nehmen. Ich merkte, dass sie bei der Umsetzung dieser Wünsche Unterstützung brauchten – und die bietet Cross-Roads seither an.

Ich merkte, dass viele Menschen ihren Beruf ausüben, obwohl sie ihn überhaupt nicht mögen.
Cross-Roads wurde allen Unkenrufen zum Trotz ein Erfolg. Zu Ihrer Kundschaft gehören seit jeher hochrangige Angestellte. Was suchen Menschen bei Ihnen, die gute Jobs haben und sich mit ihrem Geld fast alles leisten könnten?

Viele kommen in einem wirklich schlechten Zustand zu mir. Sie sind traurig, erschöpft und fühlen sich ohnmächtig, gefangen in einem System, das sie je länger, je stärker infrage stellen. Sie schätzen es, dass ich sie nicht in einer Schublade versorge, sondern wissen will, was ihr Leben wirklich beseelen und sie ein paar Schritte näher zu sich selbst bringen würde.

Für viele sind Sie ein Rettungsanker, wenn andere Hilfsangebote nicht zum gewünschten Ergebnis führen. Was machen Sie anders?

Ich bin nicht verbildet, habe aber unheimlich viel gesehen in meinem Leben, was mich geprägt hat. Diplome, Zeugnisse und Schubladen aller Art interessieren mich nicht. Auch analysiere und diagnostiziere ich meine Klienten nicht, sondern lasse mich auf sie ein. Oft müssen sie bis zu einem Jahr kämpfen, bis sie ihre verschütteten Sehnsüchte wieder spüren. Diesen Weg gehe ich mit ihnen, wenn sie das wünschen – und wagen.

Was ist denn so gefährlich daran?

Es bleibt nicht ohne Folgen, wenn man seine ureigenen Bedürfnisse ausgräbt und dadurch motiviert wird, seinen gewohnten Rahmen zu verlassen. Bei vielen taucht die totale Angst auf: Ich verarme, meine Frau verlässt mich, ich mache mich lächerlich. Trotzdem wagen viele diesen Schritt, weil sie spüren, dass sie auch für das Verharren in den alten, ausgetretenen Bahnen einen hohen Preis zahlen würden.

Wie interpretieren Sie die zahlreichen Managersuizide, die in den letzten Jahren für Schlagzeilen sorgten?

Ich glaube, diese Menschen waren so eingespannt in ihren beruflichen Funktionen, dass sie den Zugang zu ihren wahren Wünschen und letztlich zu sich selbst verloren hatten. Man ist immerhin CEO oder bekleidet den Posten des Finanzchefs in einem grossen Konzern. Es erfordert einiges, auf einen solchen Status zu verzichten und neu anzufangen. Ein Kunde von mir, ein Banker, gaukelte seinem nächsten Umfeld noch lange Zeit nach seiner Kündigung vor, es sei alles beim Alten und er immer noch angestellt. Als er die Wahrheit erzählte, nahm die Zahl seiner Freunde rapide ab. Das muss man aushalten.

Es erfordert einiges, auf einen solchen (hohen) Status zu verzichten und neu anzufangen.
Welches Bild der Gesellschaft bietet sich Ihnen, wenn Sie sich Ihre Kundschaft vergegenwärtigen?

Es ist ein grosses Rollenspiel. In Befragungen wird ja oft die Frage gestellt, wie glücklich die Leute seien. Und dann sagen die meisten: sehr glücklich; sie hätten ja alles, sogar einen Maserati und einen Firmenparkplatz. Wenn man nachfragt, bröckelt die Fassade oft. Dann kommen unterdrückte Ängste zum Vorschein, die mit Alkohol, Medikamenten oder Prostitution über Mittag kompensiert werden.

Den Anfang des Übels orten Sie nicht zuletzt in unseren Schulen. Sie selbst haben Ihre Töchter seinerzeit aus der Schule genommen. Was war da schiefgelaufen?

Die beiden besuchten eine Schule in einem Aargauer Dorf, in der man die Kinder noch schlagen und in die Ecke stellen durfte. Als sich weder die Schulpflege noch die anderen Eltern dagegen wehrten, sah ich keine andere Möglichkeit, als sie abzumelden. Gleichzeitig entdeckte ich in der Zeitung ein Inserat für eine neue Schule: eine Kombination aus Steiner- und Montessorischule. Dort habe ich mich sehr engagiert und gesehen, was es bedeutet, wenn Kinder gern in die Schule gehen.

Nun können nicht alle Kinder auf eine Privatschule gehen.

Nein, und nach der sechsten Klasse sind auch meine Töchter wieder in die Staatsschule gegangen, allerdings erst, nachdem ich Klassenbesuche gemacht und zwei wirklich gute Lehrer gefunden hatte. Es kommt in erster Linie auf die Lehrpersonen an, wobei unser Schulsystem die einzelnen Lehrkräfte über die Gebühr einschränkt und strapaziert.

Konkret?

Ich habe viele Lehrer in der Beratung, die über den zunehmenden Druck klagen: Der Lehrplan verlangt immer mehr, die Zahl der Kinder steigt und erschwert den Aufbau von Beziehungen; die Zeugnisse zwingen sie dazu, die Kinder zu bewerten und auf eine Zahl zu reduzieren. Viele lieben ihren Beruf, verzweifeln aber daran, dass die Rahmenbedingungen sie dermassen auslaugen.

Wie könnte die Situation verbessert werden?

Es wäre ganz wichtig, dass die Eltern Lehrer unterstützen, die einen eigenen, vielleicht auch unkonventionellen Weg einschlagen. Sie müssten klarmachen, dass es ihnen vor allem wichtig ist, dass ihre Kinder glücklich sind in der Schule, und nicht nur, dass sie mit guten Noten nach Hause kommen. 


Evelyne Coën: «Hier bin ich – Das tun, was ich wirklich will», Stämpfli Verlag 2016, bei Ex Libris für 36 Franken

 

Erschienen in MM-Ausgabe 49
5. Dezember 2016

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Zur Person

Beraterin und Buchautorin

Evelyne Coën, geboren 1946 in Zürich, stammt aus einer Künstlerfamilie und lebt in St. Gallen. Mit ihrer Beratungsfirma Cross-Roads unterstützt sie Menschen, die ihr Leben verändern möchten.

Beruflich war die gelernte Schallplattenverkäuferin unter anderem noch als Schauspielerin, Sängerin, Lehrerin und Personalfachfrau tätig.

Seit Oktober ist Evelyne Coën auch als ­Buchautorin bekannt: In ihrem Erstlingswerk Hier bin ich – Das tun, was ich wirklich wlll erzählt sie von ihren schwierigen Lebensverhältnissen und ihrem aussergewöhnlichen beruflichen Werdegang.

Die 70-Jährige hat zwei erwachsene Töchter und vier Enkel.

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1 Kommentar

Hugo Bühlmann [Gast]

Geschrieben am
5. Dezember 2016

Eindrucksvolle und lebensnahe Biografie. Das Buch ist lesenswert!

http://authentisch-leben.blogspot.ch/2016/11/hier-bin-ich-ein-buch-fur-ihre.html

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