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Experten: Hilfe für die Verlierer

Wie kann man den Globalisierungsverlierern helfen?

ALLE FRAGEN ZUR GLOBALISIERUNG AN DIE EXPERTEN

Wer profitiert von der Entwicklung, wer leidet?
Wer spürt die negativen Effekte besonders?
Was bedeutet das Scheitern der Freihandelsabkommen?
Was passiert, wenn Globalisierungsverlierern nicht geholfen wird?


Thomas Straubhaar

Im Zeitalter der digitalisierten Globalisierung müssen viele gesellschaftliche Herausforderungen völlig neu diskutiert, verhandelt und gelöst werden. Das gilt vor allem für den Sozialstaat, der neu zu bauen ist. Die Digitalisierung wird die Polarisierung der Gesellschaft weiter vorantreiben, sie wird den Strukturwandel weiter beschleunigen. Wer mithalten kann, profitiert, die anderen werden zurückleiben. Drohen könnten eine «geteilte Nation» oder gar eine Kündigung des Generationenvertrags. Wozu die verstärkte Polarisierung führen kann, zeigt sich in den USA, mit dem Brexit und an der Re-Nationalisierung in Europa. Hilfe bringen könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen – ein zwar radikaler, aber eben auch gangbarer liberaler Weg, um die eigendynamische Spirale des gesellschaftlichen Auseinanderlebens zu durchbrechen und auf die Herausforderungen der Gesellschaft aktiv, offensiv und positiv zu reagieren.

Evi Hartmann

Die Politik sollte nicht die Globalisierung, aber deren Auswüchse stärker reglementieren. Relativ milde, systemkonforme Möglichkeiten der Reglementierung sind zum Beispiel eine Pflicht zu Audits für soziale und ökologische Nachhaltigkeit entlang der Zulieferkette, ein Social Footprint vergleichbar mit dem Carbon Footprint und das Fördern und Einfordern staatlich vereinheitlichter Zertifikate. Aber auch die Unternehmen selbst können die Auswüchse wirksam bekämpfen: Manager können in Meetings taktisch klug zu erkennen geben, dass es neben Effizienzfragen auch Fragen der Moral gibt. Das ist eine Frage der Firmen- und Führungskultur: Wenn man(ager) das oft genug vorbringt, bewegt sich mehr.

Aber wir Verbraucher haben die grösste Macht: Ein Hersteller stellt weitgehend umweltfreundlich und ohne Ausbeutung her? Dann stimmen wir mit dem Geldbeutel ab: Wir kaufen seine Produkte. Wer kauft, hat die Macht, die Welt zu einer besseren Welt zu machen.

Christian Fichter

Die Globalisierung muss besser kontrolliert werden, und es müssen alle daran teilhaben können. Eigentlich ist sie ja ein ganz normaler, natürlicher Prozess. Die Globalisierung entspringt dem urmenschlichen Wunsch nach Austausch – von Gütern, Kultur, Anerkennung und Zuneigung. Unser gesamtes ökonomisches System ist darauf aufgebaut. Das Problem dabei ist aber, dass unsere psychologischen Fähigkeiten für den Austausch in einer lokalen Gruppe geschaffen wurden. Schon beim Austausch zwischen den Gruppen – etwa zwischen Gemeinden – braucht es komplexe Regeln. Das haben unsere Vorfahren zwar in den Griff bekommen, aber es hat seine Zeit gedauert.

Daher die erste Schlussfolgerung: Wir können die Globalisierung nur beherrschen, wenn wir sie langsam und kontrolliert gestalten. Ansonsten überfordern wir uns mit der Komplexität. Zudem darf die Globalisierung kein Projekt der Eliten sein, sondern muss allen Menschen Chancen bieten. Dazu braucht es drei Dinge: Fähigkeit, Gelegenheit und Motivation. Deshalb muss in Bildung investiert werden, damit man sich Fähigkeiten aneignen kann. Es müssen Gelegenheiten geschaffen werden, damit aus diesen Fähigkeiten auch etwas von Wert entstehen kann. Ich denke da an einfach verfügbare Kredite, Start-up-Förderung und einfache Marktzugänge. Und schliesslich darf die Motivation nicht unterbunden werden, aus seinen Fähigkeiten etwas zu machen. Wer es von Anfang an als aussichtslos oder überflüssig erachtet, sich selber zu helfen, der wird es nämlich auch nicht versuchen.

F.J. Radermacher

Die Eliten weltweit realisieren mittlerweile, dass die Globalisierung oft zulasten grösserer Teile der Bevölkerung geht und dass dadurch die Zustimmung der Bürger zur bisherigen Politik massiv sinkt. Es droht ein Rückfall in den Nationalismus und vielleicht sogar ein Zerfall Europas. Wer das nicht will, muss jetzt endlich ein Programm umsetzen, das auf der Ebene von Weltbank, Uno, IWF, OECD schon seit einigen Jahren unter dem Begriff «green and inclusive markets» thematisiert wird. Das ist ein Kapitalismus, der sich um die Umwelt und das Klima kümmert und jeden Menschen «mitnehmen» will, national und international.

Wobei die prozentual grösseren Verbesserungen bei denen passieren soll, die am wenigsten haben. Die Bemühungen im Bereich Steuerprivilegien, grenzüberschreitende Wertschöpfungsprozesse und deren Besteuerung, Transparenz von Eigentum etc. zeigen die Richtung auf, in der die grossen Staaten zu operieren versuchen. Die Schweiz hat in diesem Kontext ihr Geschäftsmodell bereits massiv verändert – eine Entwicklung in die richtige Richtung, aber davon gibt es noch immer zu wenig.

Jakob Tanner

Wer Globalisierung unterstützt, muss soziale Absicherung und gute Ausbildung fördern – das ist die politische Lackmusprobe. Eine Globalisierungspropaganda, die mit dem Hinweis auf die harte Standortkonkurrenz Sozial- und Bildungsausgaben reduzieren möchte, ist meines Erachtens kurzsichtig und gefährlich. Eine gesellschaftlich funktionierende und ökologisch nachhaltige Globalisierung braucht soziale Absicherungen (für diejenigen, bei denen dann die Kosten anfallen) und den Aufbau von Fähigkeitskapital (um die notwendige Motivation und Anpassungsbereitschaft zu gewährleisten).

Sie muss die grossen Problemkomplexe, die künftig die Ungleichheit gravierend verstärken könnten, im Auge behalten und dagegen kämpfen: Rationalisierungsschübe, die das Angebot an Erwerbsarbeit reduzieren; Umweltkatastrophen; künftige Kriege; Rassismus und soziale Ausgrenzung, die zum politischen Mainstream werden könnten. Wichtig ist auch die angemessene Besteuerung von grenzüberschreitend aktiven Unternehmen – das erfordert eine international und europäisch koordinierte Steuerpolitik. Die Unterstützung von Globalisierung ist mit der Übernahme von politischer Verantwortung verbunden.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 8
20. Februar 2017

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Die Expertenrunde

Der Ökonom

Thomas Straubhaar (59) ist ein Schweizer Ökonom mit einer Professur an der Universität Hamburg. Er hat soeben ein neues Buch veröffentlicht: «Radikal gerecht: Wie das bedingungslose Grundeinkommen den Sozialstaat revolutioniert» (Edition Körber-Stiftung Hamburg, 2017).

Die Wirtschaftsingenieurin

Evi Hartmann (42) ist eine deutsche Wirtschaftsingenieurin, Inhaberin des Lehrstuhls für Supply Chain Management an der Friedrich-Alexander- Universität Erlangen-Nürnberg sowie Autorin des Buchs «Wie viele Sklaven halten Sie? Über Globalisierung und Moral»

Der Wirtschaftspsychologe

Christian Fichter (45) ist Sozial- und Wirtschaftspsychologe, Leiter des Instituts für Wirtschaftspsychologie an der Kalaidos Fachhochschule, Zürich

Der Globalisierungsdenker

Franz Josef Radermacher (66) ist ein deutscher Ökonom, der sich seit 2003 für eine gerechtere Globalisierung einsetzt.

Der Wirtschaftshistoriker

Jakob Tanner (66) ist Wirtschaftshistoriker und emeritierter Professor für Geschichte der Neuzeit an der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Uni Zürich

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