Content: Home

Für den BFS-Chef wäre die Welt ohne Statistik voller Demagogen

Das Bundesamt für Statistik veröffentlicht jährlich über 400 Publikationen. Für Direktor Georges-Simon Ulrich beinhalten diese nicht bloss nackte Zahlen – Statistiken repräsentieren für ihn das pralle Leben. Ein Gespräch über seine Leidenschaft für Zahlen, «Fake News» und seine Zeit als rebellischer Jugendlicher.

Georges-Simon Ulrich, 10'752'686 Hühner lebten im Jahr 2015 in der Schweiz. Was nützt uns dieses Wissen?
Die Hühner sind ein kleiner Teil vom Ganzen. Letztlich geht es um die Frage, was die Schweizer Landwirtschaft produziert. Es gibt verschiedene Meinungen, wie die Landwirtschaft in Zukunft aussehen soll – aber nur, wenn Sie Zahlen zum Istzustand haben, gibt es eine Basis für diese Diskussion.

Wieso werden derart genaue Zahlen publiziert? Man kennt ja wohl kaum jedes Huhn der Schweiz.
Je genauer die Zahl, desto qualitativ hochwertiger ist sie. Zudem hat die BSE-Krise gezeigt, dass es durchaus wichtig sein kann zu wissen, wie viele Tiere von wo kommen.

Statistiker sind eben doch Erbsenzähler.
Sie müssten mal bei uns vorbeikommen, dann würden Sie schnell merken, dass dem nicht so ist. Es gibt in unserem Amt Leute aus Wirtschaft, Politik, Soziologie und vielen weiteren Wissenschaftsbereichen. Was uns eint, ist die Leidenschaft für Zahlen.

Woher kommt die?
Wenn Sie an Menschen interessiert sind, interessieren Sie sich auch für Zahlen. Statistik ist eine Art Sprache, die uns erlaubt, uns und unsere Umwelt besser zu verstehen. Der Vorteil dieser Sprache ist, dass sie relativ einfach ist: 1 und 1 macht 2.

Georges-Simon Ulrich hat seine erste Matheprüfung in der Schule verhauen.

Georges-Simon Ulrich hat seine erste Matheprüfung in der Schule verhauen.

In einem Radio-Interview gestanden Sie einst, dass Sie Ihre erste Matheprüfung vermasselt haben. War das bloss beim Einmaleins so?
Ich hoffte, diese Frage würde nie mehr kommen (lacht). Es wurde erst ab der Fachhochschulstufe besser. Eigentlich erst ab dem Moment, als ich Zahlen nicht mehr als Zahl an sich begriff, sondern das Leben in ihnen entdeckte.

Aber Zahlen können doch die Realität nicht abbilden. Sie können nur über die Dinge eine Aussage machen, die messbar sind – und Messen ist fehleranfällig.
Und darum sollte man es gleich ganz lassen? Und was ist überhaupt die Realität? In einer zunehmend pluralistischen Gesellschaft wissen Sie nicht mehr, ob Ihre eigene Wahrnehmung überhaupt noch stimmt. Sie leben in Ihrer subjektiv individuellen Filterblase. Wenn Sie die Leute fragen würden, wie viele Hühner es in der Schweiz gibt, würden Sie ziemlich unterschiedliche Antworten erhalten. Wollen Sie herausfinden, wie viele es tatsächlich gibt, brauchen Sie Zahlen.

Die Statistik selbst lügt nie. Man kann die Zahlen aber falsch interpretieren

Aber alles, was im Leben wirklich bewegt, wie etwa Liebe oder Leid, können Zahlen nicht abbilden.
Das stimmt nicht ganz. Für komplexe Fragen, etwa wie es um die Lebensqualität steht oder wie nachhaltig unsere Lebensweise ist, werden immer wieder ganze Indikatorensysteme aufgebaut.

Ist Glück ebenso gut messbar wie die Anzahl Hühner?
Nein, weil Glück aus mehreren Faktoren besteht, etwa Stabilität, Mitbestimmung oder Wohlstand. Nehmen wir den Wohlstand als Beispiel: Um ihn zu messen, kann man das Geld zählen, auch dieses, das in Form von Gütern vorhanden ist – und dann kann die Zahl der Hühner plötzlich wichtig werden.

Zahlen lassen sich verzerren, etwa indem man sie so oder anders erhebt.
Die Methode ist extrem wichtig. Dessen sind wir uns bewusst. Nehmen Sie zum Beispiel das Wetter: Je nachdem, ob Sie die Sonnenstunden oder die Temperatur messen, erhalten Sie ganz andere Werte. Darum ist es wichtig, dass wir unabhängig und nach wissenschaftlichen Prinzipien transparent und möglichst auch international vergleichbar über die Methode entscheiden können.

Sie kennen den Spruch: Traue nie einer Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.
Die Statistik selbst lügt nie. Das sind harte Fakten. Man kann die Zahlen aber falsch interpretieren oder verzerrt darstellen.

Für Ulrich lügt die Statistik selbst nie.

Für Ulrich lügt die Statistik selbst nie.

Das BFS interpretiert die Zahlen nicht selbst. Warum nicht?
Unsere Aufgabe ist es, Fragen wo möglich mit statistischen Informationen zu beantworten. Wir liefern Zahlen und zeigen auf, wie wir sie erhoben haben. Was Sie dann darauslesen, hat sehr viel mit Ihrer eigenen Perspektive zu tun. Jemand anders kommt zu einem anderen Schluss. Diese verschiedenen Interpretationen dürfen und sollen in einer Demokratie verhandelt werden.

Sie haben aber auch schon interveniert. Etwa als die SVP 2014 im Vorfeld der Masseneinwanderungsinitiative basierend auf BFS-Daten das Bevölkerungswachstum linear hochgerechnet hat und vor 16 Millionen Einwohnern im Jahr 2060 warnte.
Diese Hochrechnung kann man so nicht machen. Sie war offensichtlich falsch. Wir selbst machen nie Prognosen, wir entwickeln höchstens Szenarien. Da gilt es, ganz viele Variablen miteinzubeziehen, etwa die Entwicklung der Wirtschaft.

Wir selbst machen nie Prognosen, wir entwickeln höchstens Szenarien.

Wird in der Schweiz oft mit falschen Zahlen operiert?
Ob das zunimmt, ist schwierig zu sagen. Aber die Kontrolle funktioniert relativ gut. Wir sind auch nicht die Einzigen, die reagieren. Da sind meist noch andere, die sagen: Halt, da stimmt was nicht. Und dann gibt es noch den Ethikrat der öffentlichen Statistik, der solche Fälle untersucht und richtigstellt.

Vor zwei Jahren wollte die SVP das Budget des BFS halbieren. Ist dieser Sturm inzwischen vorbei?
Nein, der hat sich nicht gelegt. Es ist grundsätzlich gut, regelmässig zu hinterfragen, was man tut. Das ist eines der Prinzipien unserer wissenschaftlichen Tätigkeit. Das Parlament ist unser Auftraggeber. Wenn es unsere Tätigkeit ändern will, dann müssten aber nicht nur die finanziellen Mittel, sondern auch der Inhalt unserer Tätigkeit diskutiert werden.

Das BFS kostet den Steuerzahler jährlich rund 170 Millionen Franken. Wie lässt sich dieser Betrag rechtfertigen?
Man will qualitativ hochwertige, unabhängige Information mit unabhängiger Methodenwahl. Wenn das Geld die Methode bestimmt, bestimmt es auch das Resultat.

Für Ulrich ist bei der Statistik die unabhängige Methodenwahl (mit)entscheidend.

Für Ulrich ist bei der Statistik die unabhängige Methodenwahl (mit)entscheidend.

Aber warum braucht es überhaupt so viele Zahlen?
Stellen Sie sich vor, es gäbe überhaupt keine Statistik. Dann wäre die Welt voller Demagogen, die irgendwas behaupten würden, das niemand überprüfen könnte.

Solche Behauptungen gibt es schon jetzt. Wie gehen Sie damit um, dass immer weniger Leute Zahlen und Fakten vertrauen?
«Fake News» sind nichts Neues. Schon im 2. Weltkrieg manipulierte man die Wahrheit. Was sich verändert hat, ist die Zahl der Kanäle. Vor 30 Jahren sprach Leon Huber um 19.30 Uhr in der «Tagesschau» die Wahrheit. Heute können Sie Ihre Informationen irgendwoher holen. Aber wenn man sieht, dass die traditionellen Medien in den USA nach der Wahl von Donald Trump wieder mehr Abonnenten haben, bin ich zuversichtlich, dass die Leute zwischen den verschiedenen Quellen unterscheiden können.

Die Vornamensliste der Neugeborenen ist ein Abfallprodukt.

Hat das Parlament auch die Vornamensliste der Neugeborenen bestellt?
Das ist ein Abfallprodukt. Es macht keinen Aufwand, diese Liste zu erstellen, weil die Daten schon da sind.

Bei den Mädchen ist der Name Mia schon länger in den Top Ten. Ihre Tochter heisst Mia-Sheila. Hat die Liste Sie inspiriert ?
Nein (lacht). Das ist voneinander unabhängig. Würde ich nach der Statistik leben, wüsste ich auch, wann ich statistisch betrachtet sterben müsste. Darüber mache ich mir aber keine Gedanken.
Theoretisch sind Bürger und Unternehmer gesetzlich verpflichtet, die Fragebögen des BFS auszufüllen. Was passiert, wenn man sich weigert?
Längst nicht jede Statistik ist obligatorisch, aber jeder, der sich nicht beteiligt, verzerrt die Resultate. Zudem wird der Aufwand grösser: Wenn 30 Prozent nicht mitmachen, müssen wir die Stichprobe erhöhen. Glücklicherweise reicht es in der Regel, wenn wir den Leuten das erklären. Und es ist ja nicht nur so, dass wir bloss Informationen absaugen, wir geben sie in Form von Zahlen zurück – letztlich sind alle daran interessiert, dass diese möglichst genau sind.

Ulrich erklärt, die abgefragten Informationen in Form von Zahlen zurückzugeben.

Ulrich erklärt, die abgefragten Informationen in Form von Zahlen zurückzugeben.

In Kommentarspalten wird das Bundesamt für Statistik zuweilen als Bundesamt für Propaganda verunglimpft. Was entgegnen Sie solchen Kritikern?
Was heisst Propaganda? Wir sind unabhängig und unparteiisch. Die Leute, die solche Kommentare schreiben, sollen mal herkommen, dann erkläre ich denen gern, wie wir hier arbeiten.

Die Leute, die solche Kommentare schreiben, sollen mal herkommen.

Grosse Diskussionen gibt es etwa beim Lohnvergleich zwischen Männern und Frauen. 2014 verdienten Frauen im Schnitt 1400 Franken weniger als Männer.
40 Prozent davon, also 560 Franken, sind nicht erklärbar. Aber das heisst nicht, dass es sich dabei um Diskriminierung handelt.

Könnten Sie Genaueres herausfinden?
Das könnten wir, wenn uns das Parlament und der Bundesrat diesen Auftrag erteilt. Dann müsste unser Auftraggeber aber auch klar sagen, was er unter Diskriminierung genau versteht, erst dann können wir
überlegen, wie sich ein solches Phänomen messen lässt. Das wird zum Teil von Verbänden schon gemacht, aber diese Zahlen sind dann nicht unabhängig, weil Interessen dahinterstecken.

Sie waren in Ihrer Jugend als Sänger einer Punkband unterwegs. Jetzt stehen Sie im Staatsdienst. Wie lässt sich das eine mit dem anderen vereinbaren?
Punk stellt bestehende Strukturen infrage, das machen Wissenschaft und Politik auch, einfach etwas weniger radikal. Wer sich nicht immer wieder neu erfinden kann, der bleibt zurück. Gleichzeitig muss man wissen, wo man steht, damit man nicht einfach in irgendeine Richtung losrennt. Statistik hilft der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Politik und letztlich auch dem Punk, Chaos zu strukturieren, um es nachher wieder zu hinterfragen.

Vom Punksänger bis zum Bundesangestellten ist es gar nicht so weit.

Wollten Sie damals in den 1980er-Jahren auch Gurkensalat aus dem Staat machen?
Natürlich. Ich habe rebelliert gegen den Staat, weil ich seine Wirkung negativ erfahren habe. Erst später habe ich verstanden, dass man den Prozess betrachten muss, der zu dieser Wirkung führt. Heute liefere ich mit meiner Arbeit die Grundlage, auf der man diskutieren kann, damit dieser für eine Demokratie so wichtige Prozess überhaupt möglich ist, insofern ist es vom Punksänger zum Bundesangestellten gar nicht so weit.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 15
10. April 2017

Text
Bilder
  Mag ich   Kommentare  3

 Drucken  E-Mail

Zur Person

Vom Punk zum Chefstatistiker

Georges-Simon Ulrich (49) leitet seit vier Jahren das Bundesamt für Statistik (BFS). Der promovierte Betriebswirtschaftler war zuvor unter anderem als Dozent und Unternehmer sowie in verschiedenen leitenden Positionen in der Markt- und Meinungsforschung tätig. Noch immer unterrichtet er mit einem kleinen Pensum an der Hochschule für Wirtschaft Zürich.

Der Chefstatistiker war in den 1980er-Jahren Sänger in einer Punkband.

Heute ist er verheiratet und Vater zweier Kinder im Schul- und Vorschulalter.

Die beliebtesten Artikel der Rubrik

 


Kommentar verfassen


3 Kommentare

Brigitte Bachmann [Gast]

Geschrieben vor
1 Woche, 1 Tag

Super geantwortet, ich finde es gut dass hier ein ehemaliger Unternehmer sowas macht

Andreas Martini

Geschrieben vor
1 Woche, 3 Tagen

Die Statistik ist ganz klar ein Schwindel.
Beispiel:
Statistisches pro Kopf Vermögen zirka Fr. 650'000.
Jetzt frage ich mich, wer hat denn mein Vermögen eingestrichen?

Marcel Rebsamen [Gast]

Geschrieben vor
2 Wochen

Welch positive Überraschung!

  • Sie haben diesen Kommentar bereits gemeldet