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«Antisemitismus ist ein Evergreen»

Thomas Meyer hat ein neues Buch geschrieben. Ein Gespräch über alte deutsche Formulierungen, antisemitische Klischees und den Gaza-Konflikt. Im Online-Teil erklärt der 40-jährige Zürcher Schriftsteller, wie er die öffentliche Diskussion über den Nahostkonflikt wahrnimmt oder wo er zum Schreiben kommt.

Thomas Meyer, wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Roman im Preussen des 18. Jahrhunderts anzusiedeln?

Im Buch «Lexikon der Exzentriker» las ich ein Porträt über den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. und fand es lustig und interessant. Danach habe ich ein paar Kapitel verfasst, das Manuskript wieder weggelegt und meinen ersten Roman «Wolkenbruch» geschrieben.

Was war an diesem Porträt so lustig?

Amüsiert hat mich die Skurrilität des Königs. Er war richtig vernarrt in Riesen, hat sie gesammelt, wofür er Unsummen ausgab, und sie sogar malen lassen.

In den Dialogen haben Sie teilweise sehr alte Formulierungen und Schreibweisen verwendet. Wie sind Sie vorgegangen?

Ich las viele alte Texte und schöne Formulierungen wie «einen strengen Sinn gegen jemanden tragen». Im 18. Jahrhundert sprachen die Menschen ein anderes Deutsch als heute. Das fasziniert mich grundsätzlich. Und viele Begriffe habe ich im deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm gefunden. Es war eine harte Arbeit, das gesammelte Material zu prüfen, weil es damals keine verbindliche Rechtschreibung gab.

Friedrich Wilhelm I. war ein Antisemit. Wie verbreitet war diese Haltung im 18. Jahrhundert?

Er war sogar ein furchtbarer Antisemit. Die Haltung ist aber immer etwa gleich verbreitet – seit fast 3000 Jahren. Antisemitismus ist ein Evergreen der schlechten Geisteshaltungen. Als ich ein Kind war, gab es Rassismus gegen Tamilen und dann bald nicht mehr. Antisemitismus funktioniert hingegen immer.

«Ich war in der Schule ein Aussenseiter. Nicht weil ich jüdisch, sondern weil ich der Kleinste war.»
Wieso?

Weil es offenbar kein epochales, sondern ein menschliches Urbedürfnis befriedigt, eine Gruppe von Leuten negativ zu attribuieren. Man sagt uns Juden beispielsweise schlechte Charaktereigenschaften wie Raffgier nach, in der Überzeugung, dass diese vererbbar sind.

Ihr Vater ist reformiert, Ihre Mutter jüdisch. Wie religiös war Ihr Elternhaus? Sind Sie als Jude mit Antisemitismus konfrontiert worden?

Religion war nie ein Thema. Wenn ich Nächstenliebe geben möchte, brauche ich dazu kein System zu bemühen. Judenwitze musste ich mir zwar schon anhören. Ich habe nicht reagiert, weil ich als Kind schlicht nicht wusste, wie. Ich war in der Schule ein Aussenseiter.

Sie waren ein Aussenseiter?

Ja. Nicht, weil ich jüdisch bin, sondern weil ich der Kleinste und Schwächste war. Auch in Schulklassen gibt es ein kollektives Bedürfnis, auf jemandem herumzuhacken. Das war halt ich. Dabei war das Judentum aber nie ein Thema. Der Schweizer Antisemitismus ist in der Regel nicht aggressiv oder physisch. Er ist hintersinnig, fast schon politisch. Die Menschen hier tragen Klischees im Kopf und sind überzeugt, dass sie der Wahrheit entsprechen.

Was für Klischees?

«Ich habe mir schon gedacht, dass du jüdisch bist. Du hast so eine typische Nase». Oder: «Du bist jüdisch, also kannst du super mit Geld umgehen.» Das ist doch alles Bullshit. Ich fühle mich berufen, das richtigzustellen, zu erklären, dass das antisemitische Klischees sind. Überraschend ist dann die Reaktion der Gesprächspartner: Niemand will ein Antisemit sein, darum lässt sich niemand von meinen Argumenten überzeugen. Man will an den Klischees festhalten.

Was haben Sie für eine Erklärung dafür?

Man will nicht einer rassistischen Denkweise überführt werden. Wenn ich nach Beweisen frage, folgen absurde Argumente wie: «Es ist so.» Oder die Behauptung wird einfach wiederholt.

Hat sich das Verhalten der Mitmenschen mit dem erneuten Ausbruch des Gaza-Kriegs verschärft?

Nein. Eine Feindseligkeit habe ich nie erlebt. Mir sagte niemand «verdammter Saujude». Aber man sagt mir: «Was ihr da mit den Palästinensern macht, ist nicht in Ordnung.» Das ist die Schweizer Ausprägung. Man glaubt, man sei kein Antisemit, nur weil man niemandem ins Gesicht schlägt. Man spricht Antisemitismus den Nazis zu. Doch Antisemitismus ist auch eine Geisteshaltung. Seit 3000 Jahren werden die gleichen Klischees erzählt. Jeder übernimmt sie und erzählt sie weiter. Beim Nahostkonflikt kommt dazu, dass man immer von Juden redet, wenn es um Israel geht, als ob man einen weiteren Beweis für den schlechten Charakter der Juden gefunden hätte. Und dann kommt es zu hirnrissigen Vergleichen wie: «Was die Juden mit den Palästinensern machen, ist das Gleiche, wie was die Nazis mit den Juden gemacht haben.»

Welche Rolle spielt Gaza für Sie im Schweizer Alltag?

Mich macht der Konflikt betroffen wie jeder andere Konflikt auch, bei dem Menschen leiden. Nur stört es mich, dass ich die ganze Zeit Auskunft geben muss, obwohl ich die israelische Regierung nicht gewählt habe und nicht dort wohne. Klar, Israel ist auch für mich ein bisschen wie ein Zuhause, das mir in die Wiege gelegt wurde wie mein Name oder meine Haarfarbe. Auch wenn ich areligiös lebe, hat mich die Klagemauer in Jerusalem nicht völlig kalt gelassen. Ich vergleiche das mit der Fussball-WM: Auch wer gar nichts mit Fussball anfangen kann, interessiert sich trotzdem dafür, welche Teams in den Final kommen.

Aus Frankreich wandern immer mehr Juden nach Israel aus. Haben Sie je aufgrund negativer Erfahrungen je an eine Alija, eine Auswanderung, gedacht?

Nein. Wir haben in der Schweiz nicht so einen aggressiven Islamismus wie in Frankreich. Wenn man der Jugend Hoffnungen und Perspektiven gewährt, entsteht meiner Meinung nach auch nicht dieser unbändige Hass. Mir wäre es viel lieber, es wäre gar nicht nötig, so viel über Antisemitismus reden zu müssen.

Sich profilieren im Nahostkonflikt?

Thomas Meyer äussert sich differenziert zur Wahrnehmung des Nahostkonflikts in der Öffentlichkeit.

Im Online-Extra erklärt Meyer, weshalb der Nahostkonflikt bestens geeignet ist, sich als Beobachter fair und gut zu fühlen. Und weshalb ihn Café oder Bistro zum Schreiben animieren.

Für die meisten ist klar, wer schuld ist am Nahostkonflikt: Israel ist der Aggressor. Weshalb diese Parteinahme?
Es ist naheliegend, dass die Meinungen so gemacht werden, wenn die eine Seite zusammengebastelte Raketen schiesst, die kaum Schaden anrichten, während die andere Seite Kampfbomber einsetzt. Wenn man nichts über den Konflikt weiss und einzig die Opferzahlen vergleicht, dann entsteht dieser Eindruck. Das kann man niemandem übelnehmen. Es ist auch schwierig, objektiv über den Konflikt zu berichten, weil er so verfahren und komplex ist.

Wann geht Kritik an der israelischen Regierung in Antisemitismus über?
Schwierige Frage. Einerseits nie, andererseits sofort. Häufig heisst es: «Man wird wohl noch etwas gegen Israel sagen dürfen.» Die Frage ist jedoch, was das Motiv ist. Oft steckt dahinter eine Feindseligkeit, die mich mehr interessiert als der Inhalt. Ich habe noch nie eine fruchtbare Nahostkonfliktdiskussion erlebt. Es werden bloss gehässig Aspekte zusammenhanglos aneinandergereiht

Die Medien berichten überproportional über Israel, obwohl es beispielsweise in Afrika mehrere andere Konfliktherde gibt.
Ja, aber erstens sind die Medien wie Heuschrecken; sie grasen ein spannendes Thema ab und ziehen zum nächsten. Dann löst Gaza Syrien ab und Geri Müller Gaza. Zweitens interessiert Afrika kein Schwein. Und drittens bietet sich der Nahostkonflikt wegen seiner vermeintlichen Unausgewogenheit ideal dafür an, sich eine Meinung zu bilden, die einem das Gefühl gibt, ein fairer, guter Mensch zu sein. Man kann sich viel besser profilieren als beispielsweise anhand von Nigeria. Eine Verlockung, der auch die Medien nur schwer widerstehen können.

Zurück zu Ihrer Arbeit: Wo schreiben Sie Ihre Texte am liebsten? Tatsächlich im Café Sprüngli bei Jasmintee und Gebäck, wie es das Schweizer Fernsehen gezeigt hat?
Ja, und im NZZ Bistro beim Opernhaus in Zürich.

Lenken diese Orte nicht ab?
Nein, ich werde zu Hause viel mehr abgelenkt – von der Hausarbeit, meinem Bett, dem Kühlschrank oder meinem Sohn. Wenn er bei mir ist, kann ich kein Wort schreiben. Er schiebt mich immer vom Schreibtisch weg.

Auf Ihrer Website ist zu lesen, dass Sie keine weiteren Aufträge mehr annehmen können. Wie bezeichnen Sie sich selbst: als Texter oder Schriftsteller?
Ich habe mich jahrelang als Texter und Autor bezeichnet. Mit meinem Roman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» habe ich mir erlaubt, das umzukehren: Autor und Texter. Das Wort Schriftsteller wagte ich nicht. Doch mit der Zeit waren es die Medien, die mich Schriftsteller titelten. Mittlerweile fällt es mir leichter, mich als Schriftsteller zu bezeichnen. Als Texter arbeite ich immer noch für ein paar treue Kunden.

Zudem nehmen Sie in der Rubrik «Meyer rät» im «SonntagsBlick» Stellung zu Lebensfragen. Weshalb haben Sie sich dafür entschieden?
Weil es mir gefällt und mir die Arbeit entspricht. Ich finde die Aufgabenstellung reizvoll und auch das Format, auf 1800 Zeichen philosophische Probleme zu lösen.


Thomas Meyers neuester Roman «Rechnung über meine Dukaten» (im Salisverlag, 2014) ist eine Zeitreise zurück ins Jahr 1716. Der preussische König Friedrich Wilhelm I. ist sehr sparsam – und gibt das ganze Geld für die Armee aus – namentlich für seine Leibgarde aus lauter Riesen, die er schliesslich sogar züchten möchte.
Erhältlich bei Ex Libris für 23.90 Franken

 

Erschienen in MM-Ausgabe 36
1. September 2014

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Zürcher «Single Dad»

Thomas Meyer (40) lebt und arbeitet in Zürich als Schriftsteller. Er nennt sich «Single Dad», weil er Vater von Levi Max (2) ist, aber nicht mit dessen Mutter zusammenlebt. Nach einem abgebrochenen Jurastudium war er Texter in Werbeagenturen und als Reporter auf Redaktionen. 2007 machte er sich selbständig. «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» (Salis, 2012) war sein erster Roman und wurde zum Überraschungserfolg. Er wird im Sommer 2015 verfilmt.

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1 Kommentar

Barbara Serrat [Gast]

Geschrieben am
1. September 2014

Wie immer äussert sich Herr Meyer wohlüberlegt und in einer gut verständlichen Sprache auf hohem Niveau. Das schätze ich sehr, besonders weil heute auf allen Medien zu viel Leerlauf im Umlauf ist. Vielen Dank!

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