18. Juli 2016

Meister des freien Falls

Mit Saltos und Schrauben stürzen sich die Klippenspringer bei Ponte Brolla TI in die eiskalte Maggia. Ein Porträt des Thuners Andreas Hulliger, der bereits zwei Mal eine EM gewonnen hat.

Klippenspringer Andy Hulliger
Andy Hulliger verteidigt 2014 seinen Europameistertitel mit einem Sprung in die Maggia aus 22 Meter Höhe. (Bild: Keystone / Gabriele Putzu)

Es ist viel einfacher, von 20 Metern zu springen als von 10», sagt Andreas Hulliger (31). Einfacher? «Ja, denn von dieser Höhe hast du viel mehr Zeit für den Sprung.» Aber etwas Mut braucht es schon, auch für ihn: «Es ist jedes Mal eine Herausforderung zu springen», sagt der Thuner mit den muskulösen Oberarmen und einem Körper, der bis in die letzte Faser durchtrainiert ist. «Wenn du da oben stehst und runterschaust, sagt dir der Körper: Nein! Der Kopf sagt aber: Ja! Und dann springst du.»

Ein Sprung ins Leere, in den freien Fall. Zwei bis drei Sekunden lang. Dann trifft der Körper mit einer Geschwindigkeit von fast 80 Kilometer pro Stunde auf das Wasser auf. Pfeilschnell taucht er ein. Manche finden, es töne wie ein Pistolenknall. Andere sagen, wenn man perfekt eintauche, sei es so, als sauge einen das Wasser ein und man höre gar nichts und würde seidenfein abgebremst. Innerhalb von drei bis vier Metern auf Tempo null.

«Es wirken unglaubliche Kräfte auf dich ein – neunmal mehr als beim Sprung vom 10-Meter-Brett», erklärt Andy Hulliger. Angst hat er nie? «Oh doch!» ist seine überraschende Antwort. «Dann musst du die Courage haben, dir zu sagen, dass es nicht dein Tag ist.» Die Wasseroberfläche verzeiht keinen Fehler. Jeder Springer – und Klippenspringer gibt es weltweit nur etwa 300 – kennt Prellungen, Einläufe, Quetschungen, blaue Flecken und gestauchte Wirbel oder gar Schleudertraumata. «Du musst den Sport beherrschen, sonst springst du besser nicht.»

Als Kind hat Andreas Hulliger mit Kunstturnen angefangen, als 14-Jähriger mit Turmspringen, und mit 16 hat er sich in Ponte Brolla erstmals von einer Klippe gewagt – von zehn Metern. Er sah, wie sich die älteren Springer von der doppelt so hohen Felsplattform wagten. «Ich dachte nur: Das will ich auch», erinnert er sich. Schritt für Schritt gings im Training auf 20 Meter rauf. Trotz Höhenangst.

Die kleine Familie der Highdiver

«Das Schwierigste beim Klippenspringen ist nicht die Höhe, sondern das Eintauchen», sagt der Thuner. «Du musst den Sprung umlernen. Vom Turm tauchst du in der Regel kopfvoran ein. Springst du höher, geht es mit den Füssen voran ins Wasser.» Am liebsten mag Andy Hulliger einfache Sprünge: «Da kann ich die Flugphase voll geniessen, man fliegt eine gefühlte Ewigkeit.»

Das Klippenspringer-Fieber hat ihn nicht mehr losgelassen. Zweimal wurde er bereits Europameister, dreimal hat er an Weltcups teilgenommen. Er hat sich an den unglaublichsten Orten ins Wasser gewagt. Auf den Azoren von überhängenden Klippen, auf den Philippinen, in Thailand, Italien, Tschechien, Russland, China. Doch am liebsten springt er im Tessin, in Ponte Brolla, an diesem unglaublich wilden, schönen Ort, wo sich die Maggia tief in den Stein gefressen hat und sich die Felsen längs des Wassers windend auftürmen. «Die Natur ist schlicht überwältigend.»

Seit mehr als 20 Jahren springen hier die furchtlosen Highdiver, und auch dieses Jahr findet die Meisterschaft der World High Diving Federation (WHDF) im Tessin statt. Hier wurde Andy Hulliger 2012 und 2013 Europameister. Auch dieses Jahr misst er sich mit Gleichgesinnten. Vor vier Jahren hat er mit seiner Freundin Stefanie Linder (30) die Organisation des Anlasses übernommen. Die Klippenspringer von Ponte Brolla sind eine kleine, eingeschworene Truppe. Diesen Juli sind es 25 Teilnehmer, darunter vier Frauen. Auch wenn die Szene von Jahr zu Jahr wächst, das Niveau stets höher wird, die Konkurrenz härter – das freundschaftliche Gemeinschaftsgefühl ist geblieben: «Wir sind wie eine grosse Familie, jeder kennt jeden.»

Der Älteste ist 69, der Furchtloseste 27

Statt sich aus Konkurrenzdenken abzuschotten, trainieren die Teilnehmer vor dem Wettkampf eine Woche lang gemeinsam. Ort und Anlass sind nichts für die grosse Masse, so wird es auch bleiben: «Es hat nichts hier. Keine Infrastruktur, kaum Parkplätze, keine geteerten Zugangswege.» Mit dem Auto anzufahren, kann man vergessen. Die Zuschauer nehmen irgendwo auf den Felsen Platz. Maximal 400 Leute kann der Ort fassen.

Dieses Jahr sind sieben Schweizer am Start. Mit dabei sind auch Andy Marchetti (44), Europameister im Klippenspringen und Thaiboxen, Peter Roseney, der mit 69 Jahren den Altersrekord hält, und der abenteuerlustige, furchtlose Zürcher Lazaro Schaller (27). Dieser hat im vergangenen August einen Weltrekord aufgestellt: Er ist im Tessin von 58,8 Metern in ein Naturbecken gesprungen. Vier Jahre lang hat er sich auf den Sprung vorbereitet.

Trotz aller Professionalität, vom Highdiven kann keiner leben. Die Wettkämpfe werfen zwar ein kleines Preisgeld ab. Wer vom Springen leben will, arbeitet in touristischen Shows irgendwo auf der Welt. Viel Gage gibt es dafür nirgendwo. Andy Hulliger verdient seinen Lebensunterhalt als Maschinenbautechniker in Steffisburg BE. Im Winter trainierte er in Oerlikon ZH, wo sich das einzige Schweizer Hallenbad mit Zehnmeter-Indoor-Springturm befindet, im Sommer in der österreichischen «Area 47», einem Outdoorpark, wo man bis zu 27 Meter hohe Sprünge in einen Baggersee üben kann. Oder dann draussen: im Tessin, am Urnersee, im Thuner «Strämu».

«Es ist ein einmaliges Gefühl von Freiheit beim Springen», sagt er. «Und ich habe die Freiheit, auf niemanden sonst angewiesen zu sein als auf mich selbst.» Die Badehose, ein hoher Fels, genug tiefes Wasser und etwas Mut. Das ist alles, was Andy Hulliger braucht.

DIE WICHTIGSTEN SCHWEIZER SPRINGER

Peter Roseney (69), Altmeister und Kopfspringer
Mäge Frei (53), «gemütlicher Geniesser»
Andrea Marchetti (44), abenteuerlustiger Thaiboxer
Andy Hulliger (31), vorsichtiger Organisator
Lazaro Schaller (28), risikofreudiger Weltrekordhalter
Martin Bollier (22), Jungspund (zum 2. Mal in Ponte Brolla)
Jan Wermelinger (18), Turmspringjunioren-Weltmeister, in Ponte Brolla Neuling

DER WELTVERBAND
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