27. Juli 2017

Meine ururalte Mutter

Bänz Friedli stellt sich die eine oder andere Frage. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen.

Fussballstadion De Adelaarshorst im Holland
«Vielleicht sieht man sich im Stadion.»

Er werde mit seinem Sohn auch nach Holland fahren, schrieb ein Leser mir, nachdem ich hier vor einigen Wochen verraten hatte, ich würde die Fussball-EM der Frauen besuchen. Ich mailte dem Unbekannten, wie es sich gehört, freundlich zurück und schloss, ohne mir gross etwas dabei zu denken, mit dem Satz: «Vielleicht sieht man sich im Stadion.» Aber wie auch? An einem Ort mit vielen Tausend Zuschauern? Das hätte ja ein Riesenzufall sein müssen. Ich begebe mich also im Stadion De Adelaarshorst auf den Platz, den ich mir vor Monaten im Internet gesichert habe: Sektor 14, Reihe 5a, Sitz 4. Und neben mir, auf Schalensitz Nummer 5, sitzt – wie sich dann herausstellt – besagter Dani. Riesenzufall.

Wie ist so etwas möglich?, frage ich mich. Wie ich mir überhaupt tagein, tagaus Fragen stelle. Zum Beispiel: Warum verbrüdern sich Nationalisten aller Nationen? Wo die doch alle nur die eigene Nation im Sinn haben? Ist das nicht ein Widerspruch? Wenn ein Schweizer Nationalist aus dem Wallis nach Ostdeutschland reist, um sich dort mit Nationalisten aus Russland, Polen, Italien zu treffen? Und warum heisst der Busbahnhof nicht einfach Bushof? Wo dort doch keine Bahn fährt. Ein Hafen heisst ja auch nicht Schiffsbahnhof. Warum wir bei der Durchsage «Achtung vor Taschendieben!» zur Kontrolle stets verlässlich dorthin greifen, wo wir unsere Wertgegenstände aufbewahren, und damit den Taschendieben das Handwerk erleichtern, weil: Sie wissen dann ganz genau, wo unser Portemonnaie sitzt. Solche Dinge frage ich mich.

Warum ich in Tram und Bus eigentlich kaum je aus dem Fenster schaue, aber wehe, wenn die Scheiben des Gefährts verklebt sind, von der Werbung für eine Versicherung, einen Autovermieter, ein Opernfestival – dann ärgere ich mich grün, weil mir der freie Blick verwehrt ist. Und ob es zu viel verlangt wäre von der Swisscom-Mitarbeiterin, kurz nachzudenken, ehe sie mir die Frage stellt: «Das Geburtsdatum Ihrer Mutter ist 1. Januar 1900, richtig?» Vor einigen Wochen wars, ich hatte angerufen, weil ich für meine Mutter das komplizierte Kleingedruckte im Zusammenhang mit einem Wohnungswechsel erledigen wollte. Behauptet diese Frau am Telefon also, meine Mutter sei am 1. Januar 1900 zur Welt gekommen.

Kleine Frage: Findest du es frech, dass ich besagter Callcenter-Mitarbeiterin zur Antwort gegeben habe: «Überlegen Sie mal!»? Wenn das Datum stimmte, das der Computer offenbar als Leerstelle angab, wäre meine liebe Mutter einhundertsiebzehneinhalbjährig. Die älteste Schweizerin, Nina Hofer, starb 2015, kurz vor ihrem 111. Geburtstag. Woran? Frag mich nicht.

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