26. August 2019

Meine Mona Lisa

Bänz Friedli (54) geht lieber ins Designmuseum als in den Louvre. Hier kannst du dich mit dem Kolumnisten und seinen Leser*innen austauschen und findest die vom Autor gelesene Hörkolumne.

Musée des Arts Décoratifs
Im Musée des Arts Décoratifs in Paris begegnet Bänz Friedli einer Mona Lisa der anderen Art.

Nicht einmal einen Steinwurf liegt es vom Louvre entfernt, das Musée des Arts décoratifs, kurz «MAD», es befindet sich sogar im selben Gebäudekomplex. Aber es ist: leer. Selbst an diesem Sommertag, da es in Paris von Touristinnen und Touristen nur so wimmelt. Nebenan, im meistbesuchten Museum der Welt, werde man im Eiltempo durch die Gänge geschleust, habe ich gelesen. Täglich wollen 40 000 Personen das berühmteste Gemälde der Geschichte sehen, die Mona Lisa. Stehen bleiben? Kontemplatives Betrachten? Vergessen Sie es! Schon nach zwei Sekunden würden Ordnungskräfte einen weiterschubsen, heisst es. Nur: Wer wollte sich über den «Overtourism» beklagen, wenn er selber ein Teil davon ist?

Spontan entschlossen wir uns zum Besuch des «MAD» mit seinen Möbeln, Vasen und Alltagsgegenständen. Hier sind die Wachleute nicht über-, sondern unterbeschäftigt. Pro Stunde tauchen vielleicht vier Menschen in den Ausstellungssälen auf, da gibts nicht viel zu beaufsichtigen. Und es ist verständlich, dass die Frau mittleren Alters, die eine Jugendstilbadewanne bewachen sollte, auf ihrem Stuhl eingenickt ist. Auch der hagere Alte im nächsten Raum kämpft mit dem Schlaf. Bloss eine Aufseherin, eine beflissene Bebrillte im Pensionsalter, ist hellwach und drängt uns ihr Fachwissen über Kunststofftische aus den 1970er-Jahren auf. Merci, Madame! So genau wollten wir es nicht wissen.

Aber da! Bei den Designermöbeln, da sitzt sie, die junge Frau. Sie sitzt einfach da mit ihrem langen braunen Haar, dem blassen Teint und einem beinahe entrückten Lächeln. Sitzt mit geradem Rücken da, offenbar in Meditation versunken. Etwas Erhabenes hat ihre Erscheinung. Keiner würde sich in ihrer Gegenwart auf den berühmten Lounge Chair von Charles und Ray Eames flegeln. Allein ihre noble Anwesenheit gebietet Respekt, nur schon ihr stilles Da-Sein sagt: Dies ist kein Wohnzimmer, sondern ein Museum. Man getraut sich nur zu flüstern, will die Geheimnisvolle in ihrer Versunkenheit nicht stören.

Die meisten der ausgestellten Stühle kannte ich schon, ihr aber schaut man gerne zu. Reines Zen! Bestimmt gewinnt sie dabei tiefe Einsichten über das Leben und die Vergänglichkeit. Und bekommt noch Geld dafür! «Welch schöner Job», hauche ich. Worauf die Sanfte ihre Lippen einen Spalt breit öffnet. Gleich sagt sie etwas zutiefst Philosophisches, denke ich. Gleich teilt sie mit mir eine Weisheit, die über Stunden, vielleicht Tage gereift ist. Aber sie sagt nur: «Stinklangweilig. Und scheisse bezahlt.» Schon hatte ich sie zur Mona Lisa verklärt – doch sie ist ganz normal. Kurz stutze ich. Und dann müssen wir beide schallend lachen. 

Die Hörkolumne (MP3)

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