28. Oktober 2019

Meine Fahrt mit Loriot

Bänz Friedli (54) hat eine Reise gemacht. Und sich dabei bestens unterhalten.

Interrail-Ticket
Kolumnist Bänz Friedli war mit dem Zug unterwegs.

«Dann haben Sie wieder etwas zu schreiben!» Wie oft habe ich den Satz gehört? Jeder, der mir ein Paar Wanderschuhe verkauft, jede, die ich in einem Seilpark bei Interlaken kennenlerne, alle denken sie, das lande bestimmt im «Migros-Blättli». Zwar lässt sich der Mann am Bahnschalter zunächst nichts anmerken, zuletzt aber raunt er verschwörerisch: «Dänn händ Sii dänn wieder öppis zum Schriibe, gälled Sii, Herr Friedli?» – «Bestimmt!», antworte ich freundlich wie stets. Und denke mir, nein, nicht jedes Erlebnis ergibt eine Kolumne, manchmal will man einfach nur ausspannen. In den Herbstferien, zum Beispiel.

Gut, ich hätte erzählen können, dass ich zum ersten Mal im Leben ein Interrail gelöst habe. Die Flugscham, längst fällige Besuche in Deutschland und Frankreich, alles kam zusammen. Aber darüber gleich berichten? Nein. Entspannt bin ich unterwegs, im Ruheabteil. Sechs Plätze, doch wir sind nur zu zweit, ich und der Typ, der eine Zeitschrift liest – etwa mein Alter, Fünftagebart, sportlich gekleidet. Eben haben wir Bremen verlassen. «Im Namen der Deutschen Bahn heisse ich Sie willkommen», ertönt die Durchsage, «sprechen Sie mich und mein Team gern an, mein Name: Erwin Lindemann.» Worauf mein Mitreisender in schallendes Gelächter ausbricht: «Ham Sie den gehört?» Er kugelt sich. «Und wo ist der Lottogewinn?»

Ich verstehe Bahnhof. Er: «Kennen Sie Loriot nicht?» Doch, sehr wohl würde ich den legendären Humoristen kennen, mir sei auch aufgefallen, wie sehr er in Bremen verehrt werde, weil er für den dortigen Rundfunk tätig war. Aber den Sketch vom Lottogewinner hatte ich nicht präsent. Ein Rentner soll für die Abendnachrichten in die Kamera sagen, dass er Erwin Lindemann heisse und 500 000 DM gewonnen habe. Daher das Amüsement: Unser Zugbegleiter heisst wie die Loriot-Figur. Der Lotto-Lindemann verhaspelt sich mit jeder Aufnahme mehr. «Ich heisse Erwin Lottomann, nee …», bis er schliesslich japst: «… und im Herbst eröffnet der Papst mit meiner Tochter eine Herrenboutique in Wuppertal.»

Wir geraten ins Schwärmen: Wie dadaistisch Loriot war, wie politisch! Und doch volkstümlich. Man habe monatelang auf seine Sendung gewartet, anderntags sei sie in der Schule Tagesgespräch gewesen, berichtet der Mitpassagier. Da meldet Zugchef Lindemann: «Aufgrund eines Unfalls erreichen wir Verden an der Aller mit einer Verspätung von 53 Minuten.» Mir egal. Ich habe Zeit, und ich werde bestens unterhalten: Bis Hannover spielt mein neuer Bekannter mir alle erdenklichen Loriot-Nummern vor, er kennt sie alle auswendig. Vielleicht gibt das doch eine Kolumne?

Die Hörkolumne (MP3)

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