30. Juni 2017

Mein Freund, der Roboter

Science Fiction, die «Fiktion der Wissenschaft» in Hollywoodfilmen, wird immer mehr Realität. Längst gibt es Roboter, die mit den Menschen in Kontakt treten und für sie Aufgaben übernehmen. Wie funktioniert das? Bei einem Besuch im Einkaufszentrum Glatt in Wallisellen ZH können Kunden das herausfinden.

Pepper verschenkt Rosen
Der Pepper verschenkt Rosen und soll die Besucherin bald auch durch das Einkaufszentrum führen können.

Reglos, mit hängendem Kopf warten die sechs Kinder auf ihr Mami. Erst durch Knopfdruck kann dieses ­ihren Schützlingen Leben ein­hauchen: Die sechs heissen Pepper und sind Roboter – aus weissem Kunststoff, mit grossen Kulleraugen und freundlichem Gesichtsausdruck. Die Augen beginnen zu leuchten, und die hüfthohen Kerle recken und strecken sich – wie auch wir das nach dem Aufwachen tun. Nach wenigen Augenblicken sind sie bereit, um sich den Kunden im Einkaufszentrum Glatt zu präsentieren.

Im neu errichteten Tech Lab können die Besucher die Peppers kennenlernen und so mehr über das Thema Robotik erfahren. Dieses löst zum Teil noch Skepsis aus: Aus Hollywoodfilmen kennen wir Welten, in denen Roboter die Menschheit bekämpfen. Und auch im Arbeitsmarkt sind sie eine vermeintliche Bedrohung. Dann nämlich, wenn sie Arbeiten besser und schneller erledigen als Menschen. Tatsächlich sollen die Roboter aber kein Ersatz, sondern viel- mehr Hilfe im Alltag sein. So werden etwa selbstfahrende Päckliroboter und Autos getestet, Medizinroboter unterstützen bei Operationen und helfen, ältere Menschen vom Bett in den Rollstuhl zu heben.

Technisch ist es bereits möglich, menschenähnliche Roboter herzustellen: Diese können sprechen und sich an Gespräche erinnern, weil sie mit riesigen Datenservern verbunden sind. Sie können auch mittels sensibler Kamerasensoren Mimik und Gestik imitieren. Weil diese Art Roboter noch teuer ist, forschen die Entwickler nun nach preiswerteren Methoden, damit die Roboter alltagstauglich werden. Die Forschungsrichtungen gehen weit auseinander. So ist ein Roboter, der in der Kantine Chicken Nuggets serviert, eher eine Spielerei. Ein Anzug hingegen, dank dem Querschnittgelähmte wieder laufen können, bedeutet neues Leben. Beides ist bereits heute möglich.

Noch sind die Fähigkeiten der Roboter im Zentrum Glatt begrenzt. «Der Aufwand ist relativ hoch, weil diese Art Roboter noch nicht auf Deutsch programmiert wurde», erklärt Roboter-Mami Lisa-Marie Löffler, die im Glatt für Marketing und Kommunikation zuständig ist. Programmiert werden die Roboter von der Firma Avatarion, diese nutzt dazu die Programmiersprache Python. Soll der Roboter zum Beispiel tanzen, müssen die Programmierer verschiedene Elemente beachten: Zu welcher Musik soll das passieren? Was macht der linke Arm, während der rechte oben bleibt und der Roboter gleichzeitig nach links und rechts hin- und herfährt? Alle Elemente müssen dann separat programmiert und koordiniert werden.

High-five mit dem Roboter

Pünktlich zur Vorführstunde drücken Kinder ihre Nasen an die Glaswände des Tech Lab. Gespannt beobachten sie die sechs Peppers beim Aufwachen und warten darauf, zu ihnen zu dürfen. Nach einer kurzen Vorführung wird es ernst. Alle Roboter sind schnell umzingelt. «Braucht hier jemand eine Umarmung?», fragt ein Pepper. Ein Junge nähert sich zögerlich und wird sogleich mechanisch umarmt. Er ist verblüfft und muss schliesslich lachen. «So cool Mami, er hat mich umarmt!»

Sogenannte soziale Roboter, die mit den Menschen in Kontakt stehen und diese unmittelbar unterstützen, wird es in Zukunft vermehrt geben. Noch ähneln aber viele Prototypen eher einem Terminator. Darum hat die École polytechnique fédérale in Lausanne (EPF) ein Labor gegründet, wo keine klobigen Roboter erforscht werden, sondern sanfte und weiche. Solche könnten auch als Prothesen verwendet werden oder als Kraftunterstützung helfen.

So berichtete das Migros-Magazin über das Roboter-Mami

Ausgabe vom 20. Juni 2016

Inzwischen läuft die Vorführstunde im Glattzentrum auf Hochtouren. Nun soll der programmierte Tanz vorgeführt werden – das Highlight. Auf die Frage: «Kannst du tanzen?» antwortet der Pepper: «Na klar!» und bringt sich in Position. Dann legt er zum Lied «Gangnam Style» los, fährt nach links und rechts, lässt dabei die Arme kreisen, die Augen leuchten – und nicht nur seine, auch die der Kinder, die sofort in die bekannte Choreografie einsteigen.

Daneben hat ein anderer Roboter Probleme. Ein Kind möchte fragen, wie es ihm geht. Weil es aber nicht deutlich genug gesprochen hat, versteht Pepper nichts. Ein häufiges Problem: «Die Peppers können nur reagieren, wenn die Wortabfolge gemäss Programmierung eingehalten wird», sagt Löffler. Einige Kunden hätten am Anfang Berührungsängste, weil sie an selbstdenkende Hollywood-Roboter dächten. «Von der künstlichen Intelligenz sind unsere Roboter aber noch weit entfernt. Alles, was sie können, wurde von Menschen programmiert.» Das können auch witzige Sätze sein: «Ich mag meinen Elektrosaft geschüttelt, nicht gerührt», sagt ein Pepper in Anspielung auf 007 und fordert als nächstes ein High-five von einer Besucherin.

Laufend werden die Kenntnisse der Peppers erweitert, damit sie bis zum Ende des Jahres zu mobilen Anzeigetafeln werden. Sie sollen den Kunden Fragen beantworten und sie auf ihrem Weg durch das Glatt begleiten. Das geht schon jetzt – allerdings gemächlich: Auf ein «Folge mir!» streckt der Pepper die Hand aus und macht sich mit seiner Begleitung gemütlich auf den Weg durchs Einkaufszentrum.

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