18. August 2014

Mein Leben mit Ritalin

Sie werden als «Träumer» oder «Zappelphilipp» verspottet und möchten doch gern so sein wie die andern: aufmerksam und konzentriert in Schule oder Beruf. Doch Mike und Lionel haben ADHS. Sie erzählen, wie sie dank Medikamenten das Leben besser meistern.

ADHS-ler Mike
Mike mit seinem Jonglierstab, mit dem er sich abreagiert, wenn er wirklich genervt ist.

Fachleute sind sich einig: Die Ursachen sind überwiegend neurobiologischer Art, und es gibt nicht mehr AD(H)S-ler als früher – Betroffene fallen einfach mehr auf, da viele schulische und gesellschaftliche Anforderungen sich zu ihren Ungunsten verändert haben: mehr Teamarbeit, vermehrt freie Unterrichts- und Arbeitsformen, bei denen AD(H)S-lern klare Strukturen zur Orientierung fehlen. Dazu kommt ein gestiegener Leistungsdruck.

Und mehr Druck spornt Betroffene nicht zu Höchstleistungen an, sie verlieren eher die Kontrolle. «Mit mehr Toleranz und klaren Richtlinien in unserer Leistungsgesellschaft hätten wir weniger Probleme mit AD(H)S», bestätigt Regina Renggli-Bruder, Heilpädagogin und Psychologin. «Man muss sehen: Die Betroffenen selber haben kaum ein Problem, sie sind glücklich. Probleme gibt es meist im Zusammenspiel mit dem Umfeld – in Gesellschaft, in der Schule, daheim und mit ihrer Altersgruppe.»

Das Umfeld kann deshalb mit mehr Toleranz, klareren Strukturen und geringeren Anforderungen unterstützen. Doch je nach Schweregrad reicht das allein nicht, und die Kinder und Jugendlichen brauchen medizinische Unterstützung.

So wie der Informatiklehrling Mike* mit seiner ADS-Diagnose und der Schüler Lionel*, der an ADHS leidet. Beide nehmen Medikamente mit dem Wirkstoff Methylphenidat, die unter dem Namen Ritalin und Concerta gegen Rezept erhältlich sind. Sie erzählen dem Migros-Magazin, warum sie das Medikament nehmen und wie sich ihr Alltag verbessert hat.

* Namen der Redaktion bekannt

Mike hat eine ADS-Diagnose seit dem Kindergarten. Mit Medikamenten lebt er besser.

ADHS-ler Mike
ADHS-ler Mike

Ritalinjunkie!», schrie ihn sein Mitschüler in der ersten Oberstufe an. Mike* flippte aus und ging auf ihn los. «Ich empfand das als Beleidigung: Ich nahm Ritalin, um angenehmer für meine Mitmenschen zu sein – sozusagen ein sozialer Akt», erklärt er.

Diese impulsive Ader macht ihm noch heute zu schaffen. Hat er mühsame Kunden am Telefon, muss sich der 19-jährige Informatiklehrling zusammenreissen, um nicht ausfällig zu werden. Dann spielt er mit seinem Jonglierstab, den er immer dabeihat. Das «Näggele» hilft ihm «runterzukommen», sich zu beruhigen. Medikamente helfen ihm, dämpfen seine Wahrnehmung – ohne sie fühlt er sich schneller provoziert. Die Grenze zwischen Berührung und Schlag ist bei ihm woanders.

Dieses Distanzverständnis war die Grundlage fürs Mobbing in der Primar­schule: Mitschüler provozierten, Mike rastete aus. «Er kam jeweils supergeladen zu Hause an», so der Vater. Da half weder Ergotherapie noch Spieltherapie, Mikes niedrige Frustra­tions­toleranz blieb tief, genauso wie sein Selbstwertgefühl.

Mike selbst erinnert sich aus dieser Zeit nur an seine schlechten Leistungen: Schreiben – die Feinmotorik – war immer ein Thema, genauso sein Sozialverhalten. Und ständig hiess es: Er strenge sich nicht an, sei faul und langsam. In der zweiten Primarschule wechselte er die Klasse, das half – bis er in der vierten wieder auf ehemalige Mitschüler traf: «Eines Tages kam er von der Schule heim», erinnert sich seine Mutter, «und sagte: ‹Ich will nicht mehr in die Schule, ich will nicht mehr leben.›» Die Eltern – damals Ritalingegner – erkämpften einen Schulwechsel und starteten mit der Medika­tion, denn die Diagnose ADS stand schon seit dem Kindergarten fest. «Ritalin war ein Problem», sagt Mike. «Ich hatte das Gefühl, ich sei voll behindert ohne.» Er wechselte auf Concerta, ein Medikament mit dem gleichen Wirkstoff, aber längerer Wirkungsdauer: Es machte ihn fit und umschloss seine Emotionen wie ein Schutzschild. «Damit hatte ich mich besser im Griff.» Zusätzlich ging er in die Craniosacraltherapie und versuchte Homöopathie.

Mikes Selbstwertgefühl hing an der Tablette

In der Sek erhielt er ein Stehpult für seinen Bewegungsdrang. Doch in der neuen Klasse verlor er die eben gewonnene soziale Stabilität. Concerta wurde zu «einer Lösung für alles. Sobald ich abgemacht hatte, nahm ich eins, weil ich das Gefühl hatte, ich sei sonst unzumutbar für die andern.» Sein Selbstwert­gefühl hing anfangs an der Tablette, später konnte er Freundschaften schliessen, die bis heute halten, und Hobbys pflegen. Kampfsport blieb nicht von Dauer, dafür lebt er sich seither als DJ aus.

Das starke Schwitzen mit Concerta sowie die Hypersensibilität nach Wirkungsstopp störten ihn, deshalb versuchte er es im dritten Lehrjahr ohne – und kompensierte mit Kiffen: Auch das packt seine Emotionen in Watte. Nach einem halben Jahr stand er unter Leistungsdruck wegen feinmotorischer Schwäche und Langsamkeit. Seither hat er Dexamphetamin für den «Notfall» und benutzt es nach Bedarf. «Es wirkt stärker, macht wacher, ist nicht so appetithemmend wie Ritalin und Co., fährt nicht auf einen Schlag ein und aus.»

Natürlich hätte er lieber kein ADS, doch er ist froh um die Diagnose. Er wehrt sich lediglich gegen eine Etikettierung: «Ich bin einfach anders als die anderen.»

Bei Lionel sind die Gedanken den Bewegungen oft voraus.

Fussball ist Lionels Leidenschaft. Dank dem Sport und den Medikamenten geht es ihm viel besser.
Fussball ist Lionels Leidenschaft. Dank dem Sport und den Medikamenten geht es ihm viel besser.

Der Spruch von seinem Mami «Chum go s Ritalin neh» nervt Lionel* (11) – aber nur an schlechten Tagen, denn grundsätzlich findet er es gut. Er weiss auch, warum er die weisse Tablette nimmt: «Wegen der Konzentration. Trotzdem habe ich immer mehr Blödsinn im Kopf als andere.» Einiges davon erzählt er während des Schlagzeugspielens: Dabei koordiniert sein Hirn Hände und Füsse in vier verschiedenen Rhythmen. Motorisch eine Leistung, ein super Trainingsinstrument für ADHS-Kinder. Kaum zu glauben, dass das derselbe Junge sein soll, der – so die Mutter – «nie am Tisch sass» und bei dem nur schon Legos und Autos aussortieren «Horror» war.

Überall, wo Lionel auftauchte, gingen Gläser kaputt

Aufgefallen ist Lionels Bewegungsdrang schon früh: Als Baby drehte er sich ständig im Wagen, auf dem Rücken wollte er nie liegen, und mit knapp fünf Monaten stand er auf. Dann der Kindergarten: Während andere Kinder aufmerksam einer Geschichte lauschten, rutschte er auf dem Stuhl herum, stand auf und schien nicht bei der Sache zu sein. Doch: Detailfragen konnte er als Einziger beantworten. Ein Psychomotoriktest zeigte, dass die Ursache für sein ungenaues Arbeiten nicht in der Motorik liegt, sondern in seinen Gedanken: Die sind schon Schritte weiter als seine Hand, die gerade einen Kreis ausschneidet.

Doch der Kindergarten war nicht der Brennpunkt: «Zu Hause hatte ich mehr Probleme», gibt Lionel zu. «Ich habe nicht gehorcht, konnte mich nicht kontrollieren.» Unterwegs sein war schwierig: Lionel stürmte rum, stiess in andere Leute. «Überall, wo ich mit ihm auftauchte, gingen Gläser kaputt», so die Mutter. Mal zog Lionel ein Tischset mit Essen auf den Boden: «Ich wollte einfach sehen, was passiert.» Die Mutter sagt: «Ich war recht unter Druck, dass mein Kind so auffällt.»

Einmal, nach einem Streit, sass sie weinend im Zimmer. Lionel kam fröhlich rein und fragte: Ob sie mit ihm spiele? Zwischenmenschliches spürte er nicht – genauso wenig wie sich selbst. Auf Kommunikation konnte er selten eingehen, «nur Austoben war super». Wegen seines Bewegungsdrangs und der körperlichen Überlegenheit hatte er wenig Sozialkontakte, war eher ein Aussenseiter. Als die Diagnose ADHS stand, probierten sie Homöopathie, Omega-3-Fettsäuren, zuckerfreie Nahrung, Kinesiologie – nichts half.

Mit dem Schulanfang trug Lionel sein Verhalten in die erste Klasse. Er erinnert sich: «Es fühlte sich an, als würde ich alles richtig machen, aber die Lehrerin schimpfte immer noch.» Die Mutter versuchte diverse Erziehungsformen – alles vergebens. Sie machte sich ständig Vorwürfe, obwohl sie weiss: «Ich habe ihm immer klare Grenzen gesetzt.» Die Bindung zu Lionel litt extrem, sie hatten viel Streit, bis er sagte: «Weisch, ich wett ja schoo, aber ich cha nöd. Wieso läb ich dänn überhaupt?» Ein Schock. Die Mutter handelte, und sie starteten Ende erster Klasse mit Ritalin.

In der Schule lief es super, denn genau so lange wirkte die Tablette, die Lionel morgens und nachmittags nahm. Doch daheim – in der Zeit dazwischen und danach – änderte sich nichts.

Nach einem Jahr war klar: Er braucht etwas, das den ganzen Tag wirkt. Seither nimmt Lionel Concerta und ist «froh, dass es nun besser geht». Gleichzeitig startete er mit Fussball – bis heute seine Leidenschaft. Fixe Strukturen sowie die körperliche Betätigung unterstützen die Medikation, das Zusammenspiel erzielt diesen positiven Effekt.

Die Mutter nervt sich, wenn andere das ignorieren und alles auf das Ritalin schieben. Wie die Lehrerin, die zu Beginn der vierten Klasse wissen wollte, ob Lionel richtig eingestellt sei. «Dabei ist ja klar, dass er in einer neuen Klassenzusammensetzung erst mal Mühe hat», so die Mutter. Klare Strukturen dienen der Orientierung, zu starke Grenzen erzeugen Druck – eine Gratwanderung, die Mutter und Sohn täglich neu begehen.

Bilder: Herbert Zimmermann

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