24. Juni 2019

Mein eigener Marathon

Bänz Friedli (54) verläuft sich gern. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser*innen austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Möchte den Irrweg nicht missen.
In Turnschuhen Städte entdecken und dabei viel sehen und erleben

Einst rannte ich aus Versehen den Boston-Marathon. Also, nicht den offiziellen und vermutlich auch nicht volle 42,2 Kilometer, aber ich lief lang genug, bestimmt viereinhalb Stunden. Denn ich war beim Joggen vom Weg abgekommen, und je mehr ich suchte, desto mehr verlor ich mich in der fremden Stadt. An Werften und Hafenkränen, an Baseballfeldern, Glitzertürmen und Industriebrachen trabte ich vorbei, erklomm Villenhügel, passierte Hütten, so schäbig, dass man kaum glauben mag, dass darin Menschen leben. Was blieb mir anderes, als weiterzurennen? Ich hatte kein Smartphone, das mir den Weg gewiesen hätte, keinen einzigen Dollar im Sack, nichts, nicht mal meine Brille dabei, derer es bedurft hätte, um einen Stadtplan zu lesen. Ohnehin hatte es mich längst in Aussenbezirke verschlagen, in denen keine Stadtpläne mehr aushängen.

Wie ich das mag! Draufloszulaufen und mir Städte gleichsam streunend zu erschliessen. Mich treiben zu lassen, mit nichts auf mir, losgelöst. Rom, Aachen, Seattle, Kopenhagen – wie oft war ich schon so unterwegs! «Sag mal, spinnst du, durchs berüchtigte Ghetto zu joggen? Viel zu gefährlich!», befanden Freunde in New Orleans. Doch was sollten die Menschen jenes Viertels mir denn nehmen? Ich hatte ja nichts bei mir, ausser vielleicht meinen Laufschuhen. Und die waren so abgewetzt, die wollte keiner. Nie stiess mir etwas zu.

Wundersame Schönheiten einer Stadt lassen sich joggend entdecken, schreiende Ungerechtigkeit zeigt sich. Und du schämst dich deines Wohlstands, wenn du in San Diego frühmorgens alle paar Meter über einen Obdachlosen hüpfen musst, der quer auf dem Trottoir liegt, mit einem Karton zugedeckt, in eine Decke gehüllt. «We are a nation of winners», verkündet der amerikanische Präsident gleichentags am Fernsehen, und man möchte ihm zurufen: Ich habe viele Verlierer gesehen!

Unlängst, in Paris: die chinesische Marktfrau, die ihre Riesencrevetten anpreist, das Kilo à 8,50 Euro; aber weshalb tut sie es auf Italienisch? Wortfetzen, Bilder. Das Pärchen, turtelnd, Händchen haltend, frisch verliebt – beide weisshaarig, beide weit über siebzig. Das Mädchen, das im Park frischen Lavendel feilbietet. Geschichten fliegen vorbei, tausend mögliche Anfänge, tausend Enden. Der Koreaner, der sieben Hunde an der Leine spazieren führt. Die beiden jungen Frauen, die sich ungestüm küssen und offenbar gerade ihr Glück gefunden haben, und sei es nur für diesen Tag.

In Boston? Kam mir nach Stunden ein Hochhaus von fern irgendwie bekannt vor, ich fand die Orientierung wieder, fand schliesslich den Weg zurück ins Hotel. Doch ich möchte den Irrweg nicht missen.

Die Hörkolumne (MP3)

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Sylvain wird berühmt

Familie Hosenlupf: Erika und Markus Walther mit ihren Söhnen Adrian (l.) und Reto

Sägemehl im Blut

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Alter Schwede

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Wie früher