20. September 2018

Mehr Mitgefühl, bitte!

Mitgefühl ist ein Reflex, der tief in uns Menschen zu sitzen scheint. Dennoch werden das gesellschaftliche Klima kälter und der Ton aggressiver, konstatiert Autorin Melanie Mühl in ihrem neuen Buch. Ein Gespräch über die Gründe für den wachsenden Egoismus und mögliche Gegenmassnahmen.

Melanie Mühl
«Das Schöne am Mitgefühl ist, dass am Schluss alle etwas davon haben», sagt Melanie Mühl.
Lesezeit 9 Minuten

Melanie Mühl, wir alle haben 100 Probleme. Wieso sollen wir uns auch noch in diejenigen von anderen einfühlen?

Wenn wir uns nur mit uns selbst beschäftigen, verlieren wir etwas, das für das Miteinander extrem wichtig ist. Es geht dabei gar nicht so sehr um Fremde, sondern um unser engstes Umfeld, mit dem wir uns verbunden fühlen möchten. Es geht uns einfach besser, wenn wir das Gefühl haben, zu anderen Menschen Zugang zu finden.

Wir tun das also auch für uns?

Es ist ein Geben und Nehmen. Sich selbst abzuschotten, heisst nicht nur, den anderen nicht an sich heranzulassen, sondern auch, sich nicht in ihm spiegeln zu können. Und damit versagt man sich eine bestimmte Form des eigenen Kennenlernens. Eine Grundoffenheit der Welt gegenüber ist für die eigene Entwicklung enorm wichtig.

Empathie ist also eigentlich egoistisch?

Wissenschaftlich betrachtet, ist das Vermögen, sich in andere Menschen einfühlen zu können, ein simpler biologischer Mechanismus und weder gut noch schlecht. Viele denken, die Welt wäre besser, wenn wir alle mehr Empathie hätten – aber das ist naiv. So braucht zum Beispiel auch ein Sadist Empathie, um sich in eine Person einzufühlen und sie maximal quälen zu können. Auch das Verteilen von kleinen Gemeinheiten in der Partnerschaft ist dank Empathie so effektiv.

Empathie wird erst dann positiv, wenn daraus Mitgefühl entsteht?

Genau. Bei ihrer höchstentwickelten Form fühlt man mit, lässt sich aber nicht mitreissen. Denn sonst gerät man in empathischen Stress, es wird einem zu viel – das Risiko erhöht sich, dass man abblockt und sich verschliesst. Beim reinen Mitgefühl hingegen steigt die Hilfsbereitschaft und das Bedürfnis, etwas zu unternehmen.

Kann man Mitgefühl lernen?

Ja, es ist erwiesen, dass sich Mitgefühl mittels Meditationsübungen nachhaltig ausweiten lässt. So ein flächendeckendes Meditationsprogramm würde der aktuellen empörten und hysterischen Diskussions- und Streitkultur wohl ganz guttun. (lacht)

Ist Mitgefühl unter den politischen Parteien unterschiedlich verteilt? Findet man links allenfalls mehr als rechts?

Das glaube ich nicht. Mitgefühl findet sich auch rechts, etwa im Argument «die Ausländer werden grosszügig aufgenommen, derweil unsere Rentner am Hungertuch nagen». Sie werfen Mitte-links vor, mit den Falschen mitzufühlen.

Aber ist das nicht oft nur vorgeschobenes Mitgefühl? Donald Trump etwa gewann die US-Wahl auch mit dem Versprechen, den Armen zu helfen – von seiner Steuersenkung profitieren aber vor allem die Reichen.

Stimmt, bei einigen steckt wohl tatsächlich mehr Kalkül dahinter als echtes Mitgefühl.

Plötzlich haben auch Leute, denen es eigentlich ganz gut geht, das Gefühl, dass ihnen etwas weggenommen wird.

Mitgefühl scheint generell auf dem Rückzug zu sein. Das gesellschaftliche Klima wird kälter, der Ton aggressiver.

Ja, was wir derzeit auf der politischen Bühne erleben, ist erschütternd: Mütter, denen an der mexikanisch-amerikanischen Grenze die Kinder weggenommen werden. Flüchtlinge auf Rettungsschiffen, denen das Anlegen verweigert wird. Menschen, die im Mittelmeer ertrinken. Da ist auf verschiedenen Ebenen etwas aus dem Ruder gelaufen. Im Alltag erleben heute selbst Notärzte Gewalt. Und Augenzeugen filmen lieber mit dem Smartphone, statt zu helfen. Da hat ganz generell eine Verrohung stattgefunden. Auch ich habe so was schon erlebt.

Erzählen Sie.

Kürzlich war ich auf dem Weg ins Büro der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ), wo ich arbeite, da kam mir ein junger Typ entgegen und rief mir «Nazischlampe» zu, einfach so, aus heiterem Himmel, ohne mich zu kennen. Vermutlich, weil die FAZ in gewissen Kreisen als rechts gilt. Das trifft also schon, wenn es einem selbst passiert.

Wie haben Sie reagiert?

Gar nicht. Es lag mir zwar eine Erwiderung auf der Zunge, aber ich habe nicht geantwortet.

Wann hat diese Verrohung begonnen, weshalb passiert das gerade jetzt?

Das hat mit Ängsten und Überforderung zu tun, ausgelöst durch die Globalisierung und das Tempo der gesellschaftlichen Veränderungen. Plötzlich haben auch Leute, denen es eigentlich ganz gut geht, das Gefühl, dass ihnen etwas weggenommen wird. Dass sie nicht mehr das Leben haben können, das sie gern führen würden. Dazu kommt die grössere Aggressivität in der Diskussion, ein neuer Tonfall, der nicht zuletzt durch den aktuellen US-Präsidenten normalisiert worden ist. Die Grenzen des Sagbaren werden immer weiter ausgedehnt, dazu haben auch die sozialen Medien beigetragen, in denen sich Diskussionen immer schnell hochschaukeln zu «wir» und «die».

Das ist der zentrale Punkt beim Mitgefühl, nicht? Wir empfinden es primär für Menschen, die uns nahestehen oder uns ähnlich sind. Lässt es uns deshalb zunehmend kalt, dass Flüchtlinge zu Tausenden im Mittelmeer ertrinken?

Genau. Hinzu kommt die grosse Menge der Menschen und des Leids. Das überfordert unser Mitgefühl. Die Geflüchteten werden auch nicht mehr als Individuen wahrgenommen, sondern nur noch als grosse bedrohliche Masse, die da vor den Toren Europas steht. Dabei sind andere, ärmere Länder wie der Libanon mit viel höheren Flüchtlingszahlen konfrontiert. Ein interessanter Kontrast war im Juli das Höhlendrama in Thailand. Der ganze Planet fieberte mit diesem Dutzend eingeschlossener Jugendlicher mit. Mehr Mitgefühl geht kaum. Hätten wir aber jeden Monat ein Höhlendrama, würde sich das rasch ändern.

Menschen, die in einem multikulturellen Umfeld aufwachsen, sind auch sonst im Leben offener und haben weniger Vorurteile.

Und eigentlich neigen wir nicht dazu, für jemanden ausserhalb «unserer Gruppe» Mitgefühl zu empfinden.

Dennoch können wir auch mit total Fremden am anderen Ende der Welt mitfühlen: Kinder, lebendig begraben im Finsteren, super-schwere Rettung, Kampf gegen die Zeit, heroische Taucher – ein Hollywood-­Drehbuchautor hätte dieses Drama in Thailand nicht besser erfinden können. Und es gibt ja bereits Pläne zur Verfilmung. Weshalb hat das Mitgefühl ausgelöst? Es war ein überschaubarer Fall, eine dramatische Situation, und es hatte mit uns nichts zu tun. Diese Kinder stellen hier keinen Asylantrag, sondern gehen wieder zurück in ihr Leben.

Brauchen wir persönliche Schicksalsgeschichten, um Mitgefühl zu empfinden?

Das funktioniert wohl fast immer. Aber manchmal gibt es auch Symbolbilder mit grosser Wirkung, etwa 2015 der tote syrische Junge am Mittelmeerstrand. Das Foto stand für das ganze Drama, und es öffnete Herzen und Geldbeutel für die Flüchtlinge, wenn auch nur kurz. In Schweden hat man das Spendenverhalten rund um das Bild konkret untersucht: Am Tag der Publikation gingen beim Roten Kreuz 14 000 Spenden mehr ein als normal. Diese überdurchschnittliche Hilfsbereitschaft hielt fünf Wochen an, dann normalisierte es sich wieder. Doch dieses Bild ist haften geblieben, fast alle erinnern sich noch daran, wenn man sie darauf anspricht.

Positive Erfahrungen erhöhen die Empathie für die Fremdgruppe, schreiben Sie in Ihrem Buch. Ist Fremdenhass deshalb vor allem bei denen stark ausgeprägt, die selten mit Fremden zu tun haben?

Das hat schon was: Studien zeigen, dass Menschen, die in einem multikulturellen Umfeld aufwachsen, auch sonst im Leben offener sind und weniger Vorurteile haben. Wer mit Fremden zu tun hat, macht Erfahrungen, die bleiben. Wenn Sie in Rumänien in den Ferien mit dem Auto festsitzen und eine einheimische Familie hilft Ihnen und lädt Sie abends noch zum Essen ein, werden Sie künftig Rumänen auch zu Hause positiver gegenüberstehen. Ebenso nachhaltig wirkt es allerdings, wenn sie stattdessen ausgeraubt würden.

Melanie Mühl
«Die Gesellschaft belohnt heute den Egoismus», sagt Melanie Mühl. «Und das Gute geht im medialen Getöse unter.»

Liegt es auch an mangelnder Erziehung, wenn Leute sogar Notärzte attackieren?

Das spielt sicherlich eine Rolle. Kinder werden immer mehr zum Statussymbol, werden pausenlos umsorgt und verhätschelt. Wenn so ein Kind dann später merkt, dass es gar nicht der König ist, ist das natürlich ein Schock. Aber Eltern sind nur ein kleines Puzzleteil in einem grossen Ganzen. Die Filterblasen werden grösser, viele kommen gar nicht mehr mit anderen Welten als ihrer eigenen in Berührung. Das verstärkt das Gefühl von «wir» und «die».

Spielt der heutige Drang, sich selbst pausenlos noch besser machen zu müssen, ebenfalls eine Rolle?

Davon bin ich überzeugt. Wenn man die ganze Zeit in das eigene Vorankommen investiert, hat man keine Kapazitäten mehr für andere. Leider ist das genau das, wofür man heute gesellschaftlich belohnt wird. Manager erhalten gigantische Löhne, derweil Pflegekräfte, die eine extrem wichtige Arbeit leisten, unfassbar schlecht entschädigt werden. Die Gesellschaft belohnt heute den Egoismus. Und das Gute geht im medialen Getöse unter. Doch auch dieses Gute gibt es – wenn man nur von Verrohung spricht, wird man den Leuten nicht gerecht, die dagegen arbeiten.

Dazu gehören neue Formen des Mitgefühls, etwa der Ice-Bucket Challenge, bei dem Menschen sich filmen, wie sie sich Eiswasser über den Kopf leeren und so für ALS-Kranke spenden.

Das sogenannte Crowdfunding ist generell ein spannendes Phänomen. Ein anderes Beispiel ist das Bild eines Syrers, das sich über die sozialen Medien verbreitet hat. Man sieht ihn in Beirut mit seiner Tochter auf dem Arm Stifte verkaufen, Elend und Verzweiflung sind offensichtlich. Und auf einmal spenden Leute Hunderttausende von Dollar für ihn. Der Syrer weiss gar nicht, wie ihm geschieht. Und alle Welt guckt hin und denkt: «Oh, ein Märchen, wie schön, es gibt noch Gutes in der Welt.»

Und dann?

Dann gucken alle wieder weg. Und der Syrer macht drei Restaurants auf und geht pleite, weil er keine Erfahrung als Unternehmer hat. Prompt gibts Streit mit den Leuten von der Crowdfunding-Aktion. Soviel zum Märchen. Und was heisst das jetzt? War das Mitgefühl gut oder schlecht? Man kann es nicht sagen. Sicher ist: Die Menschen wollen wissen, was ihr Geld bewirkt. Und ob man nach so einer Erfahrung künftig nochmals spendet, ist zweifelhaft.

Es setzen immer wieder Menschen ihr Leben aufs Spiel, um andere zu retten. Das scheint fast schon ein Reflex zu sein, was dafür spricht, dass es tief in uns drinnen sitzt.

Menschen sind offenbar nicht die einzigen Lebewesen, die Mitgefühl zeigen. Auch Menschenaffen, Elefanten und Delfine haben diese Fähigkeit.

Ja, das zeigen diverse Studien und Anekdoten. Zum Beispiel hat sich der Freund eines Primatenforschers das Bein gebrochen und lief wochenlang humpelnd durch die Gegend. Sein Hund zog dann auch sein Bein hinterher, aus Solidarität quasi – und hörte sofort wieder damit auf, als der Gips weg war. Wahnsinn, oder?

Heisst das, dass das Mitgefühl im Säugetier genetisch angelegt ist?

Es sieht so aus. Es setzen auch immer wieder Menschen ihr Leben aufs Spiel, um andere zu retten. Das scheint fast schon ein Reflex zu sein, was dafür spricht, dass es tief in uns drinnen sitzt. Und das ist doch eigentlich ein schöner Gedanke. Wir Menschen sind kooperative Wesen, wir wollen uns austauschen.

Auf der anderen Seite beschreiben Sie im Buch ein Beispiel eines Obdachlosen, der in einer Bankfiliale in Deutschland am Boden lag und schliesslich starb, weil alle Leute einfach über ihn hinüberstiegen statt zu helfen.

Ja, das nennt man Augenblicksversagen. Die Leute waren fokussiert auf ihren Tagesplan, wollten nur schnell Geld holen und mussten weiter. Das Risiko, dass sie in was Kompliziertes reingezogen werden, wenn sie helfen, erschien ihnen zu hoch. Sie hatten also keine Zeit für Mitgefühl. Am Ende wurden drei Leute tatsächlich angeklagt und zu Geldstrafen verurteilt. Und der Richter kommentierte in seiner Begründung, dass Gleichgültigkeit eigentlich noch schlimmer sei als Hass. Der pure Egoismus habe gesiegt.

Wir sollten weniger schnell Urteile fällen, weniger schnell empört sein, weniger schnell eine Meinung haben.

Was kann man tun, um bei der Verrohung Gegensteuer zu geben?

Jeder kann bei sich im Alltag anfangen: die Art hinterfragen, wie wir miteinander umgehen, die Welt beobachten, Fragen stellen, einordnen, Vorurteile berichtigen. Andere nach ihrem Befinden fragen, etwas erfahren wollen über andere Leben, sich selbst einfach mal zurücklehnen und nicht alles so schnell, schnell tun. Weniger schnell Urteile fällen, weniger schnell empört sein, weniger schnell eine Meinung haben.

Wovon hängt es ab, ob Sie selbst Mitgefühl empfinden? Ob Sie einem Bettler Geld geben oder nicht?

Von der Tagesform, von dem, was ich selbst gerade erlebt habe. Wenn ich bei meiner kleinen Nichte zu Besuch war, bin ich zum Beispiel warmherziger als sonst. Da habe ich Glücksmomente erlebt und will etwas zurückgeben. Da hat ein Bettler also bessere Chancen als sonst. Aber oft kann ich es auch gar nicht rational erklären, warum ich spende oder nicht.

Gibt es etwas, das bei Ihnen zuverlässig Mitgefühl auslöst?

Die Tränen kommen bei mir bei Kindern mit Krebs. Wenn ich darüber lese, nimmt mich das sehr mit. Auch wenn ich ganz alte einsame Menschen sehe, fühle ich stark mit.

Wann hatten Sie das letzte Mal Mitgefühl?

Gestern Abend, als ich mit einer Freundin telefonierte, die ein behindertes Kind hat. Sie war ganz aufgelöst, weil ihr alles über den Kopf gewachsen ist.

Und was haben Sie getan?

Zugehört und geredet. Wir haben lange telefoniert.

Haben auch Sie sich danach besser gefühlt?

Ja, weil ich glaube, dass ihr das Gespräch geholfen hat. Das Schöne am Mitgefühl ist, dass am Schluss alle etwas davon haben.

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