01. September 2017

Mehr Medizinstudenten, mehr Hausärzte?

In der ganzen Schweiz entstehen neue Medizinstudienplätze. Auch die ETH Zürich bildet nun ab dem kommenden Semester Ärztinnen und Ärzte aus.Obwohl der Bund dafür 100 Millionen Franken investiert, ist unklar, ob der Hausärztemangel damit behoben wird.

Medizinabsolventen
Bis 2025 soll die jährliche Zahl der Medizinabsolventen von 900 auf 1350 steigen.
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Schweizer Universitäten bilden nicht genug medizinische Fachkräfte aus: Fast ein Drittel aller Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz hat laut Statistik des Ärzteverbandes FMH ein ausländisches Diplom. Um mehr Studienplätze zu schaffen, hat der Bundesrat im vergangenen Jahr ein Sonderbudget von 100 Millionen Franken bis im Jahr 2020 gesprochen.

Bereits seit einigen Jahren bauen die Universitäten ihre Kapazitäten stark aus. Der Zustupf des Bundes hat nun einen weiteren Schub bewirkt. An mehreren Orten sollen neue Studienplätze entstehen.

Die ETH Zürich bietet bereits ab Semesterbeginn in zwei Wochen 100 Studierenden einen neuen Bachelor-Lehrgang in Medizin an. Dabei arbeitet sie eng mit den Universitäten in Zürich, Basel und Lugano zusammen und bringt ihr naturwissenschaftliches und technisches Know-how ein.

Im Jahr 2016 haben rund 900 Studierende ihr Medizinstudium abgeschlossen. Ziel ist es, bis im Jahr 2025 die Zahl der Absolventen auf 1350 zu erhöhen.

Gehst du zu einem Hausarzt?

Thomas Rosemann (48), Direktor des Instituts für Hausarztmedizin am Universitätsspital Zürich, begrüsst die zusätzlichen Studienplätze, sagt aber auch: «Das heisst noch lange nicht, dass es dadurch in Zukunft mehr Hausärzte gibt. Der Beruf muss wieder attraktiver werden.» Dieser Meinung schliesst sich Daniel Scheidegger, Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW), an. Der ehemalige Chefanästhesist der Uniklinik Basel übt im Interview aber auch Kritik an seiner Zunft.

Vielleicht müsste man Ärzte für die Anzahl der Patienten bezahlen, die gesund bleiben

Daniel Scheidegger
Daniel Scheidegger (69) ist Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften, die sich mit der Zukunft und den ethischen Fragen der Medizin beschäftigt.

Die Zahl der Medizinabsolventen pro Jahr soll innerhalb von zehn Jahren von heute 900 auf 1350 erhöht werden. Hilft das gegen den Ärztemangel?

Nur bedingt. Bei den Hausärzten, wo der Mangel am grössten ist, greift diese Massnahme nicht: Mehr Studienplätze bedeuten nicht automatisch mehr Hausärzte.

Wie liesse sich der Mangel an Hausärzten beheben?

Der Beruf müsste wieder attraktiver werden. Im Vergleich zu Spezialisten verdienen Hausärzte zu wenig, trotz langer Arbeitszeiten und ständiger Bereitschaft. Eine Möglichkeit, die Work-Life-Balance zu optimieren, sind Gemeinschaftspraxen – so verteilt sich die Last.

Hausärzte gibt es zu wenig, Spezialisten zu viele. Letzteren wird unter anderem vorgeworfen, die Kosten hochzutreiben. Was läuft da falsch?

Das Gesundheitswesen ist nicht ein Markt wie jeder andere. Wenn Sie in einer Strasse einen Bäcker mehr haben, werden die Geschäfte insgesamt nicht mehr Brot verkaufen. Haben Sie hingegen einen Arzt mehr, wird jeder versuchen, da noch eine Untersuchung zu machen und dort noch etwas zu verrechnen. Das Anreizsystem ist falsch. Vielleicht müsste man Ärzte für die Anzahl der Patienten bezahlen, die gesund bleiben, und nicht für die Leistungen, die sie gegenüber Kranken erbringen. Aber auch die Patienten tragen Verantwortung: Man muss nicht immer gleich zum Arzt rennen – und schon gar nicht immer gleich zum Spezialisten.

Was halten Sie von Zulassungsbeschränkungen für Spezialisten?

Die vor Kurzem erhöhten Anforderungen für ausländische Ärzte sind sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Ich rate aber davon ab, in der Schweiz keine Spezialisten mehr auszubilden. Prognosen sind schwierig. Ich selbst habe vor Jahren geschrieben, dass wir zu viele Anästhesisten ausbilden. Es gab damals 80 neue Spezialisten pro Jahr, und wir dachten, wir bräuchten zehn davon. Heute gibt es dennoch einen Mangel, unter anderem wegen des Arbeitszeitgesetzes.

Jeder fünfte Arzt steigt aus. Was ist nötig, damit Mediziner ihrem Beruf treu bleiben?

Aktuell sind über die Hälfte der Studierenden Frauen. Wenn sie Kinder bekommen, arbeiten viele nur noch Teilzeit, und einige steigen komplett aus. Wir haben es bisher verpasst, den Müttern mit entsprechenden Programmen den Wiedereinstieg zu erleichtern.

Sind wirklich nur die Frauen schuld? Es gibt doch auch viele Männer, die in die Pharmaindustrie wechseln, weil sie dort mehr verdienen.

Natürlich ist das Problem komplexer. Es gibt auch Männer, die Teilzeit arbeiten. Aber die Pharmaindustrie gab es auch früher schon – und schon damals wechselten viele dahin.

Was halten Sie davon, Studierende der Medizin zu verpflichten, eine Weile als Arzt zu arbeiten oder das teure Studium selbst zu bezahlen?

Darüber hat man schon nachgedacht. Aber bei der Umsetzung würde man auf Probleme stossen. Vielleicht würde der Beruf an Attraktivität verlieren. Und man hätte Schwierigkeiten, gute Leute zu finden.

Heute wollen viel zu viele Medizin studieren. Darum gibt es den Numerus clausus. Rund 70 Prozent fallen beim Test durch. Bestehen wirklich nur diejenigen, die sich für den Beruf eignen?

Der Numerus clausus ist kein Eignungstest. Er selektiert nur die besten Maturanden. Das Problem ist, dass Eigenschaften wie Empathie oder andere soziale Kompetenzen viel schwieriger zu erfassen sind. Da bräuchte es Interviews und Praktika. Diese Idee hat man wieder verworfen, weil der Aufwand zu gross wäre.

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