30. Juli 2017

Mehr Liebe für Gemüse

Nur wer selbst Gemüse anbaut, geht auch mit dem gekauften sorgsamer um.

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Meine erste Tat in der Kochschule war nicht das Gemüserüsten oder irgendeine andere Tätigkeit in der Küche. Meine «Schulzeit» begann im Gemüsebeet und bestand aus dem symbolischen Säen eines Maiskorns. Ginge es nach meiner Kochlehrerin, sollte jeder angehende Koch erst einmal ein Jahr in einer Gemüsegärtnerei verbringen. Das ist natürlich eine utopische Forderung, aber im Kern hat sie recht: Nichts bringt einem mehr Respekt für die frischen Zutaten bei als der eigene Anbau.

Nun habe ich schon als kleines Kind bei meiner Grosstante im Garten vor lauter Ungeduld die Radiesliwurzeln immer halb freigelegt und geschaut, ob unter der Erde auch alles okay sei und ob man schon ernten könne. Seither weiss ich: Die Natur geht ihren Gang, den kann man nur unwesentlich beeinflussen. Mit Tomaten auf meinem Balkon erfuhr ich später, welche Sensibelchen Pflanzen sein können. Die Erträge waren mir aber meist egal, solange zumindest ein paar pralle Früchte zum Probieren übrig blieben.

Seit diesem Jahr ist das anders. Ich versuche, Gemüse anzubauen, um auch wirklich etwas auf den Tisch zu bekommen. Allerdings mit Handicap: Ich bin nur einmal im Monat für ein paar Tage im Garten.

Die ersten Rhabarberstangen im Frühjahr zelebrierten wir regelrecht, denn das meiste fiel den Schnecken zum Opfer. Nur knapp 100 Gramm waren es. Eine Miniportion Kompott. Wo man doch für relativ wenig Geld gleich ein ganzes Kilo bekommt. Wir entschieden: Die Rhabarberpflanzen bekommen die Chance, auch vor dem 21. Juni wieder Kraft zu sammeln, und verzichteten auf weiteres Schneiden der begehrten Stangen.

Ich sähte Bohnen, Erbsen, diverse Salate, Karotten, Zwiebeln, Radieschen und noch einiges mehr. Ich pflanzte daheim vorgezogene Kürbisse, Sellerie, Broccoli und Wirz. Den Wassermangel verkrafteten die Pflanzen während unserer Abwesenheit meist gut, aber den Kampf gegen Wühlmäuse und Schnecken konnten wir nur teilweise gewinnen. Um so kostbarer wurden der kleinste Broccoli, die wenigen Radiesli - inzwischen verkneife ich mir das Freilegen der kleinen Knollen zwecks Kontrolle - und der mickrigste Salatkopf.

Jeder Fruchtansatz bei Kürbis oder Zucchini wurde zelebriert. Alles Produkte, die nicht besonders kostspielig sind. Ich überlegte Gerichte um ein einziges Radiesli herum, freute mich über Brennnesseln als Spinatersatz und verwendete fast schon akribisch alles - wo bei mir daheim schon einmal das eine oder andere Gemüse seinen Höhepunkt ungenutzt überschreitet. Aber das eigene Gemüse? Nein. Was ich mit so viel Leidenschaft und Kraftaufwand in die Erde gebracht hatte, sollte nicht den Kompost beehren. Und genau deshalb beharrte meine Kochlehrerin auf ihrem Hof darauf: Nur wer selbst sät, wird die Zutaten in der Küche wertschätzen.

In diesem Sinne: Ob mit oder ohne Garten: Sät Gemüse - dann gehst du bald auch mit dem gekauften Gemüse sorgsamer um.

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