09. Dezember 2013

Mehlwürmer statt Rindsfilet

Wie der Waadtländer Louis Champod die Welt mit Würmern, Käfern und Ameisenlarven retten will.

Koch der Krabbelküche: Louis Champod frittiert Mehlwürmer und isst sie. Vor rund 30 Jahren hat er in Mexiko damit angefangen, Insekten zu essen.
Koch der Krabbelküche: Louis Champod frittiert Mehlwürmer und isst sie. Vor rund 30 Jahren hat er in Mexiko damit angefangen, Insekten zu essen.

Louis Champod (67) hat eine Mission: Er will die Welt retten und wirbt darum für Insekten als Nahrungsmittel. Hat der Romand ein interessiertes Ohr gefunden, ist er kaum zu stoppen. Gestenreich erklärt er die Vorteile des Verzehrs von Heuschrecken, Mehlwürmern oder Ameisenlarven. Ein Argument reiht sich ans andere. Luft holt er, wenn überhaupt, mitten im Satz. Er doziert, zitiert und schwadroniert. Kommt er auf die gesetzlichen Hürden zu sprechen, die ihm das Bundesamt für Gesundheit in den Weg legt, überschlägt sich seine Stimme sogar.

Leicht könnte man den Rentner als Sonderling abtun. Als Freak, der sich in etwas hineingesteigert hat, um seinen Ruhestand mit Sinn zu füllen. Denn: Käfer und Würmer essen schliesslich nur die abgehalfterten Scheinpromis im «Dschungelcamp» auf RTL. Aber dieses Vorurteil pflegt nur, wer keine Ahnung hat, meint der 67-Jährige.

Nach dem Kältetod im Kühlfach werden die 
Mehlwürmer im heissen Öl frittiert.
Nach dem Kältetod im Kühlfach werden die 
Mehlwürmer im heissen Öl frittiert.

Louis Champod ist im Val de Travers im Neuenburger Jura aufgewachsen und hat dort lange als Mechaniker für Strickmaschinen gearbeitet. Der Niedergang der heimischen Textilwirtschaft hat ihn in die Welt hinausgetrieben. 1974 ging er zum ersten Mal auf Montage ins Ausland, nach Mexiko. Dort hat er seine Liebe zu Krabbeltierchen aller Art entdeckt. Was ihn aber nicht davon abgehalten hat, einige davon in den Mund zu stecken – so wie das die einheimische Bevölkerung auch tat.

Viele weitere Arbeitseinsätze im Ausland folgten. Überall ging Louis Champod auf die Suche nach Schmetterlingen, Käfern und Spinnentieren. Viele spiesste er auf, manche steckte er in ein Vivarium, und überall kostete er die lokalen Gerichte auf Basis von Sechsbeinern.

Weltweit sind über 1900 essbare Insektenarten bekannt. Ausserhalb Europas und Nordamerikas werden sie oft als normale Lebensmittel auf lokalen Märkten gehandelt. Ethnologen gehen davon aus, dass Insekten zur Ernährung von rund zwei Milliarden Menschen beitragen und dass sie seit je Bestandteil der menschlichen Ernährung waren. Oft essen Einheimische die Krabbeltierchen nicht etwa vor lauter Hunger, sondern vor allem wegen ihres Geschmacks. Im südlichen Afrika gelten Mopanewürmer als Delikatesse, in Südostasien werden die Eier der Weberameise als Leckerbissen gehandelt und in Südamerika sind Agavenwürmer ein Geheimtipp.

Insekten auf Tellern entlasten Gewissen und Umwelt

1993, mit 47 Jahren, machte sich Louis Champod selbständig: mit einem Museum, in dem er seine gesammelten Insekten ausstellte. Zugleich tourte er mit Ausstellungen und Vorträgen. Sein ganzes Erspartes ging drauf. Vor dem Bankrott hat ihn ein Mäzen bewahrt.

Seit ein paar Jahren interessiert sich auch die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) für Insekten: In einer 2010 erschienenen Studie propagiert die FAO Insekten als Lösung für künftige Nah-rungsmittelengpässe. Im Jahr 2050 muss unser Planet neun Milliarden Menschen ernähren. Die FAO ist die meistzitierte Quelle von Louis Champod. Die Zahlen und Fakten, mit denen er um sich wirft, stammen fast alle aus dem Büro der renommierten Organisation in Rom.

Insekten können zwei Kilogramm Futter in ein Kilogramm Insektenmasse umwandeln. Rinder hingegen benötigen zehn Kilogramm Futter, um ein Kilogramm Fleisch zu produzieren, also fünf Mal mehr. Zudem haben Insekten einen deutlich geringeren Platz- und Wasserbedarf als Säugetiere. Manche Insektenarten können sogar Abfälle in hochwertiges Protein umwandeln. Und dies sind bloss die ökologischen Vorteile.

«Ich bin kein Missionar – eher sehe ich mich als Pionier.»

Der Verzehr von Insekten hat auch gesundheitliche sowie soziale und ethische Vorteile: Ihre Krankheiten übertragen sich dank dem grösseren genetischen Unterschied weniger häufig auf den Menschen, Stichwort Rinderwahnsinn oder Vogelgrippe. Die Zucht von Krabbeltieren kann eine unternehmerische Chance für Kleinproduzenten in Entwicklungsländern sein. Und viele Würmer und Käfer fühlen sich auch auf engstem Raum wohl und sind somit wie geschaffen für die industrielle Produktion.

Louis Champod kostet Mehlwürmer.

Schon zu Beginn seiner Selbständigkeit bot Louis Champod Insekten hin und wieder zur Degustation an. In den Nullerjahren begann er, die Krabbeltiere im grösseren Stil unter die Leute zu bringen. So war er zum Beispiel mehrmals mit einem Stand und seiner Fritteuse am Paléo Festival in Nyon VD präsent. Er organisierte Bankette, bei denen in jedem Gang Insekten als eine von mehreren Zutaten auf den Teller kamen: Als Gruss aus der Küche ein cremige Proteinpastete aus Wanderheuschrecken, zur Vorspeise ein Blattsalat mit knusprigen Mehlwürmern, zum Hauptgang eine rassige Bolognese mit Larven des Schwarzkäfers und als Dessert caramelisierte Grillen an Schokolade. Gleichzeitig baute er einen kleinen Online-Handel mit süssen Biskuits aus gemahlenen Mehlwürmern auf. Das ging gut, bis Louis Champod einen Anruf vom Hygieneinspektor des Kantons Waadt bekam. Der habe ihm gedroht, wenn er so weitermache, lande er im Gefängnis.

In der Verordnung über Lebensmittel tierischer Herkunft ist jede einzelne Tierart, die als Nahrungsmittel gilt, festgehalten. Insekten sind nicht aufgeführt, folglich dürfen sie nicht als Lebensmittel gehandelt werden.

Jede Woche kommt bei Louis Champod irgendetwas Krabbeliges auf den Tisch. Und bei Familienfesten schmausen auch gerne seine Kinder und Enkel davon. Nachschubprobleme hat Champod keine. Er kauft einfach Tierfutter. Was er privat damit macht, kann ihm niemand verbieten. Doch das genügt dem Feinschmecker nicht.

Krabbeln im Kochtopf ist n der Schweiz im Kommen

Im vergangenen Sommer hat Louis Champod gemeinsam mit Freunden den Verein Grimiam gegründet, «Gri» steht für Grille, «miam» für das französische Mmh. Ziel des Vereins ist, die schweizerische Gesetzgebung so zu ändern, damit der Verkauf von Insekten für den menschlichen Verzehr legal wird.

Natürlich weiss Louis Champod, dass er nicht nur gesetzliche Hürden überwinden muss. Die Mehrheit der Schweizer dürfte es schon beim Gedanken ans Insektenessen würgen. Doch Champod ist überzeugt, dass sich Geschmäcker ändern lassen: «Meine Grossmutter hätte nie im Leben Crevetten oder Kaviar gegessen. Und bis vor ein paar Jahren war roher Fisch kein Thema, jetzt gilt es als chic, Sushi zu schlemmen.»

Und überhaupt: Wenn die Verarbeitung von Protein, das von Insekten stammt, erst mal erlaubt wäre, würde sich niemand mehr aufregen, denn der Unterschied zwischen einem Chicken- und einem Mehlwurm-Nugget sei nicht zu erkennen.

Doch warum ist es Champod wichtig, seine Mitmenschen zu überzeugen? Warum dieser missionarische Eifer? «Ich bin kein Missionar, eher ein Pionier!», antwortet er entrüstet. Er sorge sich halt um die Zukunft seiner drei Enkel. «Im Amazonas verschwindet pro Minute Urwald von der Fläche von fünf Fussballplätzen. Pro Tag sterben 80 Pflanzen- und Tierarten aus. Und das nur, weil man immer mehr Land braucht, um Soja und Mais für die Tiermast herzustellen.»

Inzwischen wurde das Engagement Champods auch von offizieller Seite gewürdigt. Anlässlich des Welternährungstags im Oktober konnte er die Agronomin Afton Halloran für einen Vortrag gewinnen. Sie ist bei der FAO für das Programm «Essbare Insekten» zuständig. Und Ende November hat die Grünliberale Nationalrätin Isabelle Chevalley einen parlamentarischen Vorstoss eingereicht, um Insekten in die Lebensmittelverordnung aufzunehmen.

www.grimiam.org

Fotograf: Christophe Chammartin

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