30. Juni 2017

Nostradamus der Moderne

1972 verfasste der US-Ökonom Dennis Meadows den Bestseller «Die Grenzen des Wachstums». Ein Gespräch über seine damaligen und heutigen Prognosen, die Leistungen der Migros und wie man die Welt mit seinem eigenen Verhalten vor Schlimmerem bewahren kann.

Ökonom Dennis Meadows
US-Ökonom Dennis Meadows bezeichnet sich nicht als Pessimist, sondern als Realist.
Lesezeit 4 Minuten

Sie prophezeiten zu Beginn der 70er-Jahre das Ende des Wachstums. In den letzten 40 Jahren geschah das Gegenteil. Waren Ihre Berechnungen falsch?

Wir haben nie gesagt, dass das Wachstum sofort stoppt. Im Gegenteil: Unsere Computermodelle zeigten verschiedene mögliche Entwicklungen. Die meisten Szenarien deuteten darauf hin, dass die Bevölkerung, die Wirtschaft und der Ressourcenverbrauch noch bis ins dritte Jahrzehnt des neuen Jahrtausends hinein wachsen würden.

Dann müsste es jetzt dann mal stoppen?

Das tut es tatsächlich. Die Entdeckungen neuer Ölfelder geht zurück. Millionen von Migranten drängen nach Europa, weil sie in ihrer Heimat keine Zukunft sehen. Und das Wirtschaftswachstum im Westen stagniert: Wir werden nie mehr so hohe Wachstumsraten haben wie in den goldenen 80er-Jahren.

Technologie ist wie ein Schmerzmittel: Symptombekämpfung.

Werden wir nicht einfach neue Technologien finden, die unsere Probleme lösen?

Technologien agieren nicht für sich selber. Dahinter stecken immer Motive. Die Pharmaindustrie gibt derzeit mehr Geld aus, um Mittel gegen Glatzen als gegen Aids zu entwickeln. Warum? Weil Aidspatienten arm, Männer, die sich an ihrer Glatze stören, jedoch reich sind. Die Entwickler einer neuen Technologie haben in der Regel das Ziel, möglichst viel Profit zu machen. Das macht fossile Brennstoffe sehr attraktiv: Ein Teil ihrer Kosten wird erst in Zukunft anfallen, in Form des Klimawandels.

Wenn der Markt nicht spielt, sollte die Politik steuern?

Und neue Technologien entwickeln? Das ist, wie wenn Sie einem Krebspatienten Aspirin gegen seine vom Krebs ausgelösten Kopfschmerzen geben. Das wird ihn nicht heilen. Technologie ist wie Schmerzmittel – bloss Symptombekämpfung.

Wo liegt denn die Ursache?

Der Krebs auf dem Planeten ist das Bevölkerungswachstum, kombiniert mit dem Wunsch nach einem hohen Lebensstandard.

Die Migros etwa hat ihr Sortiment an Biofood und Labelfisch stark ausgebaut. Kann ein nachhaltiges Wachstum eine Lösung sein?

Die Migros macht Grossartiges innerhalb ihres Wirkungsbereichs. Aber wir können von einem Supermarkt nicht erwarten, dass er die Probleme des Planeten löst. Nachdem ich «Die Grenzen des Wachstums» geschrieben hatte, fragte ich mich: Was kann ich tun? Meine Antwort darauf war schliesslich: Wenn ich die Welt nicht verändern kann, dann muss ich wenigstens mein Leben so verändern, dass ich ethisch vertretbar lebe. Da kann man vieles tun.

Können wir noch umkehren, oder ist es dafür schon zu spät?

Umkehren können wir ganz klar nicht mehr. Dabei muss man wissen: «The Point of No Return» ist ein Ausdruck aus der Fliegerei. Wenn Sie von New York nach Zürich fliegen, können Sie irgendwann nicht mehr umkehren, weil sie zu wenig Treibstoff haben. Aber Sie können einen anderen Flughafen auf der Strecke anfliegen. Je früher Sie sich das überlegen, desto mehr Optionen haben Sie.

Der Brückenbauer in den 70ern

Ausgabe vom 11. Februar 1972

In welche Richtung sollten wir fliegen?

In den kommenden 150 Jahren werden wir immer wieder Schocks erleben:Klimakatastrophen, Migrationsströme,Pandemien, Wirtschaftskrisen. Damit eine Regierung solche Schocks gut absorbieren kann, muss sie sich schnell anpassen können. Die Schweiz ist da im Vorteil, kleine Systeme sind in der Regel agiler als grosse.

Wie können sich Individuen auf die kommenden Krisen vorbereiten?

Meine Mutter lehrte mich: «Wenn du es dir nicht erlauben kannst zu verlieren, solltest du nicht spielen.» Wir sollten aufhören zu spielen und darauf zu hoffen, dass künftige Technologien die Probleme lösen, die wir durch unser aktuelles Handeln verursachen.

Sind Sie ein Pessimist?

Nein, aber auch kein Optimist. Ich bin Realist. Hoffnung macht mir, dass es heute so etwas wie ein Umweltbewusstsein gibt. Das war zu Beginn der 70er-Jahre noch nicht so.

Derzeit ist davon aber gerade in den USA nicht viel zu sehen. Für Präsident Trump gibt es keinen Klimawandel. Er tut absolut nichts, um die Umwelt zu schonen. Im Gegenteil.

Wir sind derzeit in einer Periode, in der simplifizierte und autoritäreRegierungsformen attraktiverwerden. Trump ist nur ein Beispiel von vielen. Aber Geschichte ist kein linearer Prozess – diese Leute kommen und gehen. Und überhaupt: Mit einer Distanz von 500 Jahren spielt es keine Rolle, was heute passiert. Ich fürchte den Schaden, den Donald Trump verursachen könnte, aber der langfristige globale Trend wird wichtiger für das kommende Jahrhundert.

Also gibt es doch Hoffnung?

Natürlich. Ich bin sicher, dass unsere Spezies noch in 3000 Jahren hier sein wird. Ob es allerdings Hoffnung gibt für eine Zivilisation, die extrem viel Energie und Ressourcen verbraucht? Eher nicht. Auch Zivilisationen kommen und gehen – das war schon immer so.

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