07. Juni 2018

Gli Azzurri

Die Nazionale Italiana Azzurri di calcio spielt an der WM 2018 nicht mit. Was tun die italienischen Fans jetzt im Juni?

Squadra Azzurra
Die Squadra Azzurra ist am Boden zerstört: Sie verliert die WM-Barrage gegen Schweden und muss deshalb zu Hause bleiben. (Bild: Keystone)

Ich werde im Juni etwas sehr vermissen: die Hymne Italiens: «Fratelli d’Italia», die immer vor dem Spiel der Nazionale zu hören war. Wahrscheinlich die freudvollste und friedlichste Nationalhymne der Welt. Sie aktiviert weder Waffenlust noch nationalistische Nostalgien: Es ist einfach ein kleiner Marsch zum Fest, nicht zum Krieg. E nu.

Die Verursacher dieses Desasters – vom Trainer bis zum Präsidenten – wurden sofort gefeuert. Auch der Koch. Man hat einen neuen Trainer angestellt, nur die Spieler bleiben die gleichen. Italien wird keinen Fussballweltmeister haben.

Es gab Gerüchte, dass eine Nationalmannschaft eine Sperre wegen Dopings, Korruption oder Skripal-Gifts erhält. Vergeblich, nur ein Gerücht. Italien bleibt zu Hause und spielt nicht. Es isch e so u fertig. Und nun, was tun im Juni?

Es wäre eine gute Gelegenheit, in dieser Zeit Neuwahlen durchzuführen und so die Vorsommerzeit attraktiver zu gestalten. Nicht möglich: Berlusconi kann nicht mehr als alle zwei Jahre eine OP an seinem Gesicht durchführen lassen, denn seine Ohren sind von diesen Ein­griffen so gross geworden, dass man sie als Antenne für seine Fernsehsender verwenden könnte. Deshalb gab sich Italien eine neue Regierung, zwischen Lega und Fünf-Sterne-Bewegung – das tönt so, wie wenn der FCB und der FCZ fusionieren würden. Item.

Der Italo-Fussballfan wird nun frei von Emotionen den Juni geniessen können, eine Erleichterung. In Indien werden immer Blumen und Geschenke zu den Tempeln gebracht, damit der Mensch frei von Emotionen, Trieben oder Sorgen wird. Vielleicht werden die Tifosi in die Gotteshäuser gehen und die heiligen Statuten «ex voto» mit ein paar Reliquien schmücken: ein T-Shirt von Chiellini auf der Brust von San Sebastiano, eine Unterhose von Buffon an San Domenico, oder die Perücke von Antonio Conte auf Santa Margheritas Kopf. Am Abend wird man früher ins Bett gehen, was die demografische Entwicklung positiv beeinflussen dürfte. Am Morgen steht man früher auf und kommt so pünktlicher zur Arbeit. Fertig mit den Attesten der Ärzte, die die Fans krankschreiben während der Spiele der Nazionale! Die Tifosi machen Überstunden und erhöhen so die Produktivität des Landes, ein volkswirtschaftlicher Segen. Kein Stress mehr am Tisch beim Essen, der Fernseher bleibt ausgeschaltet. Die Züge werden pünktlicher fahren. Die Museen bleiben länger offen. La Bella Italia kann so umdenken und sich von ihren Weltmeisterklischees verabschieden.

Aber wenn man schon nicht dafür sein kann, dann kann man doch zumindest dagegen sein. So wünschen sich meine Freunde des Stiefels etwa, dass Deutschland gegen Schweden stark spielt und gewinnt, aber dann gegen Südkorea verliert, weil Schweden und Südkorea den Azzurri eine historische Niederlage beschert haben. Spanien, Frankreich und England müssen sofort ausscheiden. Alle gehören zur Familie, die Cousins (Frankreich), die Halbbrüder (Spanien) und Brexister (Engländer), sie alle sollen auch leiden müssen. Im Finalspiel will man Salah gegen Messi spielen sehen. Gewinnt Salah, wird er Pharao, gewinnt Messi, bleibt alles beim Alten.

Ich sagte meinen italienischen Freunden, dass sie jetzt für die Schweiz sein könnten, weil sie – ohne eigene Equipe am Start – neutral sein sollten. Also, warum nicht der Schweiz helfen?

Massimo Rocchi

Massimo Rocchi ist derzeit mit «Best of 6zig» auf Tour. (Bild: Gerry Ebner)

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Schweizer Fussball-Nationalmannschaft WM 1938

Momente für die Ewigkeit

Männerrunde mit Handy

Fussball-WM to go

Emre Erçin, U16-Spieler beim FC Basel, auf der Sportanlage Schützenmatte

Die Basler Spielermacher

Journalist und Fifa-Kritiker Jens Weinreich mit Fussball

Fifa-Insider Jens Weinreich hält die Fussball-WM in Russland für eine Katastrophe