25. Januar 2020

Mary Poppins heute

Um Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen, lassen immer mehr Eltern ihre Kinder zu Hause von einer Nanny betreuen. Das ist flexibler als ein Kita-Platz und entspannter, birgt aber auch Tücken.

Nanny Lisa Bader mit Jaro und Elja
Lisa Bader betreut als private Nanny den vierjährigen Jaro an zwei Tagen pro Woche. Dessen Bruder Elja (12) kommt jeweils zum Mittagessen heim.

Der vierjährige Jaro* streckt die Ärmchen aus und ruft: «Lisa, fliegen!» Lisa Bader hebt den Kleinen in die Luft und rennt mit ihm den Flur entlang. «Noch einmal», jauchzt er. Nach dem vierten Flug stellt die 54-Jährige Jaro auf den Boden. «Jetzt brauche ich eine Pause», sagt sie und holt tief Luft. Lisa Bader ist die Nanny von Jaro und dessen zwölfjährigem Bruder Elja*. Sie arbeitet zwei Tage pro Woche bei der Familie der beiden. Die Schmids wohnen in einer Genossenschaftssiedlung in Luzern. Mutter Bea (43) ist Sozialarbeiterin und zu 80 Prozent als Teamleiterin in einem Jugendheim tätig, Vater Philipp (45) arbeitet in einem 60-Prozent-Pensum als Schlosser. «Es ist etwas Besonderes, eine eigene Mary Poppins zu haben», sagt Bea Schmid.

Die Kinderbetreuerin nach Hause in die Vierzimmerwohnung zu holen, ist keine Luzerner Eigenart. Auch in der Stadt Zürich nimmt die Beschäftigung von Nannys zu, wie eine Studie der Fachstelle für Gleichstellung kürzlich festhielt. Szasa Schaefer, die für den früheren Nannyverein tätig war und den Markt kennt, sagt: «Die steigende Nachfrage in der privaten Kinderbetreuung ist klar erkennbar.» Konkrete Zahlen gebe es nicht, weil es unzählige Betreuerinnen und Vermittlungen gebe. In der Stadt Luzern hat sich die Anzahl der Betreuungsstunden in den vergangenen zwei Jahren verdoppelt, wie Esther Bieri von der Frauenzentrale sagt, die in Stadt und Agglomeration Nannys und Tagesmütter vermittelt: «Immer mehr Eltern, auch aus der Mittelschicht, leisten sich eine Nanny.» Das habe mehrere Vorteile.

Für die Familie Schmid wurde der Spagat zwischen Arbeit und Kinderbetreuung zur Belastung. «Bevor wir Lisa hatten, standen wir oft unter Strom», sagt Bea Schmid. Die Herausforderungen begannen mit dem Kita­Eintritt des Kleinen. «Jaro war ständig krank und konnte mehrmals im Monat nicht hingehen», erzählen die Eltern. Sie hätten während der Arbeit wie auf Nadeln gesessen. Eine Ersatzbetreuung zu organisieren, kostete viel Kraft und Geld.

«Es hat uns fast zerrissen»

Es kam auch vor, dass Bea Schmid im Jugendheim nicht rechtzeitig Feierabend machen konnte, um Jaro pünktlich von der Kita abzuholen. Dazu kam, dass der ältere Sohn Elja seit der beginnenden Pubertät ganz andere Bedürfnisse und Themen hat als der Kleine. «Es hat uns als Familie und Paar fast zerrissen», sagen Bea und Philipp Schmid. Angehörige, die bei der Betreuung hätten aushelfen können, gibt es nicht. Die Arbeitspensen weiter zu reduzieren, lag nicht drin, zumal Papa Philipp bereits oft zu Hause einspringen musste. Per Zufall hatten Schmids damals von der Nannyvermittlung, der Frauenzentrale erfahren.

Einfach fiel der Entscheid nicht. «Die Kosten waren schon ein Thema», sagt Bea Schmid. Zwei Tage Kita pro Woche kosteten 1200 Franken im Monat, jetzt bezahlt die Familie 2500 Franken. «Eins zu eins vergleichen lässt sich das natürlich nicht, wir haben mit Lisa viel mehr Stunden abgedeckt», sagt Bea Schmid. Immerhin: Die Familie erhält Betreuungsgutscheine von der Stadt Luzern in der Höhe von 900 Franken, weil die Vermittlungsstelle von der Stadt geprüft und bewilligt ist (siehe Box unten).

Mama Bea sagt Tschüss. Jaro bleibt mit der Nanny zu Hause.
Mama Bea sagt Tschüss und geht zur Arbeit. Jaro bleibt mit der Nanny zu Hause.

Trotz finanzieller Belastung sind die Schmids zufrieden: «Wir bereuen es keinen Augenblick, unsere eigene Mary Poppins zu haben», sagt Bea Schmid. «Sie hat Ruhe und Konstanz in die Familie gebracht – wir sind entspannter, das überträgt sich auf die Kinder.» Die belastenden Kita-Tage sind passé, das Bringen und Holen entfällt, der Kleine kann morgens aufstehen, wann er will, und im vertrauten Umfeld spielen. «Schon beim Kennenlernen hat Jaro Lisa bei der Hand genommen und ihr sein Zimmer gezeigt», sagt Mutter Bea Schmid. Der Grössere, Elja, isst nun zu Hause – die Nanny koche viel besser als die Hortköche – und kann danach spontan mit Freunden abmachen. «Lisa hilft mir manchmal bei meinen Ämtli – etwa den Geschirrspüler ausräumen», sagt Elja und lacht.

Auch die Betreuerin selbst sagt: «Es hat von Anfang an gestimmt.» Ihre Arbeitstage sind lang und voll. Sie weckt den Grossen, macht Frühstück, wartet, bis der Kleine wach ist, spielt, kocht, geht spazieren, einkaufen, auf den Spielplatz und macht auch mal die Wäsche. Sie sei abends schon müde, «ich gehe aber immer glücklich nach Hause».

Es ist Lisa Baders erste Anstellung als Nanny. «Meine Kinder sind erwachsen, und ich hatte Lust, etwas Neues zu beginnen», sagt die gelernte Dentalassistentin. Als sie das Stelleninserat der Frauenzentrale Luzern las, brauchte sie nicht lange zu überlegen. «Ich setze mich sehr gerne mit Kindern auseinander, mag es, ihre Fragen zu beantworten, sie in den Alltag zu integrieren.»

Arbeitszeit und Lohn geregelt

Nach einer Grundausbildung samt Nothilfekurs für Kleinkinder erhielt Lisa Bader einen Arbeitsvertrag von der Frauenzentrale Luzern. Sie ist im Unterschied zu vielen anderen Nannys direkt bei der Vermittlungsorganisation angestellt. Das bietet Vorteile: Arbeitszeiten, Rechte und Pflichten, Ferienanspruch, Versicherungen oder Lohn sind klar geregelt. Die Frauenzentrale übernimmt auch Lohn- und Rechnungsstellung (siehe Box auf Seite 17). «Ich kann mich so auf meine Hauptaufgabe konzentrieren: die Betreuung der Kinder», sagt Lisa Bader.

Nanny Lisa, Jaro (Mitte) und Elja beim Backen
Teamwork: Betreuerin Lisa, Jaro (Mitte) und Elja backen gerne – zum Beispiel Teigmännchen.

Wichtig sei, dass von Beginn an Klarheit darüber herrsche, welche Grundsätze die Eltern in der Erziehung haben. «Ich passe mich hier an», sagt Lisa Bader. Essenziell sei zudem ein regelmässiger Austausch. «Einmal pro Woche trinken wir am Abend Kaffee, um uns auszutauschen», sagen Lisa Bader und Bea Schmid. Sie ­besprechen schwierige Situationen oder planen die nächsten Wochen. «Jaro hat viel Energie und kann manchmal sehr wild sein, da fliegt dann schon mal Spielzeug durch die Luft», sagt Bader. «Man muss Ruhe bewahren und ihn danach auf die Situa­tion ­ansprechen.» Beim ­Grossen sei die Zeit, die er vor der Spielkonsole verbringt, ein Thema. «Es ist nicht immer einfach.» Sie findet aber immer einen Weg, die beiden zum Lachen zu bringen. Sei es mit Grittibänzbacken, Uno spielen, Schmetterlinge basteln – oder eben mit einem Flug durch die Wohnung.

* Die Namen wurden auf Wunsch der Familie geändert.

Weitere Informationen:

Nannyverein
Frauenzentrale Luzern
Profawo
Lehrgang Nanny SRK Zürich
Verband Kinderbetreuung Schweiz

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