04. Januar 2017

Martin Suter suchte den Elefanten in sich

«Elefant» heisst sein neuer Roman, der ab 18. Januar erhältlich ist. Er handelt von einem kleinen rosa Elefanten, für den ein Genforscher, ein Obdachloser und eine Tierärztin sich in aberwitzige Machenschaften verstricken. Ein Gespräch über Identität, freundliche Randständige und seine strengste Kritikerin.

Martin Suter mit einer kleinen Elefantenfigur
Martin Suter mit einer kleinen Elefantenfigur, die anders als jene im neuen Roman nicht leuchtet.

Martin Suter, Ihre Frau ist Ihre erste Leserin. Wie kritisch ist sie?

Zum Glück ist sie sehr kritisch. Für sie ist es ein Stress, sagt sie. Sie hofft immer, dass mein neues Buch gut ist, sie müsste mir nämlich sagen, wenn es das nicht ist. Das ist eine Verantwortung, die schwer auf der Stimmung lastet, die paar Tage, die sie am Lesen ist.

Gibt es auch gröbere Korrekturen?

Bei meinem ersten Roman «Small World» habe ich nach ihrem Feedback richtig viel umgeschrieben. Figuren gestrichen. Erzählstränge rausgenommen. Das war eine grössere Reparatur, nicht der kleine. Service

Haben Sie inzwischen bereits im Kopf, was Ihre Frau sagen könnte, sodass nur der kleine Service nötig wird?

Ich habe es schon im Kopf. Aber sie überrascht mich immer wieder von Neuem. Und sie hat immer recht – zum Glück.In Ihrem neusten Buch «Elefant» schreiben Sie über einen kleinen rosa Elefanten, der im Dunklen leuchtet. Wie kamen Sie auf das Thema?

Ich bin nicht auf das Thema, sondern auf den Elefanten gekommen. Vor zehn Jahren, an einer Alzheimertagung in Tübingen, erwähnte ein Hirnforscher in einem Nebensatz, dass es gentechnisch möglich wäre, einen winzigen rosa Elefanten zu erzeugen. Diese Vorstellung hat mich nicht mehr losgelassen. Ich dachte immer wieder, darüber könnte ich schreiben. Entstanden ist eine Abenteuergeschichte.

In der Recherche haben Sie sich mit den Chancen und Risiken der Gentechnik und dem Wesen der Elefanten beschäftigt. Was hat Sie dabei besonders berührt?

Die Frage der Würde eines solchen Lebewesens. So ein winziger Elefant fühlt sich wie ein Elefant. In meiner Vorstellung hat er dasselbe Auftreten wie die grossen Elefanten im Zoo oder in der Wildnis, bewegt sich gleich, hat dasselbe Selbstbewusstsein – und trotzdem ist er ein Huscheli.

Wie konnten Sie sich in das Wesen des Elefanten hineinversetzen?

Ich versetzte mich nicht in meine Figuren. Ich finde die Vorstellung, dass sich jemand in mich versetzt, auch nicht angenehm. Bei Menschen sage ich immer: Ich suche den Verbrecher, den Mörder, den Gemeinen in mir. Wir haben das alle im Ansatz in uns. Jetzt habe ich den Elefanten in mir gesucht.

Ihre Helden sind ein obdachloser Alkoholiker und eine Tochter aus reichem Haus mit einer unglücklichen Familiengeschichte – das steckt auch in Ihnen?

Ja. Ich glaube, wir alle haben das in uns. Die Frage der Identität ist immer ein Thema in meinen Büchern: Wer bin ich, wer könnte ich auch noch sein?

Haben Sie eine Technik, wie Sie die Charaktere wachsen und Form annehmen lassen?

Ich habe keine eigentliche Technik. Ich setze mich hin und schreibe. Das inspiriert mich am meisten. Beim Erfinden einer Geschichte und Herausfinden, wie sie weitergeht, führe ich eine Art schriftliches Selbstgespräch. Das bringt etwas System in meine Gedanken. Vieles verwerfe ich wieder. Das ist fast der wichtigste Teil beim Geschichtenschreiben.

Leiden Sie auch beim Schreiben?

Nein, meistens macht es mir Spass. Ich leide höchstens, wenn ich nicht so weiterkomme, wie ich möchte. Da denke ich: Ich wäre froh, wäre es dann einmal geschafft. Meine Bücher werden nicht besser, je mehr ich leide.

Für Ihre Bücher recherchieren Sie viel vorab. Wie ist das Verhältnis Recherche zu Schreiben?

Schreiben ist schon der grössere Teil. Die Art Bücher, die ich schreibe, die Art Realismus, die mir gefällt, setzt aber eine genaue Recherche voraus. Trotz meiner Bemühungen erhalte ich immer wieder Briefe von Lesern, die mich korrigieren.

Für den «Elefant» sind Sie in ein neues Milieu abgetaucht, in die Obdachlosenszene. Wie haben Sie das Vertrauen der Randständigen gewonnen?

Das sind ziemlich unvoreingenommene Leute. Es gibt in der Stadt Zürich dieses wunderbare Angebot vom Verein Surprise: Obdachlose oder Leute an oder jenseits der Armutsgrenze führen durch ihr Zürich. Da habe ich teilgenommen. Einer der Obdachlosen hat mir vor der Führung gesagt: Du kommst mir aber nicht in Schale!

Sie wussten schon mit 16, dass Sie Schriftsteller werden wollten. Als Ihr erster Roman «Small World» erschienen ist, waren Sie fast 50. Warum hat das so lange gedauert?

(lacht) Das habe ich mich auch schon gefragt. Mit 20 brauchte ich einen Beruf, von dem ich leben kann und der mir erlauben würde, auf eigenen Beinen zu stehen. Da ich nichts gelernt hatte, fiel mir nur eins ein: Schreiben. So stiess ich auf den Beruf des Werbetexters, den ich über viele Umwege ergriffen habe.

Haben Sie die Idee zu Ihrem Buch «Small World» lange mit sich herumgetragen?

Nein. Mein Vater starb in fortgeschrittenem Alzheimerstadium. Ich hatte nie im Sinn, darüber zu schreiben. Doch dann ging er immer weiter zurück in seine Vergangenheit und erinnerte sich plötzlich an Dinge, die er uns nie erzählt hatte. Wie den Spitznamen, den er als Kleiner hatte. Und er kannte alle Leute auf alten Bildern, mich aber nicht immer. Jahre nach seinem Tod dachte ich: Was wäre, wenn er in der Vergangenheit ein brisantes Geheimnis gefunden hätte? Wie könnte er es erzählen? So entstand die Idee zu «Small World».

Ihre neueren Romane sind verglichen mit «Small World» sehr schlank und aufgeräumt. Empfinden Sie das auch so?

Das habe ich auch schon gedacht. Lese ich ältere Manuskripte, empfinde ich die Texte als sehr elaboriert. Das finde ich nicht immer gut. Ich schreibe heute nicht schneller, eher langsamer. Mein Ziel ist die Reduktion. Als Werbetexter und Reporter gefielen mir Wortspielereien. Heute empfinde ich das als nicht sehr erzählerisch.

Bei «Small World» war es für die Leser anspruchsvoller, der Handlung zu folgen.

(lacht) Der Hauptvorwurf der Kritiker lautete damals, das Buch sei anspruchslos. Es waren happige Kritiken: ein typisches Werbetexterbuch. Umso mehr freut es mich, dass sich das Buch in den letzten 20 Jahren rehabilitiert hat.

Bestsellerautoren werden selten als Literaten gefeiert. Verletzt Sie das?

Nein. Ich verstehe das. Es gibt Literaturkritiker, die finden, der Autor dürfe nicht auf den Leser schielen. Ich finde das überhaupt nicht. Ich kommuniziere mit, ich schreibe für den Leser, den Leser Suter.

Sie meinen Ihre Frau?

Nein, eigentlich schreibe ich für mich – das, was ich gerne lesen würde. Ich bediene schamlos den Leser Martin Suter. Sonst würde ich mich ja langweilen.

Im SRF-Literaturclub zu «Montecristo» sagte Kritikerin Christine Lötscher: «Mich hat die hölzerne und rhythmuslose Sprache gestört». Und Elke Heidenreich meinte: «Also, grosse Literatur ist das nicht». Was sagen Sie dazu?

Kritiker kritisieren, ich schreibe – und ich würde nicht tauschen wollen.

Hat Sie das nicht genervt?

Genervt ja, doch schlimm ist das nicht. Ich nehme Kritik aber in der Regel schon ernst. Oft sage ich mir: Oh, da ist was dran, das sollte ich mir überlegen. Das kenne ich von meinen Jobs in der Werbung und im Journalismus. Da gibt es dieses Mimosenhafte nicht, man arbeitet im Team. Und da heisst es auch mal: «Das ist doof». Texte sind nichts Heiliges.

Haben Sie unter Ihren Büchern ein bestimmtes Lieblingsbuch?

Derzeit der «Elefant». Das aktuellste ist jeweils mein Favorit, mein Baby. Aber meine Frau hat ein Lieblingsbuch. Immer wenn sie ein neues Buch von mir gelesen hat, sagt sie: «Es ist gut, aber nicht so gut wie ‹Die dunkle Seite des Mondes›.»

Was gefällt Ihrer Frau an diesem Buch so gut?

So genau habe ich das noch nie gefragt. Ich erinnere mich aber, dass ich ihr erzählt habe, dass ich an einem Buch arbeite, das über weite Strecken im Wald spielt. Später hat sie mir gestanden, dass sie damals gedacht habe: ganz schön langweilig. Vielleicht ist es die Überraschung, die sie für das Buch eingenommen hat.

Sie leben seit eineinhalb Jahren wieder in der Schweiz: Wie fühlt sich das an?

Sehr gut. Aber wir waren nicht völlig weg. In den vergangenen Jahren waren wir immer mal wieder in der Schweiz. Schliesslich sind Familie und Verlag hier.

Warum sind Sie zurückgekommen?

Wir haben 22 Jahre auf dem Land gelebt, jetzt wollen wir wieder mal an einem Ort sein, wo man ins Theater oder in die Oper gehen kann. Darum haben wir uns für Zürich entschieden. Dazu kam, dass unsere Tochter eine gute Schule und ein wenig stabilere Lebensumstände brauchte.

Was vermissen Sie von Guatemala?

Das Haus und die Leute, die nach dem Haus schauen. Sie haben Kinder, die auf unserem Grundstück geboren und aufgewachsen sind. Wir haben fast wie in einer Grossfamilie gelebt. Das vermissen wir.

Im Ausland konnten Sie als Schriftsteller ziemlich anonym leben. In Zürich ist das wohl weniger so. Wie leben Sie damit?

Auch meine Fischhändlerin in Ibiza hat eines Tages ein Buch zum Signieren unter dem Tisch hervorgezogen. Einmal hat mich sogar jemand in Myanmar angesprochen und gefragt: «Sind Sie nicht dieser Schriftsteller?»

Ist Ihnen das lästig?

Nein, es kommt ja auch nicht ständig vor. Auch in Zürich nicht. Angesprochen werde ich höchstens, wenn gerade ein neues Buch herausgekommen ist.

Was hat sich in der Schweiz in den letzten 20 Jahren verändert?

Dieser Graben. Ich meine nicht den Röstigraben, sondern die politische und gesellschaftliche Gespaltenheit des Landes. Das habe ich nicht so in Erinnerung. Selbst in den 68er- oder den 80er-Jahren war das nicht so extrem. Auch der Graben zwischen Arm und Reich wächst, das ist aber ein weltweites Problem.

Weshalb haben sich diese Gräben so vergrössert?

Viel liegt an der Entdeckung des Shareholder Values. Dass eine Fabrik heute bloss möglichst viel Geld erwirtschaften muss. Das Ziel ist nicht mehr, möglichst viele Leute in Brot und Arbeit zu halten. Das hat die soziale Kälte gefördert.

Wo früher Patrons waren, sind heute Manager am Ruder. Über diese Gattung Mensch schreiben Sie besonders gern.

In meinem früheren Beruf habe ich viele Manager kennengelernt. Ich weiss, was sie motiviert und wie sie denken. Das Hauptmotiv dieser Leute ist die eigene Karriere, das Wohlergehen der Firma ist bloss ein Abfallprodukt.

Haben Sie in Ihrem Freundeskreis noch Leute, die in Banken arbeiten?

Ja, ich habe Freunde, die Banker und Manager sind. Manager waren übrigens meine treuesten Leser, in der «Business Class»-Zeit.

Warum haben Sie sich ausgerechnet an dieser Sorte Mensch festgebissen?

Wenn ich mehr von der Welt der Medizin oder der Lehre verstehen würde, dann hätte ich wahrscheinlich etwas Ähnliches aus dem Spital oder der Universität geschrieben. Da gibt es die gleichen Intrigen und Egozentriker.

Nach «Montecristo» sind Sie in Interviews zum Bankenplatz Schweiz befragt worden. Sie wurden fast als Finanzexperte gehandelt.

Ich hoffe, dass ich jetzt nicht zum Experten für Gentechnik werde. Ich suche nicht nach einem Thema oder einer Botschaft, und ich will auch niemandem etwas beibringen. Aber klar: Es ist logisch, dass die Journalisten nicht nur über das Buch schreiben können.

Wie fühlt man sich, wenn man plötzlich zum Experten wird?

Manchmal ist es peinlich, weil ich ja keiner bin. Ich recherchiere, was ich für meine Geschichte brauche. Als Experte tauge ich nicht.

Die «FAZ» hat Sie als nationales Gewissen der Schweiz bezeichnet. Laut einer Analyse des Gottlieb-Duttweiler-Instituts sind Sie unter den Top Ten der Denker hierzulande.

Ach ja? Das müssen Sie mir schicken, damit ich es über meinem Schreibtisch aufhängen kann (lacht). Natürlich habe ich das lieber, als wenn man sagt, ich habe eine hölzerne Sprache. Aber eben: Man wird manchmal überschätzt und manchmal unterschätzt. Das ist das Schicksal von uns allen.

Fotograf: Gian-Marco Castelberg

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