22. August 2016

Nach Verlust zurück ins Leben finden

Vor zweieinhalb Jahren begleitete Markus Latscha seine krebskranke Frau Arlette in den Freitod. Für das Buch «Glück ist Leben» hat er aufgeschrieben, wie er nach diesem Abschied lernen musste, mit seiner Trauer und dem Alleinsein umzugehen.

Für Markus Latscha ist der Abschied von seiner ver­storbenen Frau 
Arlette noch nicht ab­geschlossen.
Für Markus Latscha ist der Abschied von seiner verstorbenen Frau Arlette noch nicht abgeschlossen.

Arlette Herzig ist schon seit über zwei Jahren tot – und dennoch weiterhin sehr präsent im Leben ihres Mannes Markus Latscha (50). Ihr Foto hängt im gemeinsam aufgebauten Fitnessstudio in Basel, sie erscheint dort auf der Website und ist selbst auf dem Anrufbeantworter noch zu hören. «Manche sind etwas schockiert, wenn sie anrufen und ihre Stimme hören», sagt Markus Latscha. «Andere finden, ich solle das grosse Bild auf der Website mal ersetzen. Doch Arlette war eine sehr präsente Person. Der dominante Platz passt.»

Markus Latscha und Arlette Herzig hatten sich an der Universität Basel kennengelernt. Beide absolvierten dort seit 1987 ein Sportstudium und wollten Primarlehrer werden. Doch ihre Pläne änderten sich, und aus Mitstudenten wurden nicht nur Geliebte, sondern auch Geschäftspartner. Nach diversen Reisen und Ausbildungen in Amerika eröffnete das Paar 2002 auf dem Gundeldinger Feld das erste Body-and-Mind-Studio in Basel.

Im gleichen Jahr wurde Hochzeit gefeiert. «Wir waren ständig zusammen, sind um die Welt gereist und hatten gemeinsame Interessen. Die Vision vom Studio hat uns verbunden», erzählt Markus Latscha. Die Rollenverteilung war klar: «Arlette war vorwärtsgerichtet, kreativ und energiegeladen. Ich war der Ruhige, der sie machen liess.» Kinder folgten keine, dafür ein anhänglicher Hund namens Chica. Das Dreiergespann war unzertrennlich; das Leben gut.

Im April 2012 änderte sich alles. Arlette Latscha erhielt die Diagnose Darmkrebs. «Wir betraten einen Raum voller Ungewissheit», erinnert sich Markus Latscha. Mit einer Bestrahlung wurde der Tumor auf eine Grösse reduziert, die eine Operation ermöglichte. Doch nach wenigen Schnitten mussten die Ärzte abbrechen: Das Bauchfell war bereits von Metastasen befallen. Wenig später begann Arlette eine Chemotherapie, die allerdings kaum noch anschlug. «Während der Krankheit blieb unsere Rollenverteilung bestehen», erzählt Latscha. «Arlette war stark und selbstbestimmt. Und ich war für sie da. Zuerst dachten wir, das kommt schon gut. Irgendwann merkten wir, dass es nicht mehr gut kommt.» Ende 2013 unternahm das Paar eine letzte Reise in die Camargue.

Abschied und Neuanfang

Am 2. März 2014 starb Arlette mit 51 Jahren. Sie schied im Garten ihres Geburtshauses mithilfe der Sterbeorganisation Exit aus dem Leben. Begleitet von ihrer Mutter und ihrem Mann. «Die Entscheidung zum Freitod fällte sie schon kurz nach der Diagnose», erzählt Latscha. «Das war aber für niemanden in ihrem Umfeld überraschend. Sie wusste schon immer, was sie wollte.» Als sie den Hahn aufdrehte und das Pentobarbital in ihren Körper floss, ging alles sehr schnell. «Diese Entscheidung war wahnsinnig mutig. Aber für sie war es Zeit zu gehen, und wir wussten, dass ihr Leiden zu gross war. Ausserdem konnten wir uns richtig von ihr verabschieden, was sehr wertvoll war.»

Wie findet man als Partner zurück ins Leben? «Zeit hilft. Ich machte stundenlange Spaziergänge mit unserem Hund oder habe meditiert. Wenn man seinen Partner verliert, muss man sich neu finden und entscheiden, wie man die verbleibende Zeit sinnvoll nutzt.»

Diesen Juli nahm sich Markus Latscha eine einmonatige Auszeit in Fuerteventura. «Nach dem Tod des Partners nimmt man nicht gross an gesellschaftlichen Ereignissen teil. Man fühlt sich fehl am Platz. Doch ich war nicht allein: Eine Freundin von mir hat ebenfalls ihren Partner verloren. Mit ihr kann ich mich austauschen.» Man finde die bedeutungsvollen Momente bei Menschen, die Ähnliches erlebt haben.

Seine Geschichte für das Buch «Glück ist Leben» nun noch einmal zu erzählen, hat Latscha geholfen. In der Anthologie berichten zwölf Menschen, die ebenfalls vor grosse Herausforderungen gestellt waren, wie sie ihr Schicksal gemeistert haben und heute ein glückliches Leben führen.

Das Abschiednehmen von Arlette ist für Markus Latscha ein Prozess, der bis heute anhält. Ihr Zimmer hat er bis heute nicht geräumt; ihr Auto stand noch ein ganzes Jahr lang im Hof. «Eines Tages bin ich auf­gewacht und wusste: Es kann weg.» 

Buch: «Glück ist Leben. Wie man sein Leben ­bestimmt – bemerkenswerte ­Menschen erzählen», Alfonso Pecorelli (Herausgeber), Riverfield Verlag 2016. Bei Ex Libris für Fr. 19.10 erhältlich.

Bilder: Kostas Maros

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