23. November 2017

Marinas Organe leben weiter

Als die 28-jährige Marina tödlich verletzt im Spital liegt, muss Familie Fuchs entscheiden: Sollen die Organe der Sterbenden zur Transplantation freigegeben werden? Heute ist die Familie froh, nach langem Ringen eingewilligt zu haben.

Marinas Familie schaut sich Fotoalben an.
Marinas Eltern und die beiden Schwestern bedrückt der Tod der Jüngsten noch heute.
Lesezeit 7 Minuten

Marina ist omnipräsent. An der Wand im Wohnzimmer, wo ein postergrosses Schwarz-Weiss-Porträt und daneben zwei Rahmen, gefüllt mit Aufnahmen aus ihrem 28-jährigen Leben, hängen. Auf einer Kommode liegt ein aufgeschlagenes Fotobuch, das sie nach einer Reise durch Norwegen und Schweden für ihre Familie zusammengestellt hat. Das herzförmige Sofakissen ist ebenfalls mit einem Bild von ihr verziert.

Marina Fuchs muss eine strahlend schöne, temperamentvolle, fröhliche und pflichtbewusste junge Frau gewesen sein. Sie trat mit ihrem Vater, der Keyboard spielt, als Sängerin auf. Sie war sportlich und unternehmungslustig, liebte ihre Familie und war eine aufmerksame Gotte. Ihre Arbeit als Verantwortliche für den Rollstuhlsport bei der Paraplegiker-Vereinigung Nottwil LU bedeutete ihr viel.

Ihre Eltern, Bernadette (64) und Hans (66), können es noch heute nicht fassen, dass ihre jüngste Tochter gestorben ist. Sie sitzen am Esszimmertisch, neben ihnen ihre beiden älteren Töchter Monika und Karin, beide Mitte 40. Monika wohnt mit ihrer Familie im zweiten Obergeschoss desselben Hauses, das am Südhang von Egolzwil steht, Karin lebt im Nachbardorf Wauwil im Kanton Luzern.

Die Stimmung ist bedrückt. Bernadette Fuchs kämpft mit den Tränen und zerknüllt ein Taschentuch in ihrer Hand. Allen fällt es schwer, von dem Unfall zu erzählen, der Marina das Leben gekostet hat.

Der Schock sitzt tief

Es ist ein Samstagnachmittag, ein schöner Apriltag, als Marina mit ihrem Freund eine Velotour unternimmt. Nach einer Unachtsamkeit gerät sie auf die Strasse und wird von einem Auto frontal erfasst. Beim Zusammenprall erleidet sie schwerste Schädel-Hirn-Verletzungen. Innert Kürze ist die Rega vor Ort und fliegt die Verletzte ins Inselspital Bern, wo sie mehrere Stunden lang untersucht und operiert wird. Dann versetzen die Ärzte sie in ein künstliches Koma.

Als ihre Eltern nachts um vier Uhr erstmals zu ihr dürfen, wissen sie bereits, dass die Situation äusserst kritisch ist. Hans Fuchs erinnert sich: «Es hiess, wir müssten mit allem rechnen», sagt er mit leiser Stimme. Und wenn Marina überlebe, werde sie nicht mehr die sein, die sie gekannt hätten, sondern ein pflegebedürftiger Mensch mit schweren Beeinträchtigungen. Der Schock sitzt tief.

Kinderfotos von Marina
Was bleibt: Erinnerungen an das Leben mit Marina.

In den folgenden zwei Wochen wechseln die Angehörigen sich ab: Die Eltern gehen täglich ins Spital, Karin und Monika immer dann, wenn ihr Familienleben mit je drei Kindern es zeitlich erlaubt. Die Ungewissheit belastet alle schwer. Wenn sie am Spitalbett stehen, fühlen sie sich verzweifelt und ohnmächtig.

Marinas Bewusstlosigkeit ist so tief, dass sie keinerlei sichtbaren Lebenszeichen mehr von sich gibt. Trotzdem bleibt die Hoffnung, es werde alles gut. Doch nach 14 Tagen kommt der Zusammenbruch. Der verantwortliche Arzt teilt den Eltern mit, dass ihre Tochter «Hirninfarkt um Hirninfarkt erleidet und im Verlauf der nächsten Stunden sterben» werde.

Spenden – ja oder nein?

In dem Moment, sagt Bernadette Fuchs, sei eine Welt für sie zusammengebrochen. Man liess die Familie, die sprachlos war, einige Minuten allein. Doch schon bald kehrte der Mediziner zurück und fragte, ob Marina einen Organspenderausweis besitze. Die Eltern verneinten. Ob sie sich trotzdem vorstellen könnten, einer Organspende zuzustimmen. Bernadette Fuchs spürte, wie sich alles in ihr sträubte: «Ich dachte: Nein, das halte ich nicht aus! Da stirbt meine Tochter, und dann soll sie auch noch aufgeschnitten und verunstaltet werden.»

Der Arzt, inzwischen in Begleitung einer Vertreterin der Fachorganisation Swisstransplant, habe sie mit viel Feingefühl behandelt und betont, dass er keinen Druck aufsetzen wolle. Die Familie solle sich zurückziehen und beraten, was zu tun sei. Natürlich war allen bewusst, dass die Zeit drängte.

Das Ehepaar, die beiden Töchter und deren Partner suchten sich eine stille Ecke in einem Spitalgang. Eine der wichtigsten Fragen, die sie umtrieb, lautete: Was hätte Marina gewollt? Sie hatte ja immer eine starke soziale Ader gehabt und war in ihrer Arbeit in Nottwil aufgegangen.

Die Bindung zur Mutter war besonders eng gewesen – sie war ihr Nesthäkchen, das 14 Jahre nach den beiden Älteren geboren wurde; Bernadette Fuchs meinte sich zu erinnern, dass Marina sich einmal «grundsätzlich positiv gegenüber Organspenden geäussert hatte». Genügte das, um einen Entscheid zu fällen?

Die Familie diskutierte hin und her. Den Ausschlag gaben schliesslich die Schwiegersöhne, die die Familie aufforderten, sich eine junge Mutter oder einen jungen Vater vorzustellen, die oder der dank Marinas Herz oder Leber überleben könnte und sonst vielleicht sterben müsste.

Jetzt war ein Entschluss gefasst. Die Familienmitglieder waren sich einig, wie wertvoll die Organe einer kerngesunden 28-Jährigen sind und wie schade es doch wäre, sie bei der Kremierung zu vernichten, statt damit das Leben einiger Menschen zu retten oder mindestens deutlich zu verbessern.

Die Ängste waren unbegründet

Zurück im Spitalzimmer, eröffnete die Familie dem zuständigen Arzt, dass sie der Transplantation von Marinas Herz, Leber und Nieren zustimmten. In der folgenden Nacht starb Marina – kurz darauf erhielten vier Menschen eins der vier gespendeten Organe.

Am Mittag des folgenden Tages konnte die Familie von Marina Abschied nehmen. Die Angehörigen litten besonders darunter, dass sie seit dem Unfall nicht mehr mit ihr hatten sprechen können: «Wir wollten ihr doch noch so viel sagen.» Ihr Körper war nach der Organentnahme wieder zugenäht worden, und die Ängste der Angehörigen, sie werde nach der Operation verunstaltet sein, erwiesen sich als unbegründet.

Sofakissen mit Bild von Marina
Marinas Herz sowie Leber und Nieren haben vier Menschen das Leben gerettet: «Damit lebt auch Marina weiter.»

Familie Fuchs weiss nicht, wer die Frauen und Männer sind, die die gespendeten Organe erhalten haben. Sie kann aber jederzeit bei Swisstransplant anrufen und sich nach deren Befinden erkundigen. Sie hat bereits drei Mal mit der Stiftung telefoniert und erfahren, dass es den Empfängern von Marinas Herz, Leber und Nieren sehr gut gehe: «Heute wissen wir, dass wir richtig entschieden haben. Es tröstet uns, dass diese vier Menschen weiterleben, und damit auch unsere geliebte Marina.»

Organspende geht uns alle an

Franz Immer (Swisstransplant)
Franz Immer

In der Schweiz sterben pro Woche durchschnittlich zwei Personen, weil keine Spenderorgane zur Verfügung stehen. Franz Immer (50), Direktor von Swisstransplant, über Ausnahmesituationen und Lösungsversuche.

Franz Immer, wo steht die Schweiz in Sachen Organspende im internationalen Vergleich?

Im europäischen Vergleich befindet sie sich leider nur im hinteren Drittel. Deshalb wird unsere Warteliste immer länger. Zurzeit gibt es über 1500 Menschen, die auf ein Spenderorgan warten. Die Anzahl Spender reicht nicht, darum sterben Jahr für Jahr 120 bis 150 Patienten – Erwachsene und Kinder. Im Durchschnitt zwei pro Woche.

Laut Umfragen befürworten über 80 Prozent der Bevölkerung das Spenden von Organen. Warum werden in der Schweiz so wenig Organe gespendet?

Immerhin werden jährlich rund 200 000 Spenderkarten bestellt. Nur finden die wenigsten den Weg ins Portemonnaie ihres Besitzers, sei es, weil kein Platz mehr für eine weitere Karte vorhanden ist, sei es, weil die plastifizierten Karten nicht stabil genug sind und zu schnell kaputtgehen.

Warum ist es für Angehörige und Partner so schwierig, sich für eine Organspende zu entscheiden, wenn sie den Willen des Verstorbenen nicht kennen?

Sie befinden sich in einer existenziellen Ausnahmesituation, in der sie ohnehin schon bis an ihre Grenzen gefordert sind. Wenn die Frage an die Angehörigen herangetragen wird, kennt rund die Hälfte den Wunsch des Verstorbenen nicht. Hier stellvertretend einzuwilligen, ist sehr schwierig. Das Nein erscheint ihnen psychisch weniger belastend und folgenschwer als ein Ja.

Wie beurteilen Sie den Fall von Marina Fuchs und ihrer Familie?

Das ist ein geradezu klassischer Fall. Die Tochter beziehungsweise Schwester war ein besonders sozial eingestellter Mensch, engagierte sich in wohltätigen Institutionen und wurde von allen als grosszügig erlebt. Eltern willigen deutlich häufiger in die Organspende ein, weil die Spende oftmals dem viel zu frühen Ableben wenigstens einen gewissen Sinn geben kann. Deutlich mehr Mühe bekunden Männer und Frauen, die ihre Partner oder Partnerinnen verloren haben und nun entscheiden müssen. Sie sagen öfter Nein, da man viel zu selten darüber spricht. Viele denken, der Tod werde uns erst im hohen Alter ereilen.

Im Oktober wurde die Volksinitiative «Organspende fördern – Leben retten» lanciert. Jede verstorbene Person soll automatisch zum Spender werden, wenn sie dies zu Lebzeiten nicht ausdrücklich abgelehnt hat. Was wollen Sie zur Situation beitragen?

Wir wollen ein Register lancieren, in dem alle ihren Wunsch online deponieren können, unabhängig davon, ob sie Organe und Gewebe spenden wollen oder nicht. Abgesehen von Deutschland haben ja die meisten europäischen Nachbarn die sogenannte «vermutete Zustimmungslösung» gewählt: Dabei gilt jeder als potenzieller Spender, der nicht ausdrücklich Nein gesagt hat. Eine Lösung, die in der Schweiz immer und immer wieder diskutiert und im Zuge der Initiative wohl bald erneut zum Thema wird. Auch mit dieser Lösung werden die Angehörigen jedoch stets nach dem Wunsch des Verstorbenen befragt, denn diesen gilt es bestmöglich zu berücksichtigen.

Wer darf spenden?

Das Alter spielt keine Rolle, unser ältester Spender überhaupt war 88, seine Leber und Nieren wurden erfolgreich transplantiert. Organspende geht uns alle an.

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