06. September 2017

Erziehungsexpertin Margrit Stamm über zuviel Lob

Wenn Kinder zu oft gelobt werden, entwickeln sie sich zu Prinzessinnen und Prinzen mit einem unrealistischen Selbstbild, sagt Margrit Stamm.

Ein Mädchen mit Krone
Kinder, die zuviel gelobt werden, mutieren zu schwierigen Prinzessinnen oder Prinzen
Lesezeit 5 Minuten

Wie viel Anerkennung tut einem Kind gut?

Eine für alle geltende Grenze gibt es nicht. Ein ängstliches Kind braucht vielleicht mehr Lob als ein selbst sicheres. Grundsätzlich gilt: Kinder brauchen nicht immer und für alles Anerkennung. Sie brauchen Lob nur dann, wenn sie etwas geleistet oder vollbracht haben.

Mit welchen Problemen haben Kinder zu kämpfen, die zu viel Anerkennung bekommen?

Sie können sich nicht ein- und unterordnen, nicht warten und schlecht verlieren.

Warum ist das eine Folge von Lob?

Bekommt ein Kind dauernd Lob zu hören, fördert dies sozusagen den ­Appetit auf mehr. Wenn immer alles super ist, was es macht, verzerrt sich sein Selbstbild, und es verlernt, kritikfähig zu sein. Kritik hilft aber. Durch wohlwollende Kritik entwickelt das Kind ein realistisches Selbstkonzept.

Wann soll man Kinder kritisieren?

Ein Beispiel: Ein Kind fertigt eine Geburtstagszeichnung für sein Grosi, gibt sich aber überhaupt keine Mühe, sondern kritzelt hastig etwas hin. Die Mutter sagt nichts und verbessert die Zeichnung selbst – sie nimmt somit dem Kind alles ab. Wenn die Mutter hingegen findet, das Kind könne viel sorgfältiger zeichnen, sollte sie ihm das sagen. So lernt das Kind, eine Aufgabe gewissenhafter zu erledigen, sich zu überwinden und an einer Sache dranzubleiben.

Sind Durchhaltewillen und Sorgfalt nicht Fähigkeiten, die Kinder in der Schule lernen können?

In Schule und Kindergarten lässt sich weiterentwickeln, was ansatzweise schon da ist. Wird ein Kind daheim ständig gelobt und entlastet, stellt es sich schnell quer, wenn es mal nicht so reibungslos läuft.

Wie können Eltern lernen, sich mit Lob zurückzunehmen?

Als Erstes muss man bereit sein, sein eigenes Verhalten ehrlich anzuschauen, und sich bewusst werden, wie sehr man sein Kind mit Lob überschüttet. Man muss im Alltag aufmerksam werden und aufhören, immer alles kommentieren und ­kontrollieren zu wollen – und Distanz zum Kind gewinnen.

Mit Lob kann man Kinder also nicht stärken. Wie gewinnen sie denn an Selbstbewusstsein?

Indem sie Hürden und Hindernisse überwinden und Risikosituationen bewältigen. Selbstbewusst wird man, wenn etwas gelingt, wofür man kämpfen musste. Ich habe kürzlich ein Mädchen beobachtet, das auf einem Mäuerchen balancierte. Die Mutter liess es machen, obwohl das Unterfangen gefährlich war. Nachdem es die zwei Meter geschafft hatte, strahlte das Mädchen über das ganze Gesicht. Es hatte diese Riesen-herausforderung gemeistert, seine Angst überwunden und eine Risikosituation bewältigt. Das war aber nur möglich, weil die Mutter ihrem Kind etwas zutraute.

Sind Eltern also verantwortlich, wenn Kinder sich zu Prinzen und Prinzessinnen entwickeln?

Nein. Man kann nicht den Eltern die Schuld geben. Verwöhnte Kindersind nicht nur ein Ergebnis von zuviel Lob, sondern auch eine Folge einer Angst- und Sicherheitskultur. Viele Eltern stehen unter Druck, haben Angst zu versagen. Wir sehen ja alle, wie schnell Eltern nervös werden, wenn ihr Kind im Tram schreit.

Eltern halten die negativen Gefühle ihrer Kinder oft schlecht aus.

Genau. Da ist die Angst, das Kind könnte psychischen Schaden nehmen, wenn man nicht sofort reagiert, sobald es sich schlecht fühlt. Zudem gibt es für jegliche kindliche Eigenheit Fachstellen, die Eltern auffordern, sich sofort beraten zu lassen. Trotz- oder Schreikinder gelten heute in jedem Fall schon als Risikokinder – damit spricht man den Eltern aber ab, dass sie mit Trotzkindern umgehen können.

Warum hat die Gesellschaft sich in diese Richtung entwickelt?

In den vergangenen Jahren ist das Bild entstanden, Kinder seien bloss verletzbar und schützenswert. Vor 20 Jahren hingegen hielt man Kinder noch für robust; man traute ihnen zu, Selbstkompetenz aus sich selbst heraus zu entwickeln. Viel zu oft übernehmen heute die Eltern diese Aufgabe. In der Folge werden Kinder abhängig. Ich fürchte, dass sie dadurch zu verweichlicht und zu wenig widerstandsfähig für das Leben sind – ob nun draussen in der Berufswelt oder im Privat­eben.

Was passiert mit diesen Kindern, wenn sie älter werden?

Das Behüten zieht sich oft ins Erwachsenenalter hinein. Es gibt zum Beispiel Mütter, die den Lehrer anrufen, weil ihr Kind infolge einer schlechten Note ein Tief hat und nicht zur Schule gehen kann. Es gibt Eltern, die ihre Kinder an Prüfungen und sogar an Eröffnungsveranstaltungen an der Universität begleiten. Auf diese Weise findet eine Fortsetzung der Unmündigkeit statt.

Sind verwöhnte Kinder eine Folge der Tendenz, kindliche Anliegen immer ernster zu nehmen?

Es ist gut, dass es Dinge wie die UN-Kinderrechtskonvention gibt und Kinder das Recht auf ein gesundes Aufwachsen haben. Der sehr wichtige Gedanke, den Nachwuchs ernst zu nehmen, geht aber heute weit über die ursprünglichen Anliegen hinaus. Ich sehe auch, dass Erziehungsratgeber oft dramatisieren.

Sehen Sie einen Ausweg?

Nur mit einer Veränderung in der Gesellschaft: Man müsste die Angst weniger pflegen und überlegen, ob es die Beratungsfachstellen im bestehenden Ausmass braucht. Es wäre sinnvoller, sich mit den Erziehungskompetenzen der Eltern zu beschäftigen und das Aufwachsen des Kindes mit seinem Auf und Ab wieder als etwas Normales zu betrachten.

Margrit Stamm (66) ist Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education in Bern und emeritierte Professorin der Universität Freiburg.

Margrit Stamm über elterliche Aufmerksamkeit und kindliche Frustrationstoleranz

Kinder bekommen heutzutage viel Aufmerksamkeit. Warum halten Sie das für problematisch?

Die Auswirkungen beobachtet man schon bei kleinen Kindern: Viele Kindergartenkinder brauchen ständige Aufmerksamkeit und können kaum akzeptieren, wenn etwas nicht so läuft, wie sie wünschen. Das ist anstrengend.

Kann man Kinder lehren, mit Frust umzugehen?

Ja, man kann ihnen beibringen, mit negativen Erfahrungen und Gefühlen umzugehen, indem man sie nicht ununterbrochen betreut und nicht stets hinrennt, wenn etwas ist. Man muss ein Kind bei einem Brettspiel auch nicht absichtlich gewinnen lassen oder das ältere Geschwister beim Wettrennen anstiften, langsamer zu rennen.

Weniger Beachtung wäre also gut?

Oft. Aber viele Elternpaare getrauen sich kaum mehr, weniger Aufmerksamkeit auf die Kinder zu richten und mehr auf die eigene Befindlichkeit als Paar – und deshalb die Kinder mal für sich sein zu lassen. Es wäre aber ein Geschenk für die Kinder, wenn die Erwachsenen nicht mehr jeden ihrer Schritte kontrollieren würden.

Viele Eltern scheinen auch unsicher zu sein.

Ja, es fehlt Eltern häufig an Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit. Viele von ihnen haben verlernt, intuitiv zu beurteilen, ob ein Kind nun tatsächlich in Gefahr ist, ob bloss das Risiko dafür besteht oder ob das Kleine nur gerade unpässlich ist. Es gibt ja heute für alles ein Notfalltelefon. Und so landen Kinder heute mit 37 Grad Körpertemperatur in der Notfallstation.

Warum geraten Eltern so schnell in Panik?

Das Umfeld spielt eine grosse Rolle. Eltern stecken einander an: Wenn im Quartier alle schnell auf Panik machen, muss man sehr stark sein, um dem standzuhalten. Es findet oft auch ein Wettbewerb unter Müttern statt: Welche Mutter hat die grösste Nähe zum Kind? Welches Kind schmust am häufigsten mit Mami?

Nehmen moderne Mütter ihre traditionelle Mutterrolle zu ernst?

Obwohl viele Frauen berufstätig sind, haben ihre Kinder immer noch eine massive Bedeutung. Die Gesellschaft verlangt gewissermassen von Müttern, dass das Kind immer an erster Stelle kommt. Und die Mutter wird nach wie vor als die für die Erziehung verantwortliche Person angesehen. Das erzeugt Druck: Die Mutter ist verantwortlich dafür, ob und wie gut das Kind gefördert wird und ob es sich psychisch gut entwickelt. Diese neue Mutterschaftsideologie führt vor allem zu Schuldgefühlen und zu Burn-outs bei den Müttern

Benutzer-Kommentare