26. Juli 2018

Margareta Magnusson entrümpelt

Die schwedische Autorin räumt gern und gut auf – und hat zum Thema einen Bestseller geschrieben. Ein Gespräch über die Lust, sich von angesammelten Dingen zu verabschieden, und die Unterschiede von Frau zu Mann.

Margareta Magnusson: mehr Glück mit weniger Dingen
Margareta Magnusson fand mit weniger Dingen ihr Glück und gibt das Rezept an andere weiter.

Margareta Magnusson, warum haben Sie ein Buch über das «Döstädning» oder Entrümpeln geschrieben?

Ein Freund meiner Tochter hatte grosse Mühe, als er mit seinen Eltern Dinge entsorgte. Besorgt erzählte er es meiner Tochter. Sie sagte ihm, sie mache sich keine Sorgen, denn ihre Mutter sei eine Expertin. Er rief «Wow» und fragte, ob ich denn nicht ein Buch darüber schreiben könne. Also habe ich es versucht und hatte wirklich sehr viel Spass dabei.

Das Buch war ursprünglich für ältere Menschen gedacht. Heute ist Döstädning auch unter Jungen ein Trend. Was halten Sie davon?

Das ist doch perfekt. Man kann an jedem Punkt im Leben mit Döstädning beginnen. Es geht darum, sein Leben zu organisieren, damit das Zuhause nicht überfüllt ist von Dingen, die man nicht braucht. Bei jedem Objekt fragt man sich: Brauche ich das, habe ich das gern? Aber ich weiss ja selbst, wie es ist: Wenn man jung ist und die Karriere ins Laufen kommt, hat man etwas Geld, das man gern ausgeben möchte. Sieht man tolle Dinge, denkt man: Das möchte ich wirklich haben! Ich möchte den Menschen diese Freude nicht nehmen, auf keinen Fall. Aber ich wünsche mir, dass es den Menschen nicht mehr so wichtig ist, viele materielle Dinge zu besitzen.

Von vielen Wohnungen kann man wirklich etwas lernen. Sie sind schön, praktisch und spärlich möbliert, inspirierende Räume, die leicht sauber zu halten sind. Ich versuche mir da immer etwas abzuschauen. Dann denke ich über meine eigene Wohnung nach und entschliesse mich vielleicht, noch ein paar Sachen mehr wegzugeben.

Aus: «Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen»

Wie viele Dinge braucht man denn? Meine Chefin besitzt zum Beispiel 34 Porzellantassen.

Das sind ganz sicher zu viele. Ich spreche im Buch über eine Freundin, die zwölf Käsereiben hatte. Völlig unnötig. Inzwischen hat sie elf weggegeben. Einige der Tassen von Ihrer Chefin haben vielleicht schöne Goldverzierungen. Aber die kann man ja nicht einmal in den Geschirrspüler tun, sonst gehen sie kaputt. Diese Dinge sind nun wirklich nicht praktisch. Warum sollte man sie behalten? Das ist eher etwas fürs Museum. (Lacht)

Manche Sachen wegzuwerfen ist schwer, ja fast unmöglich, obwohl sie ganz offenkundig unnütz und wertlos sind. Bei meinem Umzug in eine Zweizimmerwohnung merkte ich auf einmal, dass ich einige Familienmitglieder, die mich mit ihren traurigen Glasaugen anschauten, komplett vergessen hatte. Unsere innig geliebten Stofftiere.

Aus: «Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen»

Sie sind sehr gut darin, Dinge loszuwerden. Wie schaffen Sie das?

Man muss ja nicht alles, was man mag, weggeben. Wenn man an etwas wirklich Freude hat, sollte man es behalten. Etwas anderes ist es, wenn man Dinge aus Gewohnheit behält. Weil man vielleicht denkt, die Kinder werden es einmal schön finden und gebrauchen können. Dabei ändert sich der Geschmack, das musste auch ich lernen. Wenn man wirklich nicht sicher ist, kann man etwas noch eine Weile behalten. Vielleicht fällt einem die Entscheidung in ein paar Jahren leichter. Ich war immer gezwungen, rasch zu entscheiden, weil ich mit der Familie oft umgezogen bin. Und mit fünf Kindern besassen wir zwangsläufig mehr von allem. Da kann man nicht immer alles mitnehmen. Vielleicht hat man einen Container, aber auch darin findet längst nicht alles Platz. Diese Dringlichkeit hat mir sicher geholfen.

Wenn Ihre Eltern oder sonst jemand Ihnen ausrangierte Sachen anbietet, die Sie eigentlich gar nicht wollen, sollten Sie ehrlich sein und sagen: Danke, aber dafür habe ich keinen Platz. Dinge, die man in seiner eigenen Wohnung nicht mehr haben will, einfach in eine andere Wohnung zu verfrachten, ist für niemanden eine gute Lösung.

Aus: «Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen»

Man sollte sich also sehr genau überlegen, wo ein Gegenstand ein neues Zuhause finden könnte. Bieten Sie keine Sachen an, die dem Geschmack des Empfängers nicht entsprechen oder nicht in seine Wohnung passen. Solche Geschenke sind für den Beschenkten nur eine Belastung, und wenn er Angst hat, Ihre Gefühle zu verletzen, fällt es ihm womöglich schwer, Nein, danke zu sagen.

Warum ist es so schwer, Dinge loszulassen, wenn man nicht gerade umziehen muss?

Wahrscheinlich vor allem aus Gewohnheit. Ältere Menschen sammeln Dinge, weil sie glauben, ihre Kinder oder Freunde möchten sie bekommen und sich darum kümmern. Aber das ist keine gute Idee. Man muss doch die Menschen fragen, ob sie später etwas Bestimmtes haben möchten. Wenn man denkt, sie würden es lieben, sie aber sagen «ich hasse es», dann muss man es wirklich nicht mehr aufbewahren.

Gibt es etwas, das Sie mit grosser Freude entsorgt haben?

Ja, natürlich. Als ich umzog, gab es Dinge, die zuvor einfach einen Platz im Haus ausgefüllt hatten. In der neuen Wohnung hatten sie schlicht keinen Platz mehr. Zum Beispiel dekorative Geschenke, die ich nicht besonders mochte, aber sie störten im Haus ja nicht, also blieben sie einfach. Durch den Umzug hatte ich endlich einen Grund, sie zu entsorgen, ohne unhöflich zu sein. Wie wundervoll!

Bedauern Sie, etwas weggegeben zu haben?

Nein, wirklich nicht. Vielleicht hat das auch mit meinem Alter zu tun: Ich brauche nicht mehr vieles, aber ein Bügeleisen und einen Toaster schon. Und die Möbel sollen meinen Augen gefallen. Ich glaube, ich habe die richtigen Dinge behalten.

Ich bin an einem herrlich sonnigen Wintertag im Bikini Ski gefahren. Es ist schon merkwürdig, wenn man bedenkt, dass ein Badeanzug in den Alpen nützlich sein kann, Skistiefel beim Schwimmen dagegen eher nicht. Was also sollte man behalten, wenn man alt wird? Natürlich den Badeanzug.

Aus: «Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen»
Ist das noch wertvoll oder kann es weg?
Ist das noch wertvoll oder kann es weg?

Wie ist es denn für Menschen, die gern viele Dinge haben, sich in dieser Fülle wohlfühlen?Hilft es ihnen, wenn sie Döstädning machen?

Nun, wenn sie gern in einem kleinen Chaos leben, ist das doch gut. Sie fühlen sich ja darin wohl. Ich möchte die Menschen nicht verändern, das könnte ich auch gar nicht. Mir geht es einfach darum, einen Weg aufzuzeigen, wie man seinen Gerümpel leichter los wird. Für all diejenigen, die auch gern weniger besitzen würden, beschreibe ich, wie ich das gemacht habe.

Wenn der Bereich der Wohnung, den ich mit viel Mühe und Aufwand schön gestaltet habe, ständig zugefüllt wird, stimmt irgendetwas nicht mit der Art und Weise, wie ich meine Wohnung eingerichtet und organisiert habe.

Aus: «Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen»

Ich kenne viele Leute, die in einer chaotischen Wohnung leben und den Eindruck machen, sie fühlten sich pudelwohl. Auf mich wirken sie irgendwie skurril. Ich verstehe sie nicht. Trotzdem beneide ich sie manchmal, denn niemals könnte ich mich in solch einer Wohnung wohlfühlen.

Wenn ich gern mit Döstädning beginnen würde, mein Partner sich aber sträubt: Wie gelingt es trotzdem?

Es könnte genauso gut umgekehrt sein: dass der Mann die Frau überzeugen möchte (lacht). Aber das Lustige ist: Es sind wohl vor allem die Frauen, die gern neue Dinge kaufen, und vor allem die Männer, die nicht gern Dinge weggeben. Diese Mischung bringt es mit sich, dass wir immer mehr besitzen und horten. Mein Mann hatte zum Beispiel wahnsinnig viel Werkzeug. Und das hat mir oft etwas gebracht: Wenn ich etwas werkeln wollte, musste ich ihn nur fragen, ob er dies und das besitze, und eine Weile später fand er, was ich benötigte. Also habe ich auch davon profitiert, dass er nichts weggeben wollte.

Sind Frauen besser darin, einen Haushalt zu organisieren?

Ich glaube es, ja. Das war während Hunderten von Jahren so. Aber heute ändert es sich: Viele Männer schmeissen jetzt selbständig den Haushalt, sie sind sogar Innendekorateure und befassen sich mit der Art, wie wir leben. Die Verhältnisse ändern sich, das ist interessant und macht mir Freude.

Es macht keinen Spass, ‹Wo ist der Schlüssel?› zu spielen, wenn man ihn vor sich selbst versteckt hat.

Aus: «Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen»

Vielleicht hatte der Grossvater Damenunterwäsche in seiner Schublade oder die Grossmutter einen Dildo im Schrank. Aber was spielt das nach deren Tod noch für eine Rolle? Sie weilen nicht mehr unter uns, und wenn wir sie gemocht haben, sollte uns das nicht weiter bekümmern. Lassen wir einander unsere kleinen Freuden, solange wir niemandem damit wehtun.

Beim Entrümpeln geht es neben Kleinkram auch um Möbel.

Sie schreiben, dass wir alle ein Geheimnis haben. Es könnte unsere Nachfahren vielleicht verunsichern, wenn sie es nach unserem Tod finden. Wie regelt man das?

Als ich nach dem Tod meiner Mutter bei ihr aufräumte, entdeckte ich in einem Schrank ein paar Schachteln Zigaretten. Sie hatte also heimlich geraucht, was mich erstaunte. Ich möchte nicht, dass meine Kinder wegen meiner Geheimnisse erschrecken oder sich sorgen. Darum entsorge ich alles, das sie wütend oder traurig machen könnte. Das ist wohl die beste Lösung.

Im Buch sprechen Sie auch darüber, wie man mit den Eltern über deren Tod spricht, obwohl sie das nicht wollen. Wie packt man es an?

Das ist natürlich schwierig, weil man seine Eltern ja nicht traurig machen will. Aber sie wissen ja, dass sie nicht für immer hier sein werden – nur weil sie alt sind, sind sie nicht dumm. Vielleicht geht man mal mit ihnen in den Estrich oder in den Keller und schaut gemeinsam, was es so hat. Man arbeitet sich langsam durch die Dinge und fragt, ob sie daran noch Freude haben und was sie damit in Zukunft bezwecken. So kommt man langsam ins Thema hinein. Und es ist auch schön, beim Entrümpeln seine Hilfe anzubieten.

Ältere Menschen haben manchmal Mühe, wenn sie in eine kleinere Wohnung oder ins Altersheim ziehen sollen. Wie bespricht man dieses Thema am besten?

Wenn ältere Menschen damit zufrieden sind, wie sie leben, wollen sie es nicht ändern. Aber irgendwann müssen sie vielleicht umziehen, auch wenn sie das nicht realisieren wollen. Das Leben ändert sich ja für alle von uns ständig, ob wir wollen oder nicht. Das hat nichts mit dem Alter zu tun. Da muss man sich zusammenreissen und es einfach tun, fertig. Wir dürfen nicht damit rechnen, dass irgendwann jemand anderes alles für uns regelt. Diese Haltung nervt mich. Man muss Verantwortung für sich und sein Leben übernehmen.

Mein drittes Döstädning führte ich nicht in einem fremden, sondern in meinem eigenen Haus durch. Als der Mann, mit dem ich 48 Jahre lang verheiratet gewesen war, nach langer Krankheit starb, stand ich vor der schwierigen Aufgabe, seine Sachen wegzuräumen und gleichzeitig zu überlegen, was ich bei meinem Umzug in eine kleinere Wohnung mit meinen eigenen Sachen mache.

Aus: «Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen»

Sie erwähnen auch immer wieder, wie toll und nützlich Computer, Tablet und Smartphone sind, die Sie alle rege benützen. Viele ältere Menschen tun sich aber sehr schwer damit.

Ja, das ist leider so. Ich habe Freunde, mit denen ich gar nicht richtig kommunizieren kann, weil sie keinen Computer haben. Sie haben so alte Telefone, dass man damit nicht mal ein Bild versenden kann. Das macht gar keinen Spass. Es nervt mich, wenn alte Leute sagen: Nein, das ist nichts mehr für mich. Ich habe natürlich auch meine Schwierigkeiten damit und fürchte mich davor, einen falschen Knopf zu drücken. Die digitale Welt entstand erst, als ich schon erwachsen war. Aber dann muss man sich halt Hilfe holen! Fragt jemanden, der zehn oder zwölf Jahre alt ist, und er wird euch alles super erklären. Er weiss ja alles. Alte Menschen sollten sich nicht dafür schämen, um Hilfe zu bitten. In Schweden gibt es ein tolles Programm: eine Art Klub, in dem ältere Menschen, die gut mit digitalen Gadgets umgehen können, anderen älteren Menschen alles beibringen. Wir sind mehr als tausend Menschen allein in meinem Stadtteil von Stockholm! Das ist wirklich super.

Warum liegt Aufräumen und Entrümpeln für Sie im Trend?

Weil wir zu viel und unüberlegt konsumieren. Es wird uns aber zum Glück langsam bewusst. Und ich denke auch, dass wir langfristig unser Konsumverhalten ändern werden. Besser man überlegt sich bereits beim Kauf, ob man etwas braucht, dann muss man sich später gar nicht erst mit der mühsamen Entsorgung herumschlagen.

Hilft Döstädning auch emotional?

Es ist schon eine Erleichterung, Dinge loszuwerden. Aber ich glaube nicht, dass wir dabei immer unseren Tod im Hinterkopf haben sollten – eher das Ziel, ein besseres Leben zu führen. Als ich aus dem grossen Haus in eine kleine Wohnung gezogen bin, habe ich meinen Besitz stark verkleinert. Das war zugleich ein Ballast, der von mir abfiel. Danach muss ich mir nicht mehr überlegen, was ich mit all dem Zeug machen will, weil es eben nicht mehr viel ist. Das fühlt sich echt gut an. Meine kleine Wohnung ist zwar immer noch voll von Dingen. Aber es sind alles Dinge, die ich liebe und die für mich keinen Ballast darstellen.

Welche Rückmeldungen erhalten Sie auf Ihr Buch?

Zunächst einmal wahnsinnig viele! Und ich sehe, dass Menschen tatsächlich mit Döstädning beginnen und sich bei mir bedanken. Sie finden es wundervoll, Dinge loszuwerden, und erzählen mir sogar, wie viele Kilo sie entsorgen oder weggeben. Ich hätte nicht gedacht, dass das für so viele so interessant sein kann.

Nach Ihrem Tod wird niemand seine kostbare Zeit damit verschwenden müssen, den Krempel zu entsorgen, den Sie schon jetzt nicht mehr benötigen.

Aus: «Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen»

Wenn Ihre Wohnung entrümpelt ist und Sie jetzt nur noch besitzen, woran Sie Freude haben – was tun Sie mit all der freien Zeit?

Viel Beachtung und Zeit spende ich meinem Balkon. Ich habe viele Blumen und geniesse all die schönen Dinge, die ich noch besitze. Weil es nur noch wenige sind, bekommen sie alle mehr Beachtung.

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