18. August 2017

Fotograf der Stars

Bis 2003 hatte er ein eigenes Studio in Olten, heute holt Marco Grob in New York Grössen aus Film, Politik und Gesellschaft vor seine Linse. Der Weg an die Spitze seiner Gilde erforderte viel Mut. Ende Woche wird er am International Photo Festival in Olten davon berichten.

Marco Grob
Ist 280 Tage im Jahr mit seiner Kamera auf der ganzen Welt unterwegs: Fotograf Marco Grob.

Marco Grob hat mit Johnny Depp Gitarre gespielt, sich von Steve Jobs beim Lunch über das Wesen der Fotografie ausfragen lassen und mit Bill Murray einen lustigen Nachmittag beim improvisierten Fotoshooting im Museum of Modern Art verbracht. «Es gibt schon Momente, da stehe ich da, die Welt bewegt sich wie in Zeitlupe, und ich staune, dass ich, der Oltner Bueb, das wirklich alles machen darf.»

Der 52-jährige Schweizer lebt seit 2008 in New York und gehört zu den gefragtesten und erfolgreichsten Fotografen der Welt . Er hat die Bildsprache des «Time»-Magazins mitgeprägt, einen der begehrten Emmys für den Dokumentarfilm «Beyond 9/11» (2011) gewonnen und ist 280 Tage im Jahr unterwegs, um Geschichten auf der ganzen Welt zu dokumentieren.

«Der rote Faden des Festivals ist Mut»

Vom 25. bis 27. August ist er wieder einmal in seiner Heimatstadt Olten, wo er gemeinsam mit Freunden das International Photo Festival organisiert hat. Dort wird es Fotos zu sehen geben, vor allem aber auch die Menschen dahinter, die ihre Geschichten erzählen. «Der rote Faden des Festivals ist Mut», sagt Grob. «Cory Richards etwa ist einer der ersten Amerikaner, die ohne Sauerstoff auf dem Mount Everest standen, ganz allein. Giles Duley trat in Afghanistan auf eine Mine, hat beide Beine und einen Arm ver­loren – und ist jetzt wieder unterwegs in Kriegsgebieten und fotografiert. Beide sind gute Freunde und werden in Olten von ihrer Arbeit und ihrem Leben erzählen.»

Auch Marco Grob selbst wird berichten, was es gebraucht hat, um Starfotograf in New York zu werden. In die Wiege war ihm das nämlich nicht gelegt worden – im Gegenteil. Die Schweiz sei ein traumfeindliches Land, die Bevölkerung eher ängstlich, findet Grob. «Das ist vermutlich typisch bei einem derart hohen Wohlstand.» Entwickle man hier zu viele Fantasien, heisse es rasch, man solle doch bitte realistisch bleiben. «Aber wer so was sagt, hat einfach nur einen Mangel an Vorstellungsvermögen.» Dennoch hat auch er lange so gelebt. «Natürlich hatte ich Träume, aber es brauchte eine Zäsur, um mich an die Umsetzung zu wagen.»

Die kam, als seine Mutter 2003 starb. «Plötzlich wurde mir klar, dass auch meine Zeit hier nicht unendlich ist. Und dass ich es jetzt tun muss, wenn ich noch was anderes aus meinem Leben machen will.» Er verliess Olten und zog nach Kapstadt (Südafrika), begann für Redaktionen zu arbeiten und musste erst mal ein paar Jahre unten durch. «Ich lebte von der Hand in den Mund, im wahrsten Sinne des Wortes am Kap der guten Hoffnung», erzählt er und lacht. Doch er sammelte wertvolle Erfahrungen und realisierte: Es ist zwar nicht leicht, aber es geht.

Seine Wanderjahre führten ihn noch in weitere Städte, der Traum jedoch war New York. «Hier sitzen die grossen, wichtigen Magazine. Wenn man es hier schafft, spielt man in der Liga der ganz Grossen mit.» Und genau das wollte Grob. 2008 wagte er es. «Mitten in der ausbrechenden Finanzkrise, was alles nochmals schwerer gemacht hat.» Der Anfang war hart, aber schliesslich gelang es ihm, für das «New York Magazine» fotografieren zu dürfen.

Der Durchbruch kam mit Hillary Clinton

Seine Arbeit dort wurde wahrgenommen. Eines Tages rief plötzlich Kira Pollack an, die renommierte Fotochefin des «Time»-Magazins, und sagte, sie brauche jemanden für ein Fotoshooting mit Hillary Clinton, ob er zu haben wäre. Das Bild kam dann aufs Cover und war Grobs Durchbruch.

«Wenn Marco ein Porträt macht, nutzt er, was er vorfindet und macht es besser», sagt Kira Pollack über seine Arbeit. «Er verwandelt Unsicherheit in Selbstvertrauen, Verletzlichkeit in Stärke. Dadurch sehen wir seine Porträtierten in einem ganz anderen Licht als sonst. Mit seiner Arbeit verwandelt er Augenblicke in Geschichte und macht Menschen zu Ikonen.»

Der «Oltner Bueb» wurde zu einem der wichtigsten Fotografen von «Time», die Aufträge kamen von allen Seiten. «Ich hatte das grosse Glück, dass ich es gewagt habe, meinen Stil durchzuziehen, und dieser Stil zu diesem Zeitpunkt bei den richtigen Leuten gerade gefragt war», erklärt der Fotograf heute seinen Erfolg. «Aber das ist eben New York: Auch Kira ist ein Risiko eingegangen, indem sie mich anfragte – und es hat sich ­gelohnt.»


An die Zusammenarbeit mit grossen Namen hat er sich längst gewöhnt. «Es besteht schon immer noch ein gewisser Druck, bei ihnen besonders gute Arbeit abzuliefern, weil diese Bilder einfach so hohe Beachtung finden. Aber nervös bin ich heute nicht mehr. Das sind letztlich Menschen wie andere auch, und ich habe nur ganz selten schlechte Erfahrungen gemacht.» Mit wem, verrät er nicht, das sei Berufsgeheimnis.

Menschlich kommt er Schauspielern und Musikerinnen meist näher als Politikern. «Natürlich sind auch die interessant, aber ich frage mich immer, was das für Menschen sind, die alles tun, um solche Macht zu bekommen.» Filmstars hingegen seien letztlich Künstler und somit Seelenverwandte. Mit ihnen komme es auch immer wieder zu sehr persönlichen Begegnungen, die durchaus nachwirken können. «Musikfan Johnny Depp habe ich kürzlich eins meiner Fotos von Jimmy Page gemailt, wie er Luftgitarre spielt. Da kam dann gleich eine Antwort, ich solle mich unbedingt melden, wenn ich wieder in der Gegend sei.»

Die besten Fotos entstünden immer ganz am Anfang des Shootings. «Da sind die Leute noch frisch und natürlich. Je länger man sie vor der Kamera quält, desto schwieriger wird es, noch etwas richtig Gutes zu bekommen.» Schon bald hat er in New York auch begonnen, Dokumentarfilme zu drehen und ist nun seit einigen Jahren sehr begehrt für das Herstellen von Trailern grosser Kinofilme und TV-Serien: «Doctor Strange», «Marseille», «Daredevil» «The Avengers», «The Mummy» – die Liste liesse sich endlos fortsetzen.

Marco Grobs Trailer zur TV-Serie «Legends» mit Sean Bean.

Gesellschaftliche Verantwortung

Die Arbeit mit den Stars ist aber nur eine Seite. Grob ist pausenlos auf der ganzen Welt unterwegs und dokumentiert auch schwierige Themen, etwa die Arbeit der Uno im Kampf gegen Landminen . Oder derzeit in New York die vielen obdachlosen Kinder der Stadt. «Als Fotograf, der wahrgenommen wird, hat man auch eine gesellschaftliche Verantwortung», findet er. «Bilder sind mächtig, Bilder können etwas bewirken, können Missstände ans Licht bringen, die angegangen werden müssen. Dazu will ich beitragen.»

Privat lebt er mit einer echten New Yorkerin zusammen, die zwar gern reist, sich allerdings nicht vorstellen kann, jemals aus der Metropole wegzuziehen. «Ich selbst habe ein zwiespältiges Verhältnis zu New York – es verkommt immer mehr zu einem riesigen Shoppingcenter für Touristen.»

Was kann einer wie er noch erreichen? Welche Ziele und Träume hat er noch? Grob überlegt. «Ich würde gern noch mehr Ausstellungen von meinen Werken arrangieren. Aber es stimmt schon: Risiken kann ich heute vor allem noch im Privatleben eingehen. Ich tauche gern, ich fliege selbst. Aber ich gehe für Jobs auch in Länder wie Südsudan, Irak oder Afghanistan, wo es schnell mal gefährlich werden kann.»

Eins ist klar: Auch mit zunehmendem Alter wird er nicht risikoscheuer. «Als 20-Jähriger war ich ein Feigling. Inzwischen habe ich gelernt, dass es sich lohnt, Risiken einzugehen. Damit werde ich sicher nie aufhören.»

Grob wohnt in New York, hat aber ein zwiespältiges Verhältnis zur Stadt: «Sie verkommt immer mehr zu einem riesigen Shoppingcenter für Touristen.»

International Photo Festival: Ausstellungen, Vorträge und Workshops, vom 25. bis 27. August in Olten SO. Infos/Tickets: www.ipfo.ch

Fotos: Celeste Sloman, Marco Grob

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