14. September 2017

Manal al-Sharif kämpft für Frauenrechte in Saudi-Arabien

In Saudi-Arabien dürfen Frauen nicht Auto fahren. Manal al-Sharif tat es trotzdem und postete ein Video ihrer Spritztour auf Youtube. Sie landete dafür im Gefängnis. Heute lebt die «zufällige Aktivistin» in Australien und hat über ihre Geschichte ein Buch geschrieben.

Manal al-Sharif
Manal al-Sharif lebt heute in Australien, kämpft jedoch weiterhin für mehr Frauenrechte in ihrer alten Heimat (Bild: Abduljalil Nasser).

Manal al-Sharif, warum dürfen Frauen in Saudi-Arabien nicht Auto fahren?

Als Autos erstmals aufkamen, lernten die Frauen nicht, wie man sie fährt. So wurde es zur Norm, dass dies nur Männer taten. In den 1990er-Jahren gab es deswegen erste Proteste von Frauen, worauf der Grossmufti eine Fatwa erliess, laut der das Autofahren für Frauen verboten sei. Darauf drohte das Innenministerium mit strafrechtlicher Verfolgung. Obwohl das Ministerium eigentlich keine legislative Macht hat, wird das Fahrverbot seither durchgesetzt, weil Saudi-Arabien eben eine absolute Monarchie ohne Gewaltentrennung ist. Ungerechte Gesetze lassen sich faktisch nicht anfechten.

Trotzdem setzten Sie sich 2011 hinters Steuer. Wie kam es dazu?

Ich hatte während eines Austauschprogramms in den USA den Führerschein gemacht und besass auch ein Auto. Dennoch war ich wie alle saudischen Frauen auf einen Fahrer angewiesen. Wir dürfen uns allein nicht frei bewegen, weder zur Arbeit noch im Notfall zum Arzt. Eines Abends fand ich keinen Fahrer, der mich nach Hause gebracht hätte. Ich ging also zu Fuss und wurde dabei fast gekidnappt, was mich sehr wütend machte. Ich forschte nach und realisierte, dass es gar kein richtiges Gesetz zu diesem Fahrverbot gibt: Jede und jeder kann theoretisch einen Führerschein beantragen. Also setzte ich mich selbst ans Steuer und fuhr für eine Weile durch die Stadt Khobar – und es passierte: gar nichts. Ich wurde weder angehalten noch verfolgt. Ich fühlte mich frei. Und ich wollte gegen diese diskriminierende Norm ankämpfen.

So gründeten Sie die Bewegung «Woman2Drive».

Genau. Es war die Zeit des «Arabischen Frühlings», vieles war im Umbruch. Und mit Social Media gab es endlich ein Instrument, um sich mit Gleichgesinnten frei auszutauschen, ohne sich vor einer Strafverfolgung fürchten zu müssen. Mit «Woman2Drive» riefen wir alle Saudi-Frauen auf, am 17. Juni 2011 Auto zu fahren. Um ihnen die Angst zu nehmen, entschloss ich mich, selbst nochmals zu fahren und mich dabei filmen zu lassen. Das Video stellte ich dann auf Youtube .

Wie waren die Reaktionen?

Heftig. Das Video erhielt sehr viele negative Kommentare. Wir mussten es löschen, ebenso unsere Facebook-Seite. Dennoch ermutigte der Clip viele Frauen, ebenfalls zu fahren.

Die Autofahrt, die Manal al-Sharif ins Gefängnis brachte (Bild: Marwan Naamani/AF).

Und Sie kamen ins Gefängnis und wurden nur unter der Bedingung freigelassen, nie wieder zu fahren.

Ja, zudem sollte ich nie wieder mit den Medien darüber sprechen dürfen. Daran hielt ich mich auch eine Weile, weil ich meiner Familie nicht schaden wollte. Wie ich wurde sie mit Beleidigungen überhäuft. Trotzdem wollte ich diese Bedingungen nicht akzeptieren, weil sie auf keiner gesetzlichen Grundlage basieren. Ich respektiere das Gesetz, aber nur, wenn das Gesetz mich auch respektiert. Wir haben in Saudi-Arabien einfach sehr viele Normen und Gesetze, die das nicht tun. Darum habe ich angefangen, sie zu hinterfragen.

Das ist in einer fundamentalistischen Gesellschaft nicht ungefährlich. Warum haben Sie es trotzdem getan?

In der Schule lernten wir Regeln, die für mich keinen Sinn ergaben und sich unnatürlich anfühlten. Aber die Extremisten, die sie aufstellten, verlangen von den Menschen, nicht zu denken und nicht zu hinterfragen. Und sie behaupteten, nur wir seien die einzig echten Muslime und darum besser als alle anderen. Das ist der Grundsatz einer fundamentalistischen Welt. Nur wenn man sich dem widersetzt, werden solche Ansichten schwach und verletzlich.

Sie wurden in der Schule radikalisiert. Weshalb haben Sie begonnen, diese Ansichten zu hinterfragen?

Der Lehrplan diente früher in der Tat dazu, Dschihadisten auszubilden. Als ich für mein Buch meine alten Tagebücher wieder las, war ich schockiert. Aber die Anschläge in New York am 11. September 2001 änderten vieles, für mich und auch für Saudi-Arabien. Ich sah, wie Menschen getötet wurden von Dschihadisten, die ich bis dahin angehimmelt hatte. Das war ein Wendepunkt. Auch in unserem Schulsystem hat sich seither einiges geändert, aber das reicht nicht.

Was braucht es noch?

Zwar wurde die Jugend in Saudi-Arabien entradikalisiert, aber es gibt noch immer saudische Fundamentalisten, die auf der ganzen Welt versuchen, Jugendliche zu rekrutieren. Es braucht einen weltweiten Dialog, um diese Entwicklung zu stoppen, ohne dabei die radikalisierten Jugendlichen in eine Ecke zu drängen – das macht es nur noch schlimmer. Man muss mit ihnen sprechen und ihre Beweggründe thematisieren. Man muss ihnen zeigen, dass es auch anders geht. So wie das bei mir auch passiert ist. Früher trug ich den Niqab, weil das die Norm war – aber sobald niemand hinschaute, legte ich ihn ab. Hätte mir hingegen jemand einfach verboten, ihn zu tragen, ohne mir zu erklären, warum, wäre ich auch nicht einverstanden gewesen.

Viele Menschen in Saudi-Arabien führen ein Doppelleben – ein ­unterdrücktes in der Öffentlichkeit und ein freieres zu Hause.

Wann begannen Sie, aktiv gegen den Fundamentalismus zu kämpfen?

Als ich merkte, dass es überall Widersprüche gab: Eine Frau, die ihr Gesicht nicht verhüllt, gilt als Untreue, obwohl sie auch eine Muslima ist. Es ist verboten, sich fotografieren zu lassen, aber auf der Banknote gibt es ein Bild des Königs. Musik ist verboten, aber am Staatsfernsehen beginnen die Sendungen mit einer Melodie. Zudem haben wir eine strenge Trennung der Geschlechter, die überall gilt, in Banken, Büros, Restaurants, ausgerechnet an einem Ort jedoch nicht: in der heiligen Moschee in Mekka. Dort preisen Frauen und Männer gemeinsam Gott. Offensichtlich ist es unmöglich, diese Regeln überall umzusetzen. Weil sie nicht natürlich sind. Viele Menschen führen darum ein Doppelleben – ein ­unterdrücktes in der Öffentlichkeit und ein freieres zu Hause.

Dort hörten Sie sich trotz des Verbots Musik von den Backstreet Boys an. Mögen Sie die immer noch?

Heute höre ich Metal, wegen meines Bruders: Er ist ein Metalhead. Meine liebste Band heisst Breaking Benjamin.

Das Fahrverbot ist in ein rigoroses Vormundschaftssystem eingebettet. Hat Ihre Aktion geholfen, es zu lockern?

Das Autofahren ist nur die Spitze des Eisbergs. Saudische Frauen bleiben ihr Leben lang minderjährig und dürfen keine eigenständigen Entscheidungen treffen. Sie sind immer abhängig von einem Vormund, zuerst vom Vater, später vom Ehemann, bei geschiedenen Frauen oft vom Sohn. «Women2Drive» hat viele Frauen ermutigt, öffentlich ihre Rechte einzufordern. Inzwischen gibt es auch die Bewegung «I am my own Guardian». Die Regierung hat begonnen, einige Regeln zu lockern. Erst kürzlich wurde die Aktivistin Maryam al-Otaibi ohne Vormund aus dem Gefängnis entlassen. Das wäre früher undenkbar gewesen. Ihre Geschichte ist bekannt, weil Maryam mit ihrem Namen und ihrem Gesicht hinsteht und protestiert. Aber erst, wenn die Regierung ein klares Alter festlegt, ab dem eine saudische Frau offiziell als erwachsen gilt, haben wir den Kampf gewonnen.

Inzwischen wird dieser Kampf auch international unterstützt. Welche Aktionen gab es bereits?

Wir spüren eine wunderbare Art der Solidarität. In den USA hupten die Frauen für uns, auch Hillary Clinton sprach über uns, und sechs Frauen aus dem US-Kongress schrieben mir einen motivierenden Brief. In Italien gab es die «I drive with Manal»-Kampagne. Im Video zu «Bad girls» der Sängerin M.I.A. fahren saudische Frauen Auto – allerdings wurde in Marokko gedreht, weil niemand verhaftet werden wollte (lacht). Die Frauen von Femen reisten aus Rumänien nach Berlin und demonstrierten oben ohne mit Niqab und Plakaten vor dem saudischen Konsulat; darauf stand «Kamele für Männer, Autos für Frauen».

Wie reagierte Saudi-Arabien auf all das?

Die Regierung schämte sich natürlich über diese negative Aufmerksamkeit. Der männlichste Staat der Welt geriet unter Druck, das öffnete Türen für uns. Im September 2016 sagte König Salman erstmals: «Wir werden die Marginalisierung von Frauen nicht akzeptieren.» Frauen erhielten das Recht, gewählt zu werden. Und einige Regeln und Gesetze beginnen sich zu ändern. Nicht, weil die Regierung es will, sondern weil sie es muss. Saudi-Arabien will der Welt zeigen, dass sich etwas verändert.

Es ist wichtig, Wut zu fühlen. Wenn man sie kanalisieren kann, um Dinge zu verändern, ist das sehr nützlich.

Anfang Jahr wurde ausgerechnet Saudi-Arabien in die Frauenrechts- Kommission der Uno gewählt. Ziemlich absurd, oder?

Ich war schockiert. Das ist eine Beleidigung für saudische Frauen. Wir kämpfen darum, Grundrechte zu erhalten, und dann wird Saudi-Arabien in diese Kommission gewählt, als Ersatz für den Iran wohlbemerkt – das ist doch keine Verbesserung, um Gottes willen! Die Begründung war übrigens, dass Saudi-Arabien so in einer guten Position sei, um die eigenen Probleme anzugehen. Das Problem ist, dass Saudi-Arabien viel Geld an die Uno zahlt, diese aber ihre Geldquellen nicht transparent angibt. Es ist quasi eine legale Form der Korruption. Dabei stuft Freedom House Saudi-Arabien noch immer als schlimmstes Land ein, wenn es um die Menschenrechte geht. Und auch im Global-Gap-Index stehen wir weit hinten: Letztes Jahr lagen wir auf Platz 141 von 144. Nur ­Syrien, Pakistan und Jemen lagen ­hinter uns – und in all diesen Ländern kann eine Frau ­Premierministerin werden, bei uns nicht!

Sie nennen sich selbst eine «zufällige Aktivistin». Warum?

Ich sage den Menschen immer wieder, sie sollen mich nicht «Aktivistin» nennen, denn ich bin keine. Jeder Mensch sollte den Mund aufmachen, wenn er Ungerechtigkeit sieht. Wenn es alle täten, wären alle ­Aktivisten – dann bräuchte es auch das ­Label nicht mehr.

Ungerechtigkeit haben Sie auch persönlich erlebt. Was tun Sie mit der Wut, die dabei entsteht?

Es ist wichtig, Wut zu fühlen. Wenn man sie kanalisieren kann, um Dinge zu verändern, ist das sehr nützlich. Ich war immer wieder mit grossen Hürden konfrontiert. Meine beiden Söhne haben sich noch nie gesehen. Aboudi, aus meiner ersten Ehe, darf Saudi-Arabien nur mit seinem Vater verlassen. Bei einer Scheidung fällt ihm auch das alleinige Sorgerecht zu. Und mein Sohn aus zweiter Ehe, Daniel-Hamza, erhält in Saudi-Arabien kein Visum, weil meine zweite Ehe – mit ­einem konvertierten Muslim, der nicht in Saudi-Arabien geboren wurde – nicht an­erkannt wird. In solchen Situationen ­fühle ich mich hilflos. Aber bisher konnte ich die aufkeimende Wut immer irgendwie nutzen, um weiterzumachen.

Hatten Sie nie Angst, öffentlich hinzustehen und zu kämpfen?

Jeder hat Angst, aber sie existiert nur im Kopf. Man kann sie besiegen, dazu braucht es nur ein wenig Mut. Schliesslich passiert nichts, wenn man nichts wagt. Ich sage mir dann jeweils: Schliess die Augen und tu es! Als ich mich von meinem ersten Mann scheiden liess, erlebte ich einen Wendepunkt. Obwohl er mich misshandelt hatte, war meine Familie dagegen, dass ich mich scheiden liess. Trotzdem tat ich es und merkte: Hey, du kannst alles schaffen!

Letztlich steht hinter jeder erfolgreichen saudischen Frau ein Mann, der ihr den Erfolg erlaubt.

In Ihrem Buch «Losfahren» schreiben Sie über Ihre Mutter, die sehr fortschrittlich dachte. Ist sie der Grund dafür, dass Sie heute so stark sind?

Davon bin ich überzeugt. Meine Mutter war eine sehr starke Frau, und sie hatte ein grosses Herz. Sie war immer sehr streng mit uns, aber glaubte zum Glück an eine gute Ausbildung. Nur deshalb konnte ich studieren und später selbständig werden. Auch meinem Vater verdanke ich viel. Er hat sich im Laufe der Zeit stark verändert und lässt mich und meine Geschwister eigene Entscheidungen treffen. In Saudi-Arabien hängt es stark vom Vater ab, wie das eigene Leben verläuft: Ist er offen und fortschrittlich, lebt die Familie ein gutes Leben. Wenn er aber konservativ ist, hat sie es sehr schwer. Ich habe Freundinnen, die nie zur Schule gingen, und andere, die auf der Welt herumreisen und sehr gut ausgebildet sind. Letztlich steht hinter jeder erfolgreichen saudischen Frau ein Mann, der ihr den Erfolg erlaubt.

Wie andere saudische Aktivistinnen haben Sie das Land verlassen. Warum?

Ich wurde überall beleidigt, und die Regierung wollte meine zweite Heirat nicht anerkennen. Da mein Mann in Dubai arbeiten wollte, sind wir zunächst dorthin gezogen, heute leben wir in Australien. Es gibt Leute, die freiwillig gehen aber, auch viele, die nicht anders können.

Ist es einfacher, vom Ausland aus zu kämpfen?

Nein. Man ist nie so einflussreich, wie wenn man direkt vor Ort ist. Zwar bin ich entspannter, wenn ich im Ausland bin, aber ­zurück in Saudi-Arabien, spüre ich wieder diese Wut – und die bringt mich dazu, zu handeln und zu kämpfen. So kann ich viel mehr bewirken. Derzeit reise ich alle paar Wochen dorthin, um meinen Sohn Aboudi besuchen zu können. Ich treffe mich dann jeweils auch mit anderen Aktivistinnen und sorge dafür, dass man das sieht. Wir müssen weiterkämpfen, denn echte Veränderung kann nur aus dem Inneren eines Landes passieren.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Eines hat bereits begonnen, es heisst «Drive for freedom» und soll Frauen helfen, einen Führerschein zu erhalten. 5000 saudische Studentinnen leben in Australien, 120 000 in den USA. Wir sorgen dafür, dass die Frauen dort den Führerschein machen können. So wissen sie bereits, wie man Auto fährt, wenn sie nach Saudi-Arabien zurückkehren. Das zweite Projekt beginnt nach meiner Lesereise: Ich werde mit meinem Auto durch die Welt fahren und das «Women2Drive»-Schild hochhalten, zusammen mit anderen Frauen, die mitmachen wollen.

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