02. Juni 2018

Maler der Zeit

Franz Gertsch zählt zu den bedeutendsten Künstlern der Gegenwart. Ein Museum in Burgdorf trägt sogar seinen Namen. Wer ist dieser Mann, der nie etwas anderes als Maler werden wollte?

Franz Gertsch am Werk in seinem Atelier
Franz Gertsch am Werk in seinem Atelier in Rüschegg: Mit einem Hohleisen schneidet er die einzelnen Lichtpunkte aus dem eingefärbten Holzstock.
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Er ist keiner, der gern Schlagzeilen macht. Medienschaffende sind ihm suspekt. Franz Gertsch hat seine Erfahrungen mit ihnen gemacht. Mit Schweizer Kunstkritikern, die seine Arbeit und ihn – man kann es nicht anders sagen, wenn man die alten Kritiken gelesen hat – beleidigten. Das war in den 70er-Jahren und auch noch zu Beginn der 80er.

Franz Gertsch ist heute 88-jährig. Sein Blick ist wach, seine Hände sind, wenn nicht an einer Holzplatte oder an einer Leinwand arbeitend, nicht mehr die ruhigsten. Er atmet schwer. Ein Mann der Worte war er noch nie. Aber seine Botschaft beim Besuch in Rüschegg BE im abgelegenen Schwarzenburgerland ist unmissverständlich: Ach, wieder diese Medien!

Dennoch hat es der etwas knorrige Mann unlängst wieder in die Schlagzeilen geschafft. Denn mit dem Alter hat sich auch der Erfolg eingestellt. Im März vergangenen Jahres wurde sein Werk «Luciano II» in London für 3,4 Millionen Franken versteigert. Noch nie zuvor hat ein Bild eines noch lebenden Schweizer Künstlers einen so hohen Preis erzielt. Das macht Franz Gertsch zu einem der bedeutendsten Gegenwartskünstler. Seine Ausstellungensind inzwischen Publikumsmagnete; seine Werke hängen in vielen wichtigen europäischen Museen. Und er ist einer der wenigen Schweizer Künstler, nach denen ein Museum benannt worden ist: Das Museum Franz Gertsch in Burgdorf BE wird seit März erweitert, damit seine «Jahreszeiten»-Serie einen würdigen Platz bekommt.

«Luciano II» von Franz Gertsch
«Luciano II»: Für dieses Gemälde zahlte ein Käufer im März 2017 3,4 Millionen Franken. Auf dem Bild sieht man das Kunstwerk in den Räumlichkeiten des Auktionshauses Sotheby’s in London. (Bild: Matt Dunham/AP/Keystone)

Franz Gertsch hat von den 3,4 Millionen Franken Erlös übrigens nichts gesehen. «Luciano II» gehörte dem Berner Weinhändler und früheren Gertsch-Sammler Donald Hess, der das Gemälde kurz nach dessen Entstehung 1976 für rund 30 000 Franken gekauft hatte. Es war das erste Bild, das Gertsch in Rüschegg fertigstellte. Mit seinen knapp 3,5 Metern Breite und 2,5 Metern Höhe ein Grossformat, wie alle seine bekannten Werke. Damit er sie realisieren kann, steht im Atelier eine Hebebühne. Sechs bis zwölf Monate lang arbeitet Gertsch in der Regel an einem Werk. «Luciano II» chauffierten Franz Gertsch und seine Frau Maria noch persönlich auf dem Dach ihres Deux-cheveaux zum Käufer. Das waren noch Zeiten: vier kleine Kinder, ein abgelegenes Haus, ein klappriges Auto und wenig Geld.

Als er 1976 «Luciano II» malte, war er schon Anfang 40. Und was hatte er vorher gemacht? Gertschs Antwort könnte man so zusammenfassen: Er hatte sich gesucht. Als Künstler gefunden hat er sich im Spätsommer 1969. Seine Geschichte dazu ist längst Legende: Er sei allein auf den Monte Lema gewandert. Auf dem Tessiner Bergmassiv habe er beschlossen, nur noch grossformatig und realitätsnah zu malen. Die Aquarelle und die abstrakten Gemälde, die er bis dahin gefertigt hatte, verbannte Gertsch für eine lange Zeit aus seinem Leben. Erst im Alter konnte er sich mit seinen früheren Werken versöhnen.

Sein Zuhause – ein Rückzugsort

Der lange Prozess passt in die Geschichte eines Mannes, der nichts anfangen kann mit Hast. Das Leben, das in den vergangenen Jahrzehnten an Fahrt aufgenommen hat, empfindet Gertsch als übertrieben schnell, wenn nicht als völlig sinnlos. Er entzog sich dieser Beschleunigung schon früh, spätestens 1976, als er mit seiner Familie nach Rüschegg zog: Das Bauernhaus mit angebautem Tenn ist so abgelegen, dass man schon fast von Isolation sprechen kann. Es ist sein Rückzugsort. Hier kann die Welt so sein, wie Gertsch sie sich wünscht: einfach, zeitlos und durchaus romantisch. Ein bisschen so wie seine Bilder.

Franz Gertschs Atelier in Rüschegg
Franz Gertschs Atelier in Rüschegg. Seit 2006 ist er Ehrenbürger seiner Wohngemeinde.

Damals, 1976, kennt man Gertsch bereits in der Szene. Auf ihn färbt die Coolness ab, die seine Porträtierten verströmen: Luciano Castelli, das Motiv zu «Luciano II», und dessen Künstlercrew, die in Luzern ein Hippieleben führt. Gertsch begleitet sie seit 1970 mit seiner Kamera. Die «langhaarigen Freaks», wie sie die Mitbürger in Faltenhosen damals nennen, verkleiden und schminken sich. Die Fotos, die Fritz Gertsch von der Gruppe schiesst, projiziert er an die Wand seines Ateliers, um sie realitätsnah nachzumalen.

Eine schwere Kränkung

Fotorealismus, dieses überzeichnete, etwas zu glitzernde Abbild der Wirklichkeit, ist damals in den USA gerade schwer angesagt. Nun hat auch die Schweiz mit Gertsch einen Vertreter. Aber die Kritiker sind davon deutlich weniger begeistert als das Publikum, das wohl schneller begriffen hat, dass die Kunstwelt im Umbruch ist. Kunst findet nun nicht mehr nur im Museum statt. Nein, Kunst ist fortan Happening, Aktion, Prozess – und die Zuschauer sind mitten im Geschehen. Franz Gertsch ist Beobachter, und seine Werke sind Zeugen dieses Wandels.

Der bekannte Schweizer Kurator Harald Szeemann, ein früher Förderer Gertschs, hat ihn 1972 mit an die Documenta 5 genommen, zur wichtigsten Ausstellung moderner Kunst seit dem Zweiten Weltkrieg. Er macht Gertschs Gemälde «Medici» zum Titelbild – darauf ebenfalls Luciano und seine Künstlercrew. Gertsch hat zum ersten Mal weltweit Aufmerksamkeit. Doch die offizielle Schweiz zollt dem aufstrebenden Maler keinen Tribut. Noch 45 Jahre später erinnert sich Gertsch an seinem Wohnzimmertisch, wie das Bundesamt für Kultur seine Teilnahme an der bahnbrechenden Documenta 5 mit keiner Zeile erwähnte.

Diese Kränkung, die noch heute schmerzt, lässt nur im Ansatz ahnen, wie stark der Künstler Franz Gertsch in seinem Leben um Akzeptanz gerungen hat. Denn die wahre Währung der Kunst ist nicht Geld, sondern das Gefühl, dass man etwas Einzigartiges, gar etwas Unvergängliches erschaffen hat.

Franz Gertsch mit seiner Frau Maria in ihrem Zuhause
Franz Gertsch mit seiner Frau Maria in ihrem Zuhause im Schwarzenburgerland

Gertsch wollte nie etwas anderes sein als Künstler. Mit diesem Wunsch setzte er sich bei seinen Eltern durch. Statt einer Lehre absolvierte er mit 17 Jahren in Bern die Malschule. Der Unterricht fand an zwei Tagen Woche statt. In der restlichen Zeit arbeitete der Jugendliche für sich.

Auch die Verantwortung für eine sechsköpfige Familie brachte ihn nicht davon ab, den Weg des Künstlers weiterzuverfolgen. Dies zumindest der Eindruck, den Gertsch einem heute vermittelt. Wie es wirklich war, darüber will Gertsch nicht sprechen. Von Maria, seiner Frau, einer Nimmermüden und vermutlich Gertschs grösstem Glück, ist mehr zu erfahren zu ihrem Leben als Familie. Zeitweise kam sie nur über die Runden, weil Maria Gertsch haushalten konnte und als Lehrerin arbeitete, wenn das Geld gar nicht mehr reichte. Doch dann bricht sie ab, sagt, dass sie davon eigentlich nichts in der Zeitung lesen will. Themenwechsel.

Von der Ruhe mit dem Pinsel

Franz Gertsch ist ein Mann mit Ausdauer. Punkt für Punkt, so arbeitet er. Nie muss er korrigieren, das lassen die ungrundierte Baumwolle, auf die er malt, oder die Holzplatten als Vorlage seiner Holzschnitte nicht zu. Am Ende des Tages hat er eine fertige Fläche, die so gross ist wie seine Hand. «Jeder Punkt», sagt Gertsch, «entspricht einer Sekunde meines Lebens.» Er bringt Zeit auf die Leinwand und konserviert sie dort.

Gertsch erwähnte einmal, dass er es seiner depressiven Veranlagung schulde, Künstler geworden zu sein. «Sobald ich den Pinsel in die Hand nehme», sagte er in einem Interview, «überkommt mich Ruhe.» Diese innere Aufgeräumtheit lässt ihn in Gedanken reisen, wenn er malt. Er sagt, dass er sich in den Stunden, in denen er fast bewegungslos vor der Platte oder einer Leinwand sitzt, wunderbar unterhält, sich manchmal sogar regelrecht amüsiert.

«Maria» von Franz Gertsch
«Maria» entstand 2001.Der Holzschnitt ist ein Handabzug in Silberblau auf Japanpapier. (Bild: © Museum Franz Gertsch)

Während er früher die Rolling Stones vom Band im Atelier laufen liess oder die Punk-Ikone Patti Smith – die er an einem Konzert fotografierte und dann ebenfalls in Grossformat malte –, arbeitet Gertsch heute oft im Stillen. Seine Motive sind inzwischen auch längst nicht mehr schillernd oder berühmt. Er hat sich dem Einfachen gewidmet. Er zeigt, dass Schönheit überall zu finden ist – auch in so Unscheinbarem wie einer Pestwurz. Das Kraut, das er auf der Wiese vor seinem Haus findet, verewigt er auf sieben Quadratmetern.

Das Spiel mit der Realität

Franz Gertsch hatte immer eine Vision – und er hat sie immer noch: Er wolle mit seinen Werken einen Beitrag zur grossen abendländischen Kunst leisten. Der Kurator und Gertsch-Kenner Tobia Bezzola sagt, dass ihm das auch gelungen sei mit seinen zeitlosen Porträts und vorallem mit seinen monumentalen Holzschnitten, denen er sich ab Mitte der 1980er-Jahre während fast eines Jahrzehnts ausschliesslich widmete.

Der Künstler spielt mit dem Publikum. Ein Fotorealist ist er schon lange nicht mehr, auch wenn aus der Distanz seine Werke nach wie vor wie Abbilder der Realität daherkommen. Je mehr man sich jedoch dem Motiv nähert, desto weniger erkennt man. Der Blick verliert sich, und die Werke lösen sich in einzelne Punkte auf. Und während sich die Realität auflöst, stellen sich Fragen: Wie entsteht überhaupt Realität? Was, wenn einem die Wirklichkeit abhandenkommt?

Auch Willy Michel muss sich von Gertschs Umgang mit der Wirklichkeit herausgefordert gefühlt haben – oder zumindest berührt. Der «heimliche König von Burgdorf», der mit Insulinspritzen ein Vermögen machte, stand 1998 in Gertschs Atelier. Dieser malte gerade am linken unteren Rand des Riesenporträts «Silvia», für dessen Vorlage das Nachbarsmädchen der Gertschs Modell stand. Michel plante damals auf dem Grundstück des alten Burgdorfer Emmentalerlagers ein Museum. Er dachte zunächst an ein Käsemuseum. Doch von dieser Idee war Willy Michel, der schon länger Kunst sammelte, selber nicht ganz überzeugt. Nach dem Besuch änderte er spontan – und für einige ziemlich überraschend – seinen Plan: Statt eines Käsemuseums sollte das Privatmuseum Franz Gertsch entstehen. Der Künstler durfte die fünf Räume selber konzipieren.

Ein Retter in der Not

Willy Michel kam für Gertsch zum richtigen Zeitpunkt. Denn dieser steckte Ende der 1990er-Jahre in einer Krise. Schuld daran war Gertschs Galerist, dem der Erfolg in den Kopf gestiegen war, der hochgestapelt und sich dabei ruiniert hatte. Auch der Künstler verlor nach dessen Konkurs viel Geld – und das Vertrauen in das System Kunst.

«Vier Jahreszeiten» von Franz Gertsch
Die «Vier Jahreszeiten»: 2007 startete Gertsch mit der Arbeit an der Serie, 2011 war der Frühling (links im Bild) fertig. Pro Bild benötigte er rund ein Jahr. (Bild: ©Museum Franz Gertsch, Fotografie: Bernhard Strahm, Gerlafingen, 2015)

Das Museum ist nun ein Denkmal für das wohltätige Engagement des Stifters. Die Tatsache, dass Franz Gertsch in Burgdorf stets mindestens einen Raum bespielt, hat aber auch dem Künstler nochmals einen neuen Schub gegeben. Einige Leute sagen, dass Gertschs Arbeiten aus den vergangenen Jahren zu seinen besten gehören: «Die vier Jahreszeiten» als Bilder und als Holzschnitte. Sie sind noch grösser als andere Werke, aus der Nähe betrachtet noch abstrakter.

Die Kunstkritiker schnöden nun nicht mehr über Franz Gertsch. Vielleicht ist die Ruhe, die dessen Bilder ausstrahlen, nun auch endlich auf sie übergeschwappt. Ab März 2019 wird der Zyklus «Die vier Jahreszeiten» im Neubau des Franz-Gertsch-Museums zu sehen sein. Es wird, das kann man heute schon sagen, ein Ort sein, in dem die Zeit für den Betrachter für einen Moment stillsteht.

Museum Franz Gertsch in Burgdorf
Das Museum Franz Gertsch in Burgdorf wird noch bis März 2019 erweitert. (Bild: Marcel Bieri/Keystone)

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