31. Oktober 2018

Magdalena Martullo-Blocher ist gern ein Vorbild

Ein Gespräch über den aktuellen Zustand der SVP, Frauen im Bundesrat, das Verhältnis zu ihrem Vater und die legendären «Seven Thinking Steps».

Magdalena Martullo-Blocher
Magdalena Martullo-Blocher vor den Büros der EMS-Gruppe in Herrliberg ZH.
Lesezeit 9 Minuten

Magdalena Martullo-Blocher, nach den ersten Umfragen zeichnet sich ein Nein für die Selbstbestimmungsinitiative (SBI) ab. Weshalb zieht das Thema nicht?

Wir stehen noch im Meinungsbildungsprozess. Und da sich die SVP als einzige Partei dafür engagiert, braucht es von uns noch mehr Einsatz, um die Bevölkerung zu informieren. Dabei ist es ganz einfach: Es geht um die Frage, ob der Stimmbürger weiterhin das letzte Wort hat in der Schweiz.

Können Sie überhaupt noch gewinnen?

Ja, wir haben den Eindruck, dass unsere Argumente im Volk gut ankommen. Schweizer sind daran gewöhnt, über Sachthemen selbst zu entscheiden. Doch 2012 änderte das Bundesgericht leider seine Praxis und beschloss, dass anderslautende internationale Regelungen vorgehen. Das wollen wir rückgängig machen. Aus unserer Sicht soll die Schweizer Verfassung von Volk und Ständen wieder Priorität erhalten.

Eine Mehrheit macht sich Sorgen, dass eine Annahme geschätzte internationale Verträge aufs Spiel setzen könnte, etwa die Europäische Menschenrechtskonvention. Aber auch von der Wirtschaft wird die Initiative bekämpft.

Das ist Angstmacherei. Keiner der 600 Wirtschaftsverträge müsste heute angepasst werden. Auch die Europäische Menschenrechtskonvention muss nicht gekündigt werden. Aber das Volk muss weiterhin die Möglichkeit haben, Verträge zu verbessern oder sogar zu kündigen, wenn es das will.

Aber plötzlich sagt das Volk Ja zu einer SVP-Initiative, die einem dieser Verträge widerspricht – wäre nicht das erste Mal.

Genau in solchen Fällen soll die Volksmeinung wieder Vorrang erhalten. Wir dürfen doch keinen internationalen Verträgen Vorrang geben, die Volk und Stände so ausdrücklich nicht wollen.

Nur hat das Volk sich beim Abstimmen gar nicht direkt zu dem fraglichen Vertrag geäussert. Wo sehen Sie denn Potenzial für Konflikte bei einem Ja zur SBI?

Im Abstimmungsbüchlein werden solche Konflikte immer behandelt. Schon jetzt gibt es einen Widerspruch bei der Ausschaffungsinitiative. Das Volk wollte schwer kriminelle Ausländer ausdrücklich ausweisen, laut Bundesgericht jedoch hat nun die Personenfreizügigkeit Vorrang, so dass diese bleiben. Das geht doch nicht!

Wer also der SBI zustimmt, gefährdet die Personenfreizügigkeit und damit die Bilateralen Verträge mit der EU.

Man könnte sie auch neu verhandeln, einen Vorbehalt anbringen wie andere Länder das tun – oder halt kündigen, wenn man sich nicht einigen kann. Über die Personenfreizügigkeit stimmt das Volk aber sowieso noch separat ab.

Als Partei zusätzlich zu wachsen, wird wohl schwierig.

Und doch stehen Sie bei dieser Abstimmung wieder mal fast allein....

....leider haben die meisten Parteien nicht den Mut, sich gegenüber dem Ausland klar zu positionieren. Wir sind die einzige Partei, die noch für die Volksrechte einsteht...

...nur gerade die Schweizer Demokraten und die AUNS unterstützen Sie.

Das stimmt nicht. Es gibt viele Unternehmer, auch aus anderen Parteien, die nicht die gesamten EU-Regulierungen übernehmen wollen.

Ihr Vater sagte bei einem Streitgespräch im Migros-Magazin, dass es für die Gegner leicht sei, Abstimmungserfolge zu erzielen, bei denen fast alle gegen die SVP sind. Es wird also schwer für Sie.

Klar. Aber wir setzen uns ein, weil wir wollen, dass das Volk das letzte Wort behält.

Ein Jahr vor den Wahlen geht es der SVP weniger gut als auch schon: Bei kantonalen und lokalen Wahlen hat sie in letzter Zeit mehr Sitze verloren als gewonnen. Ein temporäres Formtief oder ein Stimmungswechsel im Land?

Auch gemäss den letzten Umfragen bleiben wir mit Abstand die stärkste Partei im Land. Aber zusätzlich zu wachsen, wird wohl schwierig. Es ist schon eine Herausforderung, unseren Wähleranteil und die Anzahl Sitze zu halten. Das ist unser Ziel für 2019. Und dank unserer klaren Positionierung haben wir eine stabile Wählerbasis.

Besonders viele negative Schlagzeilen gab es in der Romandie, wo sich einige prominente Parteiexponenten zurückgezogen haben. Zufall, hiess es offiziell. Wirklich?

In der Westschweiz sind wir tatsächlich noch schwach, dort fehlen uns die Parteistrukturen. Viele Kantonalsektionen sind relativ neu und personell noch nicht stabil. Aber wir arbeiten daran.

Hat es auch damit zu tun, dass die Romands bei gewissen Themen einfach anders ticken als die Deutschschweizer?

Sie stehen dem Staat eher näher als die Deutschschweizer, obwohl es natürlich auch dort Unterschiede gibt. Ein Appenzeller denkt ganz anders als ein Stadtzürcher. Wir müssen in der Westschweiz noch zeigen, dass wir in Bern zum Beispiel die aktive Wirtschaftspartei sind.

Bis zu den nächsten Wahlen wird sich das wohl noch nicht auswirken.

Als Unternehmerin weiss ich, dass eine solche Aufbauarbeit Zeit braucht. Einen Erdrutsch zur SVP werden wir 2019 wohl kaum erleben – aber wer weiss! (lacht)

Wirtschaftlich läuft es derzeit rund für die Schweiz – auch für die EMS-Chemie?

Ja, aber die ersten Anzeichen einer generellen Konjunktur-Abkühlung sind unübersehbar. Inzwischen auch an den Börsen. Bei EMS bereiteten wir uns bereits Anfang Jahr mit weltweiten Effizienzprogrammen vor. Wir hatten nun viele Jahre eine gute Konjunktur und trotzdem tiefe Zinsen. Nun ändert sich das halt wieder.

Vielen sorgen sich wegen des protektionistischeren Wirtschaftsklimas seit der Wahl von Donald Trump. Was halten Sie von seiner Strategie?

Die USA und China ringen um die Vormachtstellung in der Welt. Dabei geht es nicht nur um die Wirtschaft, sondern auch um politische und militärische Anliegen. Wenigstens gibt es mit den USA noch ein Land, das China auch einmal die Stirn bietet. Europa fehlt dazu offensichtlich die Kraft. Weil China selbst sehr protektionistisch ist, sind Trumps Argumente nachvollziehbar. Seine extreme Zollpolitik, naja – ich denke, das ist eine Einschüchterung in der Hoffnung, so Verhandlungen zu erzwingen. Auf jeden Fall bringt diese Politik viel Unruhe in den globalen Handel, und das ist nicht gut.

Also auch nicht für die Schweiz.

Wir sind von diesem Handelskrieg nicht direkt betroffen, das eröffnet uns auch gewisse Chancen. Die USA haben uns nun Interesse an einem Freihandelsabkommen auch ohne den Bereich Landwirtschaft signalisiert, was ich sehr begrüsse. Es wäre das wichtigste Freihandelsabkommen überhaupt für die Schweiz, und die Chancen für einen Erfolg standen wohl noch nie so gut wie heute.

Trotzdem würde die Schweiz eine Abkühlung der globalen Wirtschaft doch genauso zu spüren bekommen wie alle anderen.

Ja klar, wir hängen als kleine offene Volkswirtschaft und als Exportland stark von der internationalen wirtschaftlichen Lage ab. Aber wir haben auch wichtige Industrien wie die Pharmabranche, die nicht so stark davon abhängig sind und bei uns stabilisierend wirken.

Mein Vater und ich haben auch heute noch grosse Diskussionen!

Muss sich die Wirtschaftswelt generell auf schwierigere Rahmenbedingungen einstellen? Überall kommen Politiker an die Macht, die der Globalisierung skeptisch gegenüberstehen.

Weil das Volk zunehmend skeptisch ist. Vor allem in den entwickelten Ländern fragen sich immer mehr Leute, was ihnen die Globalisierung eigentlich bringt. Vor allem der Lohndruck durch Zuwanderung oder von Billiglohnländern macht ihnen zurecht Angst. Sie haben den Eindruck, dass sie verlieren. Auch wenn die Schweiz von der Globalisierung stark profitiert, müssen wir diese Ängste ernst nehmen. Bei uns bringt die Personenfreizügigkeit bei schlecht Qualifizierten über 10 Prozent Arbeitslose und Lohndruck. Mittlerweile werden auch Stellen im Bürobereich ins Ausland verlagert. Unser Lehrlingswesen und unsere Hochschulen sind wichtig, so können wir sicherstellen, dass wir weiterhin innovativ, schnell und flexibel bleiben. Immer mehr Regulierungen sind da Gift!

Aber reicht das?

Angesichts der hohen Zuwanderung hat auch die Wirtschaft eine gewisse Verpflichtung, sich bei der Integration zu engagieren. Bei EMS-Chemie haben wir kürzlich ein Pilotprojekt durchgeführt und fünf Menschen ohne Ausbildung in unsere Lehrlingsausbildung integriert. Einzige Voraussetzung war, dass sie Deutsch verstehen. Inzwischen sind vier von ihnen bei uns fest angestellt – ein grosser Erfolg. Wir sind bereit, weitere auszubilden. Es wäre schön, wenn die Behörden solchen Pilotprojekten nicht noch Steine in den Weg legen würden.

Sie haben nicht nur in der Firma, sondern auch politisch die Nachfolge Ihres Vaters angetreten. War es schwer, in derart grosse Fussstapfen zu treten?

In der Firma eigentlich nicht. Natürlich gab es am Anfang ein paar Wenige, die manchmal behaupteten, mein Vater hätte das sicher anders entschieden... Ich habe mich aber davon nicht beirren lassen. Nun sind es bereits 14, zum Teil schwierige, aber auch sehr erfolgreiche Jahre geworden.

Und politisch?

Ich habe natürlich noch nicht die Erfahrung meines Vaters. In Graubünden sagte einmal ein Parteikollege, mein Vater sei ein Mythos, ich aber sei die Realität…

Eine andere Partei wäre für Sie nie in Frage gekommen?

Wirtschaftlich wäre ich eigentlich mit der FDP in vielem einig. Aber ihre mangelnde Durchsetzungskraft und ihr fehlender Mut, aktive Wirtschaftspolitik zu betreiben, stören mich sehr. Man muss auch Unangenehmes ansprechen und Knochenarbeit machen, sonst verbessert sich nichts.

Mir fällt zu Hause die Decke auf den Kopf, ich koche zwar gern, aber putzen mag ich gar nicht.

Hatten Sie in Ihrer Jugend auch mal eine rebellische Phase?

Mein Vater und ich haben auch heute noch grosse Diskussionen! (lacht) Als Teenager dachte ich allerdings, dass ich nie politisch aktiv sein würde, denn die Belastung auch für die Familie ist gross. Nun konnte ich es doch nicht lassen, ich ärgerte mich zu stark.

Wie kommen Ihre Kinder klar mit der prominenten Rolle ihrer Verwandten?

Es ist nicht einfach – vielleicht war es früher sogar noch schwieriger. Zur Zeit der EWR-Abstimmung studierte ich in St. Gallen. Alle Professoren waren für den EWR-Beitritt und wetterten pausenlos gegen meinen Vater. Meine Kinder müssen auch vieles über sich ergehen lassen. Aber sie haben gelernt damit umzugehen. Meine Tochter fragt dann zurück: Was haben denn dein Grossvater oder deine Mutter für die Schweiz getan? Dann sind die Diskussionen schnell zu Ende.

Wo sind Sie nicht einer Meinung mit Ihrem Vater?

Bei den Grundwerten gibt es keine Differenzen. Eher bei der Herangehensweise an gewisse Probleme. Er hat Erfahrung, ich neue Ideen. Das müssen wir oft ausdiskutieren. Ich bin wohl auch ungeduldiger, fordere viel und sage, was alles noch nicht gut ist. Er ist eher ruhiger, weiss, dass nicht alles schnell geht. Er sagt mir dann, ich müsse auch mit Unvollkommenheit leben können.

Ihr Vater hat es bis zum Bundesrat gebracht – streben Sie das ebenfalls an? Etwa wenn Ueli Maurer dann zurücktritt?

Noch ist er im Amt und macht dort eine gute Arbeit. Ausserdem haben wir in der SVP viele gute Leute, die Bundesrat werden möchten. Ich hingegen müsste die Firma abgeben. Das würde mir schwerfallen, denn im Herzen bin ich zu 95 Prozent Unternehmerin und nur zu 5 Prozent Politikerin.

Würden Sie sich über zwei neue Frauen im Bundesrat freuen?

Das Geschlecht ist für mich nicht entscheidend. Wir hatten mal eine Frauenmehrheit im Bundesrat, und die Politik war nie so schlecht wie damals. (lacht) Bei Karin Keller-Sutter haben wir am 5. Dezember wohl gar keine Wahl – ob ich für sie stimme, weiss ich aber noch nicht. Entscheidend ist doch, dass jüngere Frauen inzwischen wissen, dass sie auch Bundesrätin werden können. Diese Vorbildfunktion gibt es, und das ist gut so. Mir sagen viele Frauen, ich sei für sie ein Vorbild, das finde ich schön.

Wie handhaben Sie die Gleichberechtigung? Kümmert sich Ihr Mann um die Kinder?

Ja, das hat sich so ergeben. Früher waren wir beide berufstätig und hatten eine Nanny. Inzwischen hat mein Mann die Kinderbetreuung und den Haushalt übernommen. Zu Beginn war ich etwas skeptisch – ich habe natürlich auch zu Hause Ansprüche. Die Sachen müssen erledigt sein. Aber er macht es gut. Ich finde, dass jede Familie für sich selbst entscheiden soll, was für sie am besten funktioniert. Mir fällt zu Hause die Decke auf den Kopf, ich koche zwar gern, aber putzen mag ich gar nicht. Zum Glück habe ich beruflich etwas gefunden, das ich gerne mache und auch recht gut kann.

2015 wurden Sie auf einen Schlag in der ganzen Schweiz bekannt, mit einem Film- ausschnitt im Schweizer Fernsehen über die «Seven Thinking Steps». Bei vielen ist das die erste Assoziation, wenn sie Ihren Namen hören. Wie gehen Sie damit um?

(seufzt) Das fand alles ganz anders statt als es im Film zusammengeschnitten wurde. Alles nur, um mich in die Pfanne zu hauen. Wäre das Arbeitsklima bei uns so, hätten wir nicht so viele langjährige treue Mitarbeiter. Letzte Woche habe ich einen Mitarbeiter verabschiedet, der 50 Jahre bei uns tätig war! Aber inzwischen ist der Film für mich höchstens noch eine Anekdote.

Hat Ihnen der Streifen eher geschadet oder eher genützt?

Am Ende vielleicht eher genützt –wenn die Menschen mich treffen, sagen sie immer: So schlimm sind Sie ja gar nicht! (lacht) 

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