13. Januar 2014

Männer sagen nein zur Ehe

Immer weniger Männer wollen heiraten. Die einen finden die Idee veraltet. Die anderen sehen die Ehe mehr als Haifischbecken denn als sicheren Hafen. Vier Neinsager packen aus.

Illustration über ein Paar vor dem Brautmodegeschäft
Traum oder Albtraum? Gemischte Gefühle vor dem Brautmodegeschäft. (Illustration: Nicolas Bischof)

Für Peter* (39) war es immer klar. Er wollte nie heiraten und wird es nie tun. «Es gibt etliches, was ich an einer Ehe nicht verstehe. Es ist wie bei einem Risikospiel oder an der Börse. Du setzt auf eine Zahl oder auf eine Aktie und weisst nicht, was passiert. Beim Heiraten ist es ganz ähnlich. Du weisst nicht, was sein wird.»

Peter ist aber keiner, der die absolute Ungebundenheit liebt oder dem Junggesellenleben frönt. Seit über zehn Jahren lebt der freischaffende Grafiker aus Altstetten ZH mit seiner Partnerin und dem gemeinsamen Kind zusammen. Doch dem Konstrukt «Ehe» kann er nichts abgewinnen: «Früher war Heirat eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Die Frau sicherte sich finanziell ab. Das war nichts als ein Bekenntnis zum Geld. Und heute? Ich finde es etwas schwierig, Liebe mit einem wirtschaftlichen Vertrag zu verknüpfen.»

Illustration von einer Braut, die ihren Bräutigam besitzend unter dem Arm davon trägt.
Macht der Trauschein Männer zu Marionetten? (Illustration: Nicolas Bischof)

Auch Roman* (36) ist nicht verheiratet und hat es auch nicht vor. Seit über zehn Jahren ist er mit seiner Partnerin zusammen, sie haben zwei Kinder. «Ein Kind war für uns kein Grund, zu heiraten», sagt Roman. «Wir müssen keinen Vertrag gegenüber dem Staat unterschreiben, der unser Zusammenleben besiegelt.»

Dies durchzusetzen, war zu Beginn gar nicht so einfach: Sein Vater machte nach der Geburt Druck: «Du musst heiraten und diese Verantwortung übernehmen, hat er gesagt», erinnert sich Roman. «Doch was hat Verantwortung übernehmen mit einem Ehevertrag zu tun?» Was für ihn zählt, ist das Zusammenleben im Alltag, und nicht ein Schwur oder Gelübde, das man abgelegt hat. Es ist selbstverständlich für Roman, dass er auch ohne Trauschein die Verantwortung für Kinder und Familie übernimmt. «Wir teilen uns die Kinderbetreuung, die Hausarbeiten und tragen beide zum Familienbudget bei.»

So wie Roman denken heute immer mehr Männer. Während zwar Hochzeitsmessen seit ein paar Jahren an Beliebtheit gewinnen und das altmodische Heiraten unter jungen Leuten angeblich wieder hip ist, sagen die nackten Zahlen etwas anderes: Die Zahl der Eheschliessungen ist rückläufig. Nach dem Boomjahr 2010 ist die Zahl wieder am Sinken. Sich scheiden zu lassen ist heute normal. Warum also heiraten?

Sind Paare ohne Trauschein die neuen Helden?

Heute ist es gang und gäbe, dass man ohne Heirat zusammenlebt und Kinder hat. Doch es ist noch nicht lange her, dass das ehelose Zusammenleben vielerorts sogar noch strafbar war. Das Wallis war 1996 der letzte Schweizer Kanton, der das Konkubinatsverbot aufhob.

Heute sträuben sich viele Männer oft aus grundsätzlichen Überzeugungen gegen die Ehe: Althergebrachte Konventionen müssen wir nicht mehr leben wie einst, als Dinge wie Gleichstellung oder Konkubinatsverträge in weiter Ferne lagen. Es gibt aber auch zahllose Männer, die erst nach einschneidenden Erfahrungen zur Erkenntnis gelangten, dass Hochzeit und Ehevertrag nicht das Gelbe vom Ei sind.

Dominik*, 39-jähriger Informatiker aus Wabern BE, hat in Sachen Ehe keine romantischen Vorstellungen mehr. «Die Ehe ist ein Modell, das ausgedient hat», sagt der zweifache Vater. Vor zehn Jahren heiratete er. Fünf Jahre ging es gut, dann trennte sich das Paar. «Vor dem Altar schwörst du ewige Treue. Doch das ist nicht mehr zeitgemäss», sagt Dominik. «Die Zeit ist schnelllebig, die Ehepartner entwickeln sich. Eine Scheidung ist heute normal. Warum also heiraten?» Seine Erkenntnis: «Wenn die Hälfte der Ehen wieder geschieden wird, dann stimmt etwas nicht mit der Idee der Ehe.» In der Schweiz werden jährlich gut 41'000 Ehen geschlossen, fast die Hälfte davon wird wieder geschieden, viele in den ersten sechs bis acht Jahren. Schätzungsweise drei Viertel der Scheidungen werden auf Initiative der Frauen eingereicht.

Sie hüten sich, weil sie bei einer Trennung am kürzeren Hebel sitzen

Männer bleiben je länger, je lieber alleine. In der Schweiz leben stets weniger Männer in einer Partnerschaft mit gemeinsamen Haushalt. Wohnten vor 20 Jahren 373'000 Männer alleine, sind es heute weit über eine halbe Million: 577'000, das sind 18,4 Prozent der männlichen Bevölkerung.

Als Dominik sich trennte, suchte er bei der Interessengemeinschaft Männer Bern IGM Hilfe und Beratung. Heute ist er dort selbst als Gruppenleiter aktiv. Er weiss, dass viele Männer vor dem Heiraten zurückschrecken: «Sie hüten sich davor, zu heiraten und Kinder zu haben, weil sie wissen, dass sie bei der Trennung am kürzeren Hebel sitzen.»

Was einst als sicherer Hafen galt, bedeutet heute für viele Männer ein gefährliches Haifischbecken. So auch für Michael* (37), Hauswart aus Zollikofen BE. Seine Ehe erlitt nach wenigen Jahren Schiffbruch: «Die Vorstellung, dass man auch in schlechten Zeiten zueinander schaut, ist nicht mehr da. An der Hochzeit macht man ein Versprechen. Und dann verhunzt man es», sagt er.

Illustration von einem Bräutigam, der mit einem Strick hinten am Auto nachgeschleift wird. Auf dem Auto steht "frisch verheiratet" und die Braut sitzt im Auto.
Vorgesehen war eigentlich eine gemeinsame Fahrt durchs Leben. (Illustration: Nicolas Bischof)

Im Tessin hat Gianfranco Sgardamaglia (50) vor fünf Jahren die Interessengemeinschaft Movimento Papageno gegründet. Seine Mission: Die Männer vor der Heirat und deren Konsequenzen warnen. In Informationskampagnen und Standaktionen will er die Tessiner aufrütteln: «Wir müssen die Männer aufklären, was für Folgen die Ehe haben kann. Ich kenne zahllose geschiedene Männer, die werden regelrecht geschröpft und haben alles verloren: Kinder, Frau, Haus.» Als Mann sei es besser, nicht zu heiraten. Das einst starke Geschlecht sei arg in Not. Gianfranco Sgardamaglia: «Der heutige Mann hat keinen Mut mehr und ist ängstlich. Der Kampfeswille ist weg.» Für die Zukunft der Schweiz sieht er schwarz: «Die Männer werden nicht mehr heiraten und keine Kinder mehr machen.»

Ursula Engelberger, Fachanwältin SAV für Familienrecht in Stansstad und Luzern, weiss aus ihrer langjährigen Praxis, dass es die Männer bei der Scheidung finanziell stark treffen kann. «Den Männern ist oft nicht bewusst, dass sie sich bei der Eheschliessung zur nachehelichen Solidarität verpflichten. Arbeitet ein Mann während den gemeinsamen Ehejahren voll, muss er nach der Scheidung dementsprechend für den Unterhalt sorgen. Dies schützt die Person, die sich während der Ehe um Kinder und Haushalt gekümmert hat. Und das ist hierzulande fast immer die Frau. Sie soll bei einer Scheidung nicht plötzlich von der Fürsorge abhängig werden. «Wenn die Frau während der Ehe nicht arbeitet, hat das bei einer Scheidung massive Konsequenzen für den Gatten», sagt Ursula Engelberger.

Männer wollen keinesfalls noch mehr Emanzipation

Doch die Rollenverteilung ist in weiten Teilen der Schweiz noch sehr konservativ. Zwar liegt die Erwerbstätigkeit der Frauen mittlerweile bei rund 60 Prozent, es arbeitet aber jede vierte weniger als 50 Prozent. Nur zwei von fünf Frauen arbeiten Vollzeit, bei den Männern sind es satte 86 Prozent. Diese verdienen auch besser: Ein Viertel dieser Männer sind in einer Vorgesetztenfunktion, acht Prozent sogar in der Unternehmensleitung. Für Dominik aus Wabern ist die Gleichberechtigung steckengeblieben. «Es wäre für die Männer gut, wenn es mehr Krippen gäbe, mehr Mütter arbeiten und Väter daheim wären. Dann wären auch Scheidungen gerechter», sagt er. Der Umbruch ist aber im Gang. Die Zahl der berufstätigen Frauen steigt stetig an. Der Rollenwandel bringt zwar viele Vorteile für den Mann – er kann sich mehr um die Kinder kümmern, hat finanziell nicht so happige Verpflichtungen –, die Umwälzung macht aber auch Angst.

Frauen begreifen die Aufweichung festgefahrener Bilder meist als Freiheit, Männer eher als Verunsicherung. Die deutsche «Elite Partner»-Männerstudie hat diese 2012 in Zahlen gefasst. Besonders bei der Partnersuche ist die männliche Verwirrung gross: Ein Drittel der Singlemänner kann nicht einschätzen, was Frauen von ihnen erwarten. Nur jeder fünfte Mann bewertet zudem das neue männliche Rollenideal in einer emanzipierten Gesellschaft positiv. Noch mehr Emanzipation? Das wollen 92 Prozent der Männer auf gar keinen Fall.

Sind die unverheiratet zusammenlebenden Paare vielleicht die wahren Romantiker und neuen Helden? Kein Vertrag bindet sie, sondern die Liebe. Und es ist Ehrensache, finanziell zum Haushalt beizutragen und zu den gemeinsamen Kindern zu schauen. Auch wenn die Partnerschaft dereinst nicht mehr funktionieren sollte.

Dass sich diese Männer nicht einfach so aus dem Staub machen – darauf müssen ihre Frauen vertrauen. Aber auch der Ehevertrag schützt vor dem Auseinanderbrechen nicht, und auch nicht davor, dass man dereinst über Geld und Kinderbetreuung verhandeln muss.

*Vollständiger Name der Redaktion bekannt

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