16. April 2012

Männer in den Wechseljahren

Hitzewallungen und Stimmungsschwankungen – das haben doch nur Frauen im Klimakterium. Von wegen! Studien belegen: Auch Männer kommen in die Wechseljahre und leiden unter ähnlichen Symptomen. Viele wollen dies allerdings nicht wahrhaben.

Gedrosselte Testosteron-Produktion und die Folgen
Ab 40 drosselt der männliche Körper die Produktion von Testosteron. Ein Teil der Männer leidet darunter. (Bild © Plainpicture)

«Männer können alles. Männer sind furchtbar stark», heisst es in Herbert Grönemeyers Hit «Männer». Doch neue Forschungen belehren eines Besseren: Auch der männliche Körper kennt ein Klimakterium. «Nächtliche Schweissausbrüche sind ein frühes Anzeichen», sagt der Zürcher Androloge Christian Sigg (62). Der Androloge befasst sich mit den Fortpflanzungsfunktionen des Mannes und deren Störungen. In Siggs Praxis sitzen Patienten zwischen 55 und 65, die das Gefühl haben, ihr Lebensakku sei leer. Erschöpft schleppen sie sich durch den Tag, nachts wälzen sie sich ruhelos im Bett. Zu Hause sind sie unausstehlich. Das sexuelle Begehren schwindet in dem Mass, wie Erektionsprobleme zunehmen. Das Schlimmste dabei: Die Patienten wissen nicht, was mit ihnen los ist. Frauen können sich untereinander über die Probleme der zweiten Lebenshälfte austauschen. Männer fürchten, sich lächerlich zu machen.

Immerhin deutet sich ein Umdenken an. Christian Sigg, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Andrologie, ist Vertreter einer wachsenden Anzahl von Spezialisten, die das Phänomen der männlichen Wechseljahre ergründen. Die biologischen Ursachen sind klar: Schon ab 40 drosselt der männliche Körper die Produktion von Testosteron, dem wichtigsten Sexualhormon des Mannes, das ihn im jugendlichen Alter Bäume ausreissen lässt. Pro Jahr beträgt der Schwund etwa ein Prozent. Scheinbar wenig, doch im Lauf der Zeit zeigt sich der Mangel schlimmstenfalls auch äusserlich: Die Beine werden dünn, der Bauch dicker, und wo einst der stramme Po war, schlottert nun die Hose.

Die Medizin spricht von Testosteronmangelsyndrom (TMS). Den einen trifft es hart, den anderen kaum, manchen gar nicht. «Es kommt auf die genetische Veranlagung an», sagt Sigg. Ernsthaft leiden in der Altersgruppe zwischen 55 und 60 etwa zehn Prozent. Bei den über 60-Jährigen ist es, je nach Schätzung, ein Fünftel bis ein Drittel. «In diesen Fällen sind eindeutig die Kriterien einer Krankheit erfüllt», sagt Sigg. «Der Hormonmangel führt zu Ausfallerscheinungen und Folgekrankheiten wie erhöhtem Diabetesrisiko, Depressionen oder Osteoporose.» Er verordnet dann synthetisches Testosteron in Form von Spritzen oder Gels zum Einmassieren. Während die Hormonbehandlung der Frau in den Wechseljahren umstritten ist, sei beim Mann deren «therapeutische Sicherheit enorm hoch». Den Verdacht, die Hormontherapie begünstige Prostatakrebs, sieht Sigg als «eindeutig widerlegt». Auch Langzeitschäden schliesst er aus.

Bei den über 60-Jährigen sind ein Fünftel bis ein Drittel betroffen.

Doch selbst Sigg warnt davor, die Testosterontherapie nur als Krücke zu nutzen, um sich weiter halbtot zu schuften oder vor häuslichen Problemen wegzuducken. «Denn die körperlichen Nöte sind nur ein Aspekt einer allgemeinen Krise im Strudel der mittleren Lebensjahre», sagt René Setz, Fachberater am Forum Männergesundheit in Bern. Die Kinder gingen eigene Wege. Im Beruf drängelten sich die 30-Jährigen vor und die Paarbeziehung scheine ausgereizt. Die Erkenntnis, nie mehr mit den Jungen mithalten zu können, sei für viele bitter.

Der Mittfünfziger mit einer jungen Geliebten ist ein belächeltes Klischee. «Gerade erfolgreiche Männer trauern ihren unerfüllten Wünschen nach. Sie wollen noch mal leben, noch mal fühlen», weiss der Zürcher Psychoanalytiker, Coach und Buchautor Markus Fäh.

Einem Schweizer Mann bleiben mit 55 im Schnitt noch gut 25 Lebensjahre. Zu viele, um sie ohne Perspektive zu verbringen. Fachleute raten betroffenen Männern dringend zur Neubesinnung auf die Werte, die für sie wirklich zählen. Eine wichtige Rolle dabei könnte die Partnerin übernehmen. Das bestätigt auch Christian Sigg: Ein Drittel seiner Patienten kommen auf Anraten der Partnerin. Denn die weiss, was Wechseljahre bedeuten. Er rät jeder betroffenen Frau: «Nehmen Sie ihn ernst. Haben Sie Geduld.»

Denn wie heisst es bei Grönemeyer: «Männer sind so verletzlich. Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich.»

Text: Christiane Binder

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