Leser-Beitrag
07. Oktober 2017

Machtkampf - Kinder im Widerstand

Die aktive Migrosmagazin.ch-Nutzerin Daniela Schlegel schreibt im neusten Beitrag über Erziehungsfallen im Alltag mit Kindern und Jugendlichen.

Streit und Machtkämpfe aushalten

Liebe Leserinnen, liebe Leser

Als erstes schicke ich voraus, dass alle Kinder und Jugendliche wundervoll und einzigartig sind. Oft halten sie uns unsere Themen im Spiegel vor und es ist in ihrer Entwicklung normal, manchmal komisch und anders zu sein. Da tut es uns als Eltern gut, uns immer wieder zu besinnen und aufzuzählen: Was macht mein Kind besonders gut, was macht es aus, was liebe ich an meinem Kind? Dieser Ansatz hilft uns über die schwierige Zeit und die mühsamen Phasen in der Erziehung und in der Beziehungsgestaltung hinweg.

Oft werde ich von Eltern, hauptsächlich Müttern angerufen, wenn diese an ihrer maximalen Belastbarkeitsgrenze angekommen sind, weil sie nicht mehr ein noch aus wissen. Ich nenne gerne einige Beispiele von Situationen, wo wir über das Verhalten der Kinder manchmal vielleicht nur den Kopf schütteln können. Das Kind meckert an allem herum, «das Essen ist grauenhaft und so einen Frass esse ich nicht», bekommen die verzweifelten Mütter zu hören. «Mama Du bist so peinlich, kannst Du Dich nicht anders anziehen, wenn du mich abholst oder mit mir weggehst?»
«Papa – Mama warum haben wir denn so ein altes, unstylishes Auto, kannst Du, wenn Du mich abholst, zwei Strassen weiter weg parkieren, nicht dass meine Freunde sehen, was wir für eine Schrottkarre als Auto fahren.»
«Mama und Papa ihr seid so gemein, die anderen Kinder dürfen viel mehr als ich, kriegen mehr Taschengeld, dürfen länger aufbleiben, bis Mitternacht in den Ausgang, mehr TV schauen und und und…»

Vielleicht ist ein Beispiel dabei, bei dem sie sagen können, das kenne ich! Und wenn nicht, seien sie froh, weil das wirkliche Beispiele sind, die ich in meinem Berufsalltag erlebe. Es geht auch nicht darum, diese Frauen, Mütter und Väter zu verurteilen, das steht uns nicht zu, und auch nicht zu sagen, was sind denn das für Eltern, die sich das von ihren Kindern und pubertierenden Teenagern gefallen lassen.
Jede dieser Frauen und Männer haben ihre Vergangenheit, ihre Geschichte, warum sie so reagieren, wie sie reagieren. Oft steckt Angst dahinter, die Liebe des Kindes zu verlieren, wenn Verbote oder Konsequenzen angedroht und durchgezogen werden. Das hindert diese Mütter und Väter daran, für sich und ihre Werte einzustehen.

Kinder und Teenager brauchen einen Sparringspartner, der ihnen liebevoll und wertschätzend Grenzen aufzeigt, seine Werte vermittelt und für seine Entscheidungen einsteht. Sie wollen sich an uns in Form einer Auseinandersetzung respektive Diskussion reiben, um ihre Charaktereigenschaften zu entwickeln.
In diesem Fall finde ich es immer wichtig, nicht den Menschen, sondern das Verhalten zu kritisieren. Standhaftigkeit braucht Kraft und Durchhaltevermögen – da müssen Eltern einfach durch – und im Vertrauen: Es geht fast allen so.

Wichtig finde ich nochmals, auf folgenden Unterschied aufmerksam zu machen: Was verstehen wir unter Strafen und logischen Konsequenzen? Oft stehen sie in keinem Zusammenhang mit dem Problem. Die Massnahme trägt nicht zur Lösung des Problems bei. Z. B. Fernsehverbot, «weil du deinen Bruder gequält hast».
«Zimmerarrest, weil du zu spät nach Hause gekommen bist.»
«Gameboy Verbot, weil du dein Zimmer nicht aufgeräumt hast.»

Strafen sind willkürlich
«Wenn du deine schmutzigen Kleider im Zimmer lässt, kann ich diese nicht waschen und du hast nichts Sauberes anzuziehen.»
«Wenn du deinen Teller nicht abräumst, kann ich dir deinen Teller mit Essen nicht hinstellen.
«Wenn du die Hausaufgaben heute nicht machst, hast du morgen doppelt so viel und evtl. sogar eine Strafaufgabe.»
«Wenn du das ganze Geld bereits am Anfang des Monats ausgibst, hast du gegen Ende des Monats nichts mehr.»

Konsequenzen müssen logisch sein
Kinder und Jugendliche haben viele Wünsche und fordern diese ein. Wenn Eltern diesen nicht entsprechen wollen, werden die Kinder die Eltern auf die Probe stellen und deren Durchhaltevermögen testen. Durch die Penetranz und das unbedingte Wollen und Fordern der Kinder, treten bei den Eltern oft Ermüdungserscheinungen ein, welche diese dann mürbe machen und die Folge ist, dem Teenie-Wunsch nachzugeben. Wenn das Kind spürt, dass es durch dieses Fehlverhalten doch noch das Ziel erreicht, wird es weitermachen.

Die häufigsten Erziehungsfallen im Alltag mit Kindern und Jugendlichen

Mangelndes Durchhaltevermögen der Eltern
Kinder lernen schnell, dass Ihnen durch Steigerung eines Fehlverhaltens ein Wunsch eher erfüllt wird. Wenn wir nachgeben, wird das Kind für die Eskalation seiner Ansprüche belohnt und die Forderungen werden immer stärker. Falsch wäre es, wenn Eltern sich angewöhnen, immer aggressiver zu werden, um ihr Kind zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen.

Eskalationsfallen als schlechtes Benehmen: Wenn Kinder bei gutem Betragen ignoriert werden, lernen Sie, dass Sie durch Radau und Eskalation auf sich aufmerksam machen können.

Ignorieren von erwünschtem Verhalten: Angemessenes Verhalten findet weniger Beachtung.
Kinder sind nicht in der Lage, vage oder abstrakte Order zu entschlüsseln, etwa: «Tu nicht blöd», oder «Benimm dich anständig». Diese Begriffe sind ungenau. Kinder müssen genau und Schritt für Schritt erfahren, was von ihnen verlangt ist. Klare Aufträge und Formulierungen erleichtern vieles.

Anweisungsfallen: Zu viele Anweisungen auf einmal - oder Anweisungen zur falschen Zeit. Oder ungenaue Anweisungen. Sie alle können Verhaltensprobleme verursachen.

Wirkungsloser Einsatz von Strafe: Eine Strafe wird angedroht, aber nicht ausgeführt, eine Strafe im Zorn erteilt, oder inkonsequent angewendet oder die Eltern stehen nicht gemeinsam für eine Haltung und Konsequenz ein.

Demütigende Äusserungen wie «Du bist einfach nur dumm» schwächen das Selbstwertgefühl des Kindes und lösen Widerstand und Wut aus. Es muss Eltern immer darum gehen, Verhalten zu regulieren, und nicht mit emotionalen Mitteilungen die Persönlichkeit des Kindes anzugreifen!

Nochmals: Kinder sind wundervoll und dürfen sich entwickeln. Sie zeigen uns auf, dass sie sich verlässliche Begleiter wünschen, um gestärkt in ihre Zukunft zu gehen.

Vielen Dank für Ihre Zeit, ich freue mich sehr darüber.
Daniela Schlegel

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