23. Juli 2018

Mach dir kein Bild!

Bänz Friedli hat sich zurückgezogen. Hier kannst du dich mit Leserinnen austauschen und findest die vom Autor gelesene Hörkolumne.

Kleine Meerjungfrau in Koppenhagen
Touristen-Hot-Spot: Die «lille Havfrue» in Kopenhagen lockt nicht nur unseren Kolumnisten.

Wie oft hat sie schon bei uns im Briefkasten gelegen, die «Kleine Meerjungfrau»? Denn es gibt in unserer Verwandtschaft Heimwehdänen, und alle paar Monate schickt einer von ihnen uns einen Kartengruss von einer Dänemark-Reise. Meist ist sie das Sujet, «den lille Havfrue», und immer sitzt die bronzene kleine Frau mutterseelenallein auf ihrem Findling und lässt den Blick aufs Meer hinausschweifen. Wehmütig? Verträumt? Wer Hans Christian Andersens Märchen kennt, das den Schöpfer der Statue inspirierte, weiss: Es ist eine traurige Parabel über die Unmöglichkeit einer Liebe. So sass sie in meiner Vorstellung über all die Jahre auf ihrem Felsen, die arme Jungfrau, mit jeder neuen Postkarte verfestigte sich mein Bild. Und natürlich wollte ich sie, als wir voriges Jahr selber nach Kopenhagen fuhren, aus der Nähe sehen.

Ich war nicht der Einzige. Die «Havfrue» wird belagert von knipsenden und filmenden Touristen. Aberhunderte wollten an jenem Nachmittag das Bild schiessen, das sie doch schon so gut kannten: das Bild von der einsamen Jungfrau in stiller Landschaft. Stattdessen: Gewusel, Gequassel, Gedränge. Ein Chilene überträgt auf seinem Facebook-Kanal live, eine Amerikanerin will ein Selfie mit ihr, einige Franzosen riskieren eine Kletterpartie in den Uferfelsen, um die Meerjungfrau möglichst allein aufs Bild zu bekommen – vergeblich. Immer sind da noch wildfremde Menschen mit im Bild, und wer weiss, in wie vielen chinesischen Powerpoint-Präsentationen ich nun vorkomme?

Als Reisender bedenkt man zu wenig, dass die Sehenswürdigkeiten nur auf Postkarten unberührt dastehen. In Wahrheit sind sie umzingelt und wenig sehenswürdig. Je billiger die Flüge und je mobiler wir Menschen werden, desto ärger. Wer je in Venedig, von Japanern umringt, auf der Seufzerbrücke im Stau gestanden hat, weiss das. Und vermutlich beklagen umgekehrt die Tokioter all die europäischen Gaffer auf ihrem Fischmarkt. Unmöglich, den Eiffelturm oder die Golden Gate Bridge in Ruhe zu betrachten, den Taj Mahal ungestört zu fotografieren. Fragt sich nur, weshalb wir immer just das sehen wollen, was wir schon aus tausend Abbil­dungen kennen? Und das Ewiggleiche dann per Instagram weiter vermillionen und vermilliardenfachen … Wir wissen, dass Postkarten lügen. Und suchen doch wieder geschönte Ansichten, wenn wir via Smartphone Feriengrüsse verbreiten. Niemand verschickt Fotos einer garstigen Industriezone.

Während ich übrigens im Ahornschatten schreibe, umspielt eine warme Brise vom Meer her meine Beine – ein Traum, weit entfernt von zu Hause. Wo, verrate ich nicht. Sonst wird der Ort nächstes Jahr überrannt.

Die Hörkolumne (MP3)

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