19. September 2017

Maa!

Kinderbücher zementieren die klassische Rollenverteilung von Mann und Frau.

Lesezeit 1 Minute

Bastians Finger kreist über dem Kinderbuch. Er lässt ihn zielsicher herabsausen und zeigt auf einen Bagger, der auf der abgebildeten Baustelle steht. «Maa!», sagt er voller Stolz. Und tatsächlich: Da sitzt einer drin. Eigentlich ist das immer so. Es sind ausnahmslos Männer, die auf den beliebten Wimmelbildern baggern und schaufeln. Lastwagen und Töff fahren.

Manchmal sage ich lobend: «Gut, mein Sohn. Richtig erkannt.» Manchmal aber auch: «Weisst du, das könnte genauso gut eine Frau sein, die dort hoch oben im Kran sitzt und damit rumfuhrwerkt.» Trotzdem: «Frou!», ruft er meist nur dann, wenn jemand in der Küche hantiert oder staubsaugt.

Kinderbücher zementieren fast ausnahmslos die klassische, antiquierte Rollenverteilung zwischen Frau und Mann – und zwar, und das ist das Schlimme daran – in den Köpfen der Kleinen und ganz Kleinen. Ich bin immer noch auf der Suche nach Geschichten, in denen Hausmänner, Schreinerinnen, Krankenpfleger und Bauführerinnen vorkommen, um meinen Jungs zu zeigen, dass das Geschlecht bei der Entscheidung, was aus einem wird, keine Rolle spielt.

Doch es gibt sie nicht, und das ist schade. Wenn es weder die Politik noch viele Unternehmen (in dieser Reihenfolge!) schaffen, dass Familien eine faire Rollenverteilung leben können, dann sollte diese Geschichte wenigstens in Kinderbüchern erzählt werden. Und zwar so lange und so oft, bis Bastian weiss, dass er erst hinsehen muss, bevor er seinen Finger herabsausen lässt und «Maa!» ruft.


  • master

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