22. November 2018

Lügen erleichtern das soziale Miteinander

Es ist verpönt, dennoch tun es alle täglich – besonders oft Werber und Politiker. Anlässlich einer neuen Ausstellung im Stapferhaus Lenzburg erklärt die Psychologin Susanna Niehaus, weshalb das Lügen so wichtig ist und ab wann es problematisch wird.

Susanna Niehaus
Lügenexpertin Susanna Niehaus mit Pinocchio. Durch ihn sollen Kinder lernen, dass Lügen Konsequenzen haben.
Lesezeit 9 Minuten

Susanna Niehaus, alle Menschen lügen regelmässig, oder?

Ja. Lügen sind ein alltägliches Phänomen. Meist geht es darum, Konflikte zu vermeiden oder das eigene Gesicht oder das des Gegenübers zu wahren. Nur selten will man damit jemandem schaden oder ihn hinters Licht führen.

Die Lüge ist also ein wichtiges soziales Schmiermittel?

Richtig, sie ist Teil der Sozialkompetenz und erleichtert das soziale Miteinander. Würde man sich immer offen sagen, was man denkt, würde das Zusammenleben unerträglich, es käme dauernd zu Kränkungen. Etwa wenn man einer jungen Mutter ehrlich sagen würde, dass man ihr Baby genauso gewöhnlich findet wie jedes andere. Wer solche Ehrlichkeit mal eine Woche lang ausprobiert, wird schnell sehr einsam werden.

Lügen ist also oft nützlich, wann wird es problematisch?

Moralisch betrachtet, wenn es aus Eigennutz oder Bösartigkeit passiert, rechtlich, wenn jemand falsch beschuldigt wird. Klinisch-psychologisch ist es problematisch, wenn es sehr häufig passiert, quasi pathologisch ist. Dies ist ein Merkmal einiger psychischer Störungen. Auch bei Suchtkranken gehört das Lügen über den eigenen Zustand dazu. Und es gibt krankhafte Lügner, die regelmässig Geschichten erfinden.

Aber ist Wahrheit nicht oft eine Frage der Perspektive? In vielen Bereichen lässt sie sich nicht endgültig festnageln, wird zur Glaubensfrage oder ist nur temporär gültig.

Natürlich gibt es Bereiche, in denen es gar nicht um Fakten und damit auch nicht um wahr oder falsch geht, beispielsweise bei religiösen Fragen. Auch dann, wenn es um die Einschätzung einer Situation geht, gibt es Grauzonen, sie kann sich je nach Perspektive unterschiedlich darstellen. Zudem können sich wissenschaftliche Erkenntnisse über die Zeit verändern, aber das überholte Wissen war seinerzeit keine absichtliche Falschinformation, sondern einfach unvollkommen der damalige Kenntnisstand. Wenn jedoch etwas ganz klar bewiesen ist und jemand trotz aller Evidenz anderes behauptet, dann ist das falsch – und wenn dies bewusst geschieht, ist es eine Lüge. Oft beharren Menschen auf falschen Positionen, weil sie damit bestimmte Interessen verfolgen. Es kommt dann vor, dass faktisch Falsches als berechtigte Meinung verkauft wird, so kann fälschlicherweise der Eindruck entstehen, Wahrheit sei nur eine Frage der Perspektive.

Aber in den letzten Jahren haben Wahrheit und Fakten in Politik und Gesellschaft doch enorm an Gewicht verloren.

Das sehe ich nicht so. Es wird heute sogar deutlich weniger gelogen als früher. Unsere Gesellschaft ist viel diverser und freier geworden, es gibt weniger sozialen Druck, in eine bestimmte Norm zu passen. Früher mussten viele Menschen verschleiern, dass sie dieser Norm nicht entsprachen. Heute hingegen dürfte es zum Beispiel nur noch selten vorkommen, dass ein schwuler Mann eine Frau heiratet, um den Schein zu wahren. Doppelleben und Doppelmoral spielten früher eine viel grössere Rolle.

Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Leute, die anderen Fake News vorwerfen, wenn sie eine andere Meinung vertreten.

Begriffe wie Fake News oder Lügenpresse sind eng mit Donald Trump und anderen Rechtspopulisten verbunden. Und eigentlich gehts dabei nicht ums Lügen, vielmehr ist es ein Versuch, die öffentliche Meinung zu dominieren und mit Emotionen Stimmung zu machen. Das gelingt besonders gut, wenn man ein Feindbild aufbaut und mit einem «wir» gegen «die» operieren kann. Und es hilft sicherlich, wenn man eine Anhängerschaft hat, die nicht allzu stark zur Reflektion neigt. Natürlich ist es auch eine Strategie, sich nicht mit Gegenpositionen auseinandersetzen zu müssen. Wer als Fake News abtut, was ihm nicht passt, muss nicht argumentieren.

Ist dies nicht eine problematische Entwicklung für unsere Gesellschaft?

Wenn jemand, der so mächtig ist wie Donald Trump, es so gezielt einsetzt, ist das schon problematisch. Seine systematische Diskreditierung der Medien führt auch immer wieder zu Übergriffen auf Journalisten. Sollte sich dieser Trend fortsetzen und ausbreiten, wäre das schon eine Gefahr für die Demokratie. Aber es gibt ja auch Gegenbewegungen, so haben sich die Auflagen einiger amerikanischer Qualitätszeitungen erhöht, seit er im Amt ist. Letztlich sind die Anhänger rechtspopulistischer Parteien zwar sehr laut, aber doch nicht die Mehrheit der Bevölkerung.

Politiker haben schon immer gelogen. Ist es heute schlimmer als früher?

Die Klage, dass alles immer schlimmer wird, kannten auch schon frühere Generationen – ich bin da eher skeptisch. Schon im 16. Jahrhundert sagte Machiavelli: «Ein kluger Fürst darf sein Wort nicht halten.» Politiker sind stark abhängig von der Bewertung der Öffentlichkeit. Ihr Versuch, Menschen zu überzeugen, führt zwangsläufig zu einer strategischen Kommunikation, und zu der gehört auch die taktische Lüge.

Donald Trump schaden seine viele Lügen nicht nur nicht, seine Fans scheinen ihm sogar jedes Wort zu glauben.

Trump polarisiert und mobilisiert dadurch eine Anhängerschaft, der er verspricht, knallhart ihre Interessen durchzusetzen. Darum geht es. Lügen sind ein Mittel zur Durchsetzung dieser Interessen. Und solange sie den Eindruck haben, dass er ihre Interessen vertritt, ist seinen Anhängern dieses Mittel recht. Für sie und Trump gibt es keine neutralen Fakten, sondern nur solche, die der Erreichung ihrer Ziele dienen oder schaden; was sie als Fake News bezeichnen, sind also keine falschen, sondern störende Informationen.

Wenn die Wahrheit so schlimm ist, dass man sie nicht ertragen könnte, legt man sie sich eben anders zurecht.

Es gibt ganze Berufsgruppen, deren Karriere auf der Lüge basiert, Werber zum Beispiel. Dort jedoch ist es eigentlich allen klar, und es ist breit akzeptiert.

Genauso wie bei Autoverkäufern und Versicherungsvertretern. Wir wissen, dass wir nicht alles für bare Münze nehmen müssen, wenn uns jemand etwas verkaufen will. Da gehört es einfach dazu, dass die Wahrheit gebogen wird.

Besonders tragisch sind Lebenslügen. Wie kommt es, dass man sich selbst so lange etwas vormachen kann?

Wenn die Wahrheit so schlimm ist, dass man sie nicht ertragen könnte, legt man sie sich eben anders zurecht. So halten viele Menschen bis zum bitteren Ende an den abstrusesten Überzeugungen fest. Oft sitzen die so tief, dass Fakten, die dagegensprechen, gar nicht mehr wahrgenommen werden. So funktioniert unser Gehirn: Was nicht sein darf, ist auch nicht.

Warum haben viele Menschen ein schlechtes Gewissen, wenn sie lügen?

Bei den Alltagslügen zum Wohle anderer hat das vermutlich kaum jemand, ich jedenfalls nicht. Bei den eigennützigen Lügen haben es aber wohl die meisten. Ehrlichkeit ist eben als wichtiger Wert kulturell tief verankert und wird bereits in den Zehn Geboten angemahnt. Täuschungsverhalten wird zudem von den Eltern meist streng geahndet; sie unternehmen einige Anstrengungen, es zu unterbinden, etwa mit ängstigenden Geschichten wie «Pinocchio», dessen Nase jeweils wächst, wenn er lügt.

Ab wann können Kinder überhaupt lügen?

Emotionsvortäuschung beginnt schon mit zwei Jahren, manchmal sogar früher. Da wird zum Beispiel künstlich geweint, um damit etwas zu erreichen. Etwa mit drei bis vier Jahren beginnt das verbale Lügen – besonders zu Beginn zeigen Experimente aber auch das schlechte Gewissen: Die Kinder rennen dann zum Spiegel, um zu sehen, ob ihre Nase gewachsen ist. Und lernen dabei: Diese Drohung ist gelogen – Lügen haben gar keine Konsequenzen. Mit zunehmender Erfahrung werden sie dann immer besser, dies oft auch zur Erleichterung der Eltern, weil die Kleinen dann gegenüber Fremden nicht mehr alle Peinlichkeiten ausplaudern, die sie gerade gesehen oder gehört haben. Unehrlichkeit ist dann quasi zur sozial kompetenten Routine geworden. Und so ab acht Jahren und mit etwas Übung gelingt es auch langsam, den Rest einer Aussage so zu formulieren, dass er zur Lüge am Anfang passt. Wobei auch Erwachsenen dabei noch Fehler unterlaufen können. (lacht)

«Es gibt weder körperliche Merkmale noch ein bestimmtes Verhalten, mit dem sich eine Lüge zuverlässig feststellen lässt», sagt die Psychologin Susanna Niehaus.
«Es gibt weder körperliche Merkmale noch ein bestimmtes Verhalten, mit dem sich eine Lüge zuverlässig feststellen lässt», sagt die Psychologin Susanna Niehaus.

Gibt es klare äussere Anzeichen, dass jemand lügt?

Nein, Pinocchios Nase gibt es nicht – entgegen allen Behauptungen und Vorstellungen. Es gibt weder körperliche Merkmale noch bestimmtes Verhalten, weder Mimik noch Gestik, mit der sich eine Lüge zuverlässig feststellen lässt. Lediglich wenn man jemanden sehr gut und lange Jahre kennt und bestimmte Verhaltensweisen beim Lügen beobachtet hat, kann das funktionieren. Aber es gibt nichts, das man verallgemeinern und bei anderen anwenden könnte. Weder ein Vermeiden des Blickkontakts noch das Fassen an die Nase und Zappeln oder Schwitzen sind brauchbare Anzeichen.

An der EU-Aussengrenze werden derzeit Geräte getestet, die mit Hilfe von künstlicher Intelligenz Lügner erkennen sollen, die einreisen wollen – anhand Regungen im Gesicht zum Beispiel. Das ist also Unsinn?

Ja. Aber das bringt den Herstellern dieser Geräte Geld und sorgt bestenfalls für ein verstärktes Sicherheitsgefühl der Bevölkerung. Versierte Lügner werden damit auf jeden Fall nicht entlarvt. Regungen im Gesicht können Stress und Emotionen anzeigen, dies jedoch kann verschiedene Ursachen haben – warum sollte man nicht nervös sein, wenn man an einer Grenze kontrolliert und als Lügner verdächtigt wird? Oder wenn man – wie ich kürzlich – so lange in der Sicherheitskontrolle festsitzt, dass man sich sorgt, seinen Flug zu verpassen? Hätte mich da eine solche Maschine begutachtet, wäre ich vermutlich sofort als Terroristin verhaftet worden.

Funktionieren Lügendetektoren?

Nein, auch wenn man sie in so vielen Filmen sieht. Diese Maschinen messen physiologische Veränderungen, etwa den Herzschlag, den Blutdruck, das Schwitzen – klassische Stressreaktionen also. Man stellt Fragen und schliesst aus den Reaktionen auf die Bedeutsamkeit für die Person. Natürlich gibt es viele Gründe, warum jemand mit Stress reagieren könnte: Zu Unrecht beschuldigt sein zum Beispiel oder weil einem etwas peinlich ist. Zum Feststellen einer Lüge ist das Verfahren so unzuverlässig, dass man genauso gut eine Münze werfen könnte. Anders sieht es aus beim Tatwissenstest, bei dem man festzustellen versucht, ob jemand gewisse Details kennt, die nur ein Täter kennen kann, etwa Schmuckstücke, die bei einem Raub gestohlen wurden. Das funktioniert unter bestimmten Rahmenbedingungen.

Sie verfassen auch Gutachten in Straffällen. Wie gehen Sie dort vor, um herauszufinden, ob jemand die Wahrheit sagt?

Ich spreche mit Opfern von Straftaten und beurteile die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen. Im Grunde geht es darum, Alternativen zur wahrheitsgemässen Aussage auszuschliessen. Ich versuche also herauszufinden, ob es auch anders hätte gewesen sein können – sich jemand seine Aussage zum Beispiel ausgedacht haben könnte und sie dann so präsentieren würde. Wenn man etwas tatsächlich erlebt hat, klingt das viel detaillierter und unmittelbarer, als wenn man sich etwas ausdenkt oder von einer Filmszene inspirieren lässt. Es ist dann auch schwieriger, sich nicht in Widersprüche zu verwickeln. Eine Herausforderung sind Leute, die überzeugt sind, etwas Bestimmtes erlebt zu haben, obwohl das gar nicht der Fall ist. Bei denen lassen sich dann natürlich keine Täuschungsstrategien erkennen.

Lügt eigentlich nur der Mensch, oder gibts das auch im Tierreich?

Es gibt schon einige Verhaltensweisen, die wie strategische Täuschung wirken. Das Kurzschwanzwiesel hat zum Beispiel eine erstaunliche Jagdstrategie entwickelt: Unter normalen Umständen wäre es viel zu langsam, um ein Kaninchen zu erlegen. Statt sich nun geradezu auf sein Opfer zu stürzen, führt es einen seltsamen Tanz auf, schlägt Purzelbäume, macht Kapriolen. Dies hat zur Folge, dass Kaninchen nicht flüchten, weil sie dieses irre Verhalten wohl nicht als Gefahr wahrnehmen – bis das Wiesel so nahe rangetanzt ist, dass es das Kaninchen mit dem nächsten Sprung erwischt. Ein anderes Beispiel ist ein männlicher Tintenfisch, der seine Muster wechselt, um sich während der Paarungszeit als Weibchen auszugeben. So schafft er es an stärkeren männlichen Rivalen vorbei zu den begehrten Weibchen. Das ist natürlich kein reflektiertes Täuschen, wohl eher ein Verhalten, das sich entwickelt hat, weil es biologisch von Vorteil ist.

Täuschungsmanöver sind also eine Art biologische Grundkonstante?

Es scheint so, aber niemand ist darin so versiert wie wir Menschen.

Was war denn Ihre letzte Lüge?

Heute hatte ich noch gar keine richtige Gelegenheit. Ich habe im öffentlichen Verkehr darauf verzichtet, jemandem zu sagen, wie sehr mich sein Telefonieren am Handy genervt hat. Bedeutungslose Alltagslügen sind natürlich auch meine ständigen Begleiter.

Haben Sie schon eine Lüge bereut?

Ja, mehr verrate ich Ihnen jedoch nicht. Viel häufiger aber bereue ich, dass ich nicht den Mund gehalten habe. Ich bin ein eher impulsiver Mensch und lasse immer mal was raus, worüber ich mich hinterher ärgere.

Gibt es eine, auf die Sie stolz sind?

Als Forscherin braucht man für die Datenerhebung oft eine Coverstory – man gibt also offiziell ein ganz anderes Interesse an als das, um das es eigentlich geht; aber mit dem hehren Ziel, möglichst unverzerrte Antworten zu erhalten, um ein bestimmtes Phänomen untersuchen zu können. Das ist eine gezielte Täuschung und gar nicht so leicht. Wenn mir das gelungen ist, hat es mir sogar Spass gemacht. Mittlerweile sind die ethischen Richtlinien aber so streng, dass der Spielraum dafür sich sehr reduziert hat.

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