22. Mai 2018

Lob des Umwegs

Bänz Friedli hat vieles «für nichts» getan. Hier kannst du die vom Autor gelesene Hörkolumne herunterladen und dich mit ihm und anderen Leser(inne)n austauschen.

Umgebung by Night
Lesezeit 1 Minute

Sie standen schon länger bereit, die Fusilli mit Lachs an Crème fraîche und Dill. Und sie wurden nicht wärmer. Viele Jahre ist es nun her, dass ich auf unseren Sohn wartete, den Zweitklässler, der mit seiner Kameradin Elena zum Mittagessen hätte kommen sollen. Ich wartete. Und wartete. Nicht, dass ich mir gross Sorgen gemacht hätte. Die beiden hatten öfter Flausen, es würde nichts Ernstes sein. Und als sie schliesslich mit 55 Minuten Verspätung und dreckstarrenden Schuhen unter der Tür standen, musste ich, statt zu schimpfen, ob ihrer Erklärung schmunzeln: «Mir hei drum en Abchürzig gnoh.»

Ein Umweg wars. Ein grosser. Dauerte der Schulweg im Kinderschritttempo doch gewöhnlich vier Minuten. Aber sind es nicht manchmal die Umwege, die sich lohnen im Leben?Ich muss an all die Jahre denken, während deren ich unter grossem Zeitaufwand Altgriechisch lernte. Für nichts. Wobei dieses Nichts im Rückblick ungemein wertvoll ist: die Beschäftigung mit einer wunderbar poetischen, äusserst lebendigen «toten» Sprache, mit liebestollen Philosophen, schlauen Kämpferinnen, einsamen Helden und der Göttin des Müssiggangs. Möchte ich sie missen, auch wenn sie, ökonomisch betrachtet, zu «nichts» geführt hat? Der eine Tag in Cincinnati? Die eine Liebschaft, die … Nun ja. Das abgebrochene Studium, das mir erst klarmachte, was ich wirklich wollte?

Dieses eine Mal in Umbrien, da wir, weil es noch keine Navigationsgeräte gab, von der Route abkamen und dann auf den Gasthof am Wegrand stiessen, in dem es keine Speisekarte gab, aber einen Wirt, der uns die erdenklich feinsten Köstlichkeiten servierte, zu einem Spottpreis? Und hätte ich damals in Biel den letzten Zug nicht verpasst – nichts wäre heute so, wie es ist.

Umwege führen zum Ziel. Als unsere Tochter jüngst in einem Italienischtest an der Uni «problema» wegen der Endung auf -a als weiblich taxierte – dabei heisst es «il problema», männlich –, kommentierte die Dozentin lachend: «Probleme sind doch immer männlich.» Die Eselsbrücke wird meiner Tochter bleiben, ein Leben lang. Aus Fehlern lernen wir.

Die Irrungen und Wirrungen sind es, die uns letztlich ausmachen. Ich behaupte nicht, Elena und mein Sohn hätten sich all dies überlegt, als sie verspätet zum Essen erschienen und heiter verkündeten, sie hätten halt eine Abkürzung genommen. Aber in ihrer Ausrede lag die Weisheit, die Kindern oft eigen ist. Sie ahnten, dass Umwege zuweilen Abkürzungen sind: zu uns selbst. Wen kümmern da kalt gewordene Fusilli? 

Die Hörkolumne herunterladen (MP3)

Bänz Friedli live: 23.5. Basel, Bider & Tanner (Lesung); 25.5. Langnau i.E., Kupferschmiede; 26.5. Bern, Bierhübeli

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