27. Juli 2015

Litauen: erholsam anders

Zara statt Zar, H&M statt KGB: Das Baltikum hat sich in den letzten 20 Jahren diskret aus der Umklammerung durch Russland befreit. Und touristisch gesehen einiges zu bieten: Litauen zum Beispiel lockt mit endlosen Sandstränden, uralten Waldlandschaften – und einer selbstbewussten Hauptstadt.

Kurische Nehrung
Die Kurische Nehrung, ein 100 Kilometer langer Landstreifen, begeistert mit herrlichen, endlosen Stränden. (Bild: LOOK-foto)

Wer hat eigentlich die Mär verzapft, das Baltikum liege am nordöstlichen Rand Europas? Für die Esten ist die Ostsee das «Westmeer», und das offizielle geografische Zentrum Europas liegt wenige Kilometer ausserhalb von Vilnius, der Hauptstadt Litauens. Es ist denn auch genau dieses Selbstverständnis, in der Mitte Europas, in der Mitte des Lebens zu stehen, das Litauen so sympathisch macht. Ein knappes Vierteljahrhundert nach der Selbständigkeit ist nichts mehr zu spüren von russlandbestimmter Isolation. Die junge Generation hat die Geschicke des Landes übernommen. Shoppen statt Schlange stehen, Selfie schiessen statt Rabattmarken sammeln. Der Anteil an Menschen, die sich fliessend auf Englisch verständigen können, ist überraschend hoch.

Markus Roduner (48)
Der Schweizer Übersetzer Markus Roduner (48) ist seit 20 Jahren in Litauen zu Hause. (Bild: Monika Pozerskyte)

Gewisse Entwicklungen in Europa beobachten Litauer kritisch: «Nicht wenige, besonders nicht mehr ganz junge Litauer, sorgen sich um den Verlust der eigenen Kultur und Lebensart und tun sich mit der westlichen Liberalität noch etwas schwer», sagt Markus Roduner (48). Der Schweizer lebt seit 20 Jahren in Litauen. Geboren in Rheinfelden AG, hat er Slawische Sprachen studiert und übersetzt heute litauische Bücher ins Deutsche. Er organisiert jedes Jahr die Europäischen Literaturtage in verschiedenen litauischen Städten. Er ist Vater von drei Kindern und hat sich längst im Baltikum eingelebt: «In Litauen ist das Lebenstempo viel weniger hektisch. Und die Lebenshaltungskosten sind deutlich tiefer, was einem freischaffenden Übersetzer wie mir natürlich entgegenkommt.»

Mütterchen Russland in Griffnähe

Natürlich lässt auch die jüngste politische Entwicklung die Litauer nicht kalt. Putins Offensive in der Ukraine und auf der Krim wird mit Sorge beobachtet. Der Anteil russischstämmiger Menschen ist aber im Drei-Millionen-Staat Litauen mit nur 6 Prozent viel tiefer als in Estland (25 Prozent) oder Lettland (34 Prozent). Markus Roduner: «Die Sympathien für Putin hängen meiner Erfahrung nach öfter mit der Prägung durch die sowjetische Zeit zusammen.»
Wer Litauen besucht, hat die Wahl zwischen prächtigen, uralten Waldlandschaften im Zentrum des Landes, wunderschönen Seen und dem modernen Stadtleben von Vilnius. Mit dem Auto erreicht man in gut vier Stunden von Vilnius die Kurische Nehrung. Diese rund 100 Kilometer lange Halbinsel ist zwischen wenigen Hundert Metern und einigen Kilometern breit und zweigeteilt. Die südliche Hälfte gehört zur russischen Exklave Kaliningrad, der nördliche Teil zu Litauen.

Thomas Manns Haus steht noch immer
Auch Thomas Mann liess sich von der Nehrung inspirieren – sein Haus steht noch immer und ist zu besichtigen. (Bild: Keystone)



Die Nehrung ist geprägt durch lange Sandstrände, Kiefernwälder, riesige Wanderdünen und einige gut gepflegte Ortschaften. Die Halbinsel steht unter Schutz, die Unesco hat sie 2001 zum Weltnaturerbe erklärt. Sie bietet Raum für ausgedehnte Spaziergänge, Wanderungen oder Velotouren und ist gerade für Menschen, welche die Hitze Südeuropas nicht lieben, eine gute Alternative.
Hitzebläschen kriegt hier im Sommer sicher niemand. Der Südwesten Litauens war früher das östliche Ende des Deutschen Reichs. Damals, als Deutschland noch «von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt» ging und Deutschland «über alles in der Welt» stand. Schon zu diesen Zeiten war die Kurische Nehrung beliebtes Ferienziel für Sommerfrischler. Der Schriftsteller Thomas Mann besass im kleinen Seeort Nida ein wunderschönes Haus über dem Meer, inmitten von alten Kiefern. Es kann besichtigt werden.

Nida bietet sich als Ausgangspunkt für Nehrung-Entdecker an. Gerade mal gut 1000 Einwohner gross, hat es gute Mittelklassehotels, bietet Möglichkeiten von Schifffahrten über das Haff, einen herrlichen Blick auf die «grosse Düne», eine der höchsten Wanderdünen Europas, oder eben kilometerlange, in den Nebensaisons praktisch menschenleere Sandstrände.
Klaipeda, das frühere Memel, liegt am nördlichen Ende der Kurischen Nehrung auf der Festlandseite. Bis 1920 die nördlichste Stadt Deutschlands, ist sie heute eine geschäftige Hafenstadt mit vielen restaurierten Fachwerkhäusern, einer Baptistenkirche und einem Denkmal des berühmten deutschen Volkslieds «Ännchen von Tharau».

Das Strassennetz in Litauen ist gut ausgebaut; Abstecher von Vilnius an die Memel oder zum Hügel der Kreuze, einem Wallfahrtsort, auf dem Pilger Tausende von Kreuzen hinterlassen haben, schafft man problemlos in einem Tag. Etwas mehr Zeit muss man für Kaunas reservieren, die moderne Handels- und Wirtschaftsmetropole, die sich gern als «heimliche Hauptstadt» Litauens verkauft. Sie bietet eine wunderschöne Altstadt und eine sehenswerte zaristische Festung, die sowohl den Nazis im Zweiten Weltkrieg als auch Stalins Folterern als Gefängnis diente.

Barocke Schönheit

In Vilnius bietet das 22-stöckige Hotel Radisson Blu am Rande der Altstadt einen herausragenden Blick auf die barocken Schönheiten der 560 000-Personen-Stadt: auf den Burgberg, die träge dahinfliessende Neris und die vielfältigen Sportanlagen für die Jugendlichen, auf denen bei Schönwetter Hochbetrieb herrscht.

In Vilnius drängt im Frühling alles auf die Strasse. Die Saison ist kurz, in der man in Strassencafés oder Gartenanlagen abhängen kann. Zudem hat sich die Stadt auch einen Namen als Partymetropole für junge englische Studenten und für skandinavische Kampftrinker gemacht. Ballermannsche Eskapaden werden nicht geduldet. Da Litauen als einziger der drei baltischen Staaten katholisch ist, trifft man auch des Öftern auf Pilger aus Polen.

Das Gotische Ensemble, zwei Barockkirchen
Das Gotische Ensemble, zwei Barockkirchen aus Ziegel und ein Must für Vilnius-Besucher. (Bild: Hans Schneeberger)

Die Musts der Stadt teilt man sich in Frühling und Herbst mit Tausenden anderer Touristen. Das Gotische Ensemble zum Beispiel, ein wunderschönes Duo zweier Kirchen: der Annakirche, die aus 39 verschiedenen Ziegelarten erbaut wurde, und der dagegen fast schwerfällig wirkenden Bernhardinerkirche. Auch Museumsmuffel sollten sich auf keinen Fall das Museum für die Opfer des Völkermords im ehemaligen KGB-Haus am Gediminas-Prospekt entgehen lassen. Es gewährt einen offenbarenden Einblick in die litauische Seele: den Stolz auf den Widerstand gegen Nazis und Sowjets, den Hass auf das Terrornetzwerk des KGB und die Wut auf die Deportationen und Umsiedlungen von Zehntausenden von Menschen nach Sibirien.

Wieder draussen auf dem prächtigen Gediminas-Prospekt, kommt einem die entspannte Atmosphäre fast unwirklich vor. Aber sie ist Realität. Die Sowjetunion ist nur noch ein trüber Schimmer in der Vergangenheit. Heute dominieren Zara statt Zar und H&M statt KGB. Nur die immer noch durchaus deftige litauische Küche hat überlebt. Auch Double Whopper und Kentucky Fried Chicken konnten den Borschtsch, die russische Randensuppe, Schweinebraten oder schwere Sauerteigbrote nicht verdrängen. Wer in Litauen fasten will, ist definitiv am falschen Ort. Kalorienzählen ist erst zu Hause wieder angesagt.

Die Recherche dieser Reise wurde unterstützt von Travelhouse/Falcontravel, www.travelhouse.ch

Litauen, ein Fest für alle Sinne

Was Markus Roduner an Litauen liebt:

Essen: Im Sommer die feinsäuerliche, kalte Randensuppe mit Kefir, Šaltarščiai genannt.

Sehen: Das explodierende Grün im Frühling und der Blick auf die Dächer von Vilnius von einem Hügel aus.

Lesen: Die ergreifende Geschichte der ost-preussischen Kinder in «Mein Name ist Marytė» von Alvydas Šlepikas.

Spüren: Den rauschenden Wind in den Haaren bei einem Spaziergang an der Ostsee.

Riechen: Die Dieselwolken, die am Morgen von der Hafenanlage in Klaipeda herüberwehen.

Hören: Das Stimmengewirr der Zugvögel im Memeldelta.

Bilder: Hans Schneeberger

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