02. Mai 2018

Lino Guzzella über die Digitalisierung und die Zukunft der ETH

Der Präsident der ETH Zürich erklärt die Einzigartigkeit seiner Institution – und weshalb man an seinem Institut nicht primär rechnen, sondern denken lernt.

Lino Guzzella
Lino Guzzella: «Naturwissenschaft und Technik haben die Welt gesünder, reicher und sicherer gemacht.»

Lino Guzzella, wieso hat Zürich eigentlich eine technische Hochschule?

Man sagt, es habe einen Kampf um die Bundeshauptstadt zwischen Lausanne, Bern und Zürich gegeben. Bern hat bekanntlich gewonnen, Lausanne hat das Bundesgericht erhalten und die Zürcher als «Trostpreis» die technische Hochschule. Obs wahr ist, weiss ich nicht, aber «se non e vero, e ben trovato» (wenn es nicht wahr ist, ist es gut erfunden – die Red).

Weltweit haben die technischen Hochschulen ein sehr hohes Renommee.

Das war nicht immer so. Die ETH zum Beispiel hatte bis 1908 kein Recht, Doktortitel zu vergeben. Die technischen Hochschulen waren quasi die kleinen Geschwister der Universitäten, weil sie ja «nur Technik und Naturwissenschaften» gemacht haben. Dabei sind sie die Grundlagen unseres Wohlstands: Technik und Naturwissenschaften haben die Welt gesünder, reicher, sicherer und besser gemacht.

Sie haben sich aber nie den «grossen Fragen des Lebens» gewidmet ...

Das stimmt nicht. Eine der ganz grossen Fragen ist: Warum leben wir? Da können Sie noch so viel Kant und Aristoteles studieren, wenn Sie nicht wissen, weshalb ein Zitronensäurezyklus für den Menschen wichtig ist, dann haben Sie einen der wichtigsten Aspekte des Lebens nicht verstanden.

Der chinesische Unternehmer Jack Ma sagt, wenn wir uns auf den digitalen Wandel vorbereiten wollen, müssen wir nicht besser rechnen lernen, sondern wir müssen das tun, was Roboter nicht können – etwa kreativ denken.

Wenn Sie das Gefühl haben, an der ETH lerne man nur rechnen, sind Sie auf dem Holzweg. An der ETH lernt man zu denken und kreative Lösungen zu suchen: in mathematischen Kategorien, in streng logischen Kategorien, die Sie auch anderswo anwenden können, wie in der Grammatik.

Lino Guzzella zur Digitalisierung: «Ich verstehe die Ängste. Aber Angst ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber.»

Die Digitalisierung löst viele Ängste aus. Zu Recht?

Natürlich gibt es enorme Entwicklungen, in der Robotik, etwa im maschinellen Lernen. Aber jetzt deswegen den Weltuntergang und die Abschaffung der Menschheit zu verkünden, das ist einfach realitätsfremd. Der Mensch ist in seiner ganzen Komplexität fantastisch, und seine Leistungen sind immer wieder erstaunlich.

Aber die Grenzen zwischen dem, was ein Mensch und was eine Maschine ist, werden in Zukunft fliessender.

In gewissen Gebieten ja, in anderen nicht.

In welchen zum Beispiel nicht?

Bei urmenschlichen Qualitäten wie der Empathie, der Kreativität oder dem Verantwortungsbewusstsein. Oder in der Kombination körperlicher und kognitiver Fähigkeiten. Das unterschätzt man total. Der Mensch ist nicht nur das, was zwischen den Ohren stattfindet. Er ist viel mehr, er ist unglaublich vielschichtig. Man sagt zum Beispiel, dass wir mehr Nervenzellen im Bauch haben als im Hirn.

Trotzdem müssen Sie mit den Ängsten der Menschen vor Robotern umgehen können.

Ich verstehe diese Ängste. Aber Angst ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber. Wir aus der Wissenschaft müssen hier selber zur Aufklärung beitragen und die Ängste der Menschen vor dem technischen Fortschritt abbauen helfen.

Es gibt Studien, die besagen, dass in 20 Jahren die Hälfte der kaufmännischen Stellen verschwunden sein wird.

Ich finde es schon anspruchsvoll, die Entwicklung der nächsten zwei, drei Jahre abzuschätzen. Aber offenbar gibt es Leute, die genau wissen, was in 20 Jahren sein wird. Es gibt diese Oxford-Studie über die Jobs, die durch die Automatisierung gefährdet sind. Ich nehme an, Sie beziehen sich auf die.

Vergessen wir nicht: Es werden nicht nur Jobs verschwinden, sondern es werden auch neue entstehen.

Genau.

Da haben sich zwei Professoren mit etwa zehn Experten aus verschiedenen Fachrichtungen an einen Tisch gesetzt und zwei Stunden mit ihnen diskutiert. Dann haben sie 70 Berufe angeschaut und das Ganze extrapoliert auf 700 Berufe, ein Paper geschrieben und veröffentlicht. Das wird jetzt überall zitiert. Bitte, das ist einfach keine seriöse Wissenschaft.

Aber es gibt Arbeitsmarktexperten, die sagen, wir müssten uns darauf einstellen, dass wir künftig weniger bezahlte Arbeit haben.

Ich halte das für sehr fragwürdig. Vergessen wir nicht: Es werden nicht nur Jobs verschwinden und sich verändern, sondern es werden auch neue entstehen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Der Mensch ist ein Wesen, das gern Neues entdeckt, das gern kreativ ist. Die Menschen werden weiterhin Möglichkeiten der Beschäftigung finden. Natürlich stellt das neue Herausforderungen. Wir müssen die Leute teils umschulen. Das ist mühsam, aufwendig, aber so ist das Leben.

Die ETH hat ein Budget von 1,8 Milliarden. Zwei Drittel kommen vom Staat. Was kriegt er dafür?

Der Bund erhält pro Jahr 2000 hervorragend ausgebildete Studierende, die in die Wirtschaft, Verwaltung oder Forschung gehen und oder Firmen gründen. Es gibt Studien, die zeigen, dass für jeden Franken, den der Bund in die ETH investiert, etwa fünf Franken zurückfliessen. Wieso will jede Stadt in China oder in den USA eine technische Hochschule in der Nähe? Man hat verstanden, dass sie absolut zentral sind für wirtschaftlichen Fortschritt. Gute Hochschulen sind ein No-Brainer, wie die Amerikaner sagen würden, ein Selbstläufer.

Apropos Gehirn: Etwa vierzig Prozent der «Brains» an der ETH stammen aus dem Ausland, das heisst, das Know-how fliesst wieder aus der Schweiz ab.

Im Grundstudium sind es deutlich weniger, etwa 13 Prozent. Auf Masterstufe sind es 38 Prozent, bei den Doktoranden dann 70 Prozent. Aber von diesen Leuten bleiben mehr als 70 Prozent in der Schweiz. Damit bieten wir einen wichtigen Beitrag zur Sicherung des Fachkräftenachwuchses, den unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft dringend braucht.

In diesem globalen Konkurrenzumfeld hat jede Hochschule ihren Charakter, ihre Ausprägung. Wofür steht die ETH?

Für eine vernetzte Welt-Universität mit Schweizer Verankerung. Sie ist als eine der wenigen noch eine klassische öffentliche Hochschule. Das verstehen viele meiner Kollegen im Ausland nicht. Bei uns kann jede und jeder studieren, der eine eidgenössische Maturität hat. In keiner amerikanischen oder englischen Uni ist das möglich. Unsere Studienanfänger haben ein Jahr Zeit, um sich auf eine – sehr anspruchsvolle – Basisprüfung vorzubereiten. Auch wir selektionieren, aber nicht gleich beim Übertritt von der Mittelschule.

Quelle: Times Higher Education Ranking THE

Wieso macht die ETH jetzt eigentlich noch in der Medizin mit? Muss das sein?

Ja, das muss sein. Die ETH hatte immer schon eine starke Grundlagenforschung, die wichtig ist für Medizin und Gesundheit. Dreissig Prozent unserer Professorinnen und Professoren arbeiten heute in medizinrelevanten Bereichen. Vom Mikrobiologen bis hin zum Maschinenbauer, der Exoskelette für Behinderte baut. Und wir brauchen auch mehr medizinische Fachleute, da die Lebenswissenschaften eine der letzten «grossen Grenzen» ist. Wir verstehen auch heute das Leben noch nicht.

Ihre Tochter ist Medizinerin. Haben Sie bedauert, dass sie nicht an der ETH studiert hat?

Das Letzte, was ich meinen Kindern hätte vorschreiben wollen, wäre ihre Studienwahl. Ich habe ihnen damals einzig gesagt, sie dürfen nicht Maschinenbau an der ETH studieren, weil ich da Professor war.

Bloss ein Drittel der Studierenden an der ETH sind Frauen. Und nur gerade 14 Prozent der Lehrstühle sind durch eine Professorin besetzt.

Der Frauenanteil steigt langsam, aber stetig. Wir bemühen uns sehr und versuchen mit speziellen Programmen Schülerinnen für ein Studium bei uns zu motivieren. Besetzen wir eine Professur neu, geben wir bei gleichen Qualifikationen der Kandidatin den Vorrang.

Es gibt Frauen, die sagen, man dürfe nicht zimperlich sein, wenn man an der ETH studieren wolle, weil man sich halt unter Männern schon mal einen blöden Spruch anhören müsse.

Diskriminierung hat bei uns keinen Platz. Wir haben vergangenen Herbst die «Respekt»-Kampagne gestartet, um das Bewusstsein für einen fairen Umgang miteinander zu schärfen, und wir haben einen Verhaltenskodex geschaffen.

Ist das nicht einfach ein Papiertiger?

Ich kann Ihnen garantieren, dass bei mir die Geduld gegenüber dummen Sprüchen gegen null tendiert. Die ETH ist eine Welt-Universität und behandelt alle Menschen gleich. Das Einzige, was zählt, ist die Leistung. Herkunft und Geschlecht sind völlig egal. Wir wollen für die klügsten Köpfe der Welt die besten Bedingungen schaffen. Solche Sachen, die Sie angesprochen haben, die gibt es leider, aber wir tun alles, um sie abzustellen.

Wie sind die jungen Studenten heute? Was können sie besser oder schlechter als die Generationen vor ihnen?

Die jungen Leute heute sind genauso intelligent und begeisterungsfähig wie zu meiner Studienzeit. Aber in gewissen Gebieten sind sie weiter. Sie wissen faktisch viel mehr, da sie mit Internet und Google aufgewachsen sind. Was ich manchmal bedaure, ist, dass sie weniger konzentriert an einer Aufgabe arbeiten können.

Was sind die grossen Herausforderungen, die in den nächsten Jahren auf die ETH zukommen?

Dass die ETH die ETH bleibt. Die Konkurrenz nimmt massiv zu. In Europa, in den USA, vor allem aber in Asien. China hat heute schon in gewissen Bereichen die USA als Wissenschaftsmacht Nummer eins überholt. Wissen ist in Zukunft überall, jederzeit und zu null Kosten verfügbar. Da wird das Denken, das kreative Spielen mit diesem Wissen, noch wichtiger werden. 

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